Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Eine Leiche im Keller…

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Feierabend. Sogar mehr als Feierabend: Wochenende, achtundvierzig Stunden Freiheit, genaugenommen sind es sogar achtundvierzig plus acht plus… Was auch immer von heute noch übrig ist… Das macht… Ist ja egal. Ich bin jetzt zu müde zum Rechnen. Und Wochenendstimmung?
Hmm.
Ich sitze bei Gepetto, draußen auf der Terrasse unter einem Regenschirm und nippe an meinem doppelten Espresso.
Eigentlich sollen das ja Sonnenschirme sein, aber von Sonne ist gerade nicht viel zu sehen, stattdessen pladdert es kuebelweise auf das Bad Dingenskirchener Marktplatzkopsteinpflaster.
es pladdere…. Und pladdert… Und pladdert und ich denke an Oma Pachulske, die vom Pladdern nichts mehr mitkriegt, weil sie nämlich bei uns im Keller liegt, genaugenommen im Kühlraum neben der Prosektur, Zelle drei.
Vor knapp zwei Stunden haben wir sie runtergebracht, habe ich sie zusammen mit Jenny aus dem Bett auf die rumpelige Metallbahre gehoben, noch ein Laken darüber, den Rest der Bettwaesche in die bereitstehende Wäschetonne gehauen, dann das Bett in die Bettenzentrale, unreine Seite und während Jenny den Schlüssel an der Pforte abgibt gehe ich langsam durchs Treppenhaus rauf auf Station…
Hätten wir noch etwas tun können? Oder hätten wir sie nicht sogar eigentlich viel eher gehen lassen sollen?
Egal. Die Angehörigen sind gegangen und gerade sehe ich Schwester Paula um die Ecke biegen mit einem abgebrannten Teelicht in der Hand.
Natürlich sind Kerzen und offene Flammen aus Brandschutz-Gründen streng verboten.

Written by medizynicus

18. Mai 2012 at 20:42

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Skiurlaubsoap (Teil 9): Dr. Goldschneider

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Die beiden blonden Damen an der Rezeption sind ein zugegebenermaßen schöner Anblick. Allerdings denke ich mir, dass deren Designer-Outfit mit knappen Röckchen und fast durchsichtigen Blusen vielleicht ein wenig gewagt ist für medizinisches Assistenzpersonal. Dafür servieren sie uns richtig guten Espresso in Designertässchen und dazu leckere Amaretto-Kekse.
Anschließend geht es zunächst zum Röntgen. Erst danach dürfen Rachel und ich im Sprechzimmer Platz nehmen. Auch da ist alles ziemlich designermäßig: moderne Kunstwerke an den Wänden, ein Schreibtisch aus Glas und Chrom und Edelstahl und davor zwei unbequeme, dafür aber schick aussehende Stühlchen. Die sind für Patienten wie mich.
Der Herr Doktor hingegen thront in einem ledernen Chefsessel auf der anderen Seite des Schreibtischungetüms. Das heißt, momentan thront er noch gar nicht, weil wir müssen noch auf ihn warten.
So lange können wir uns die Röntgenbilder anschauen, die neben der Tür an einem riesigen Betrachterkasten aufgehängt sind.
Und dann kommt ER: Auftritt Dr. Goldschneider: Groß und athletisch, das grauweiße Haar kurz geschoren, leger im weißen Designer-Polohemd, weißen Jeans und weißen Marken-Turnschuhen. Fester Händedruck und joviales Lächeln. Blick aufs Röntgenbild, Griff ans Sprunggelenk, Griff ans Knie. Und bevor ich dazu komme, die Geschichte in aller Ausführlichkeit zu erzählen, winkt er ab:
„Sie haben eine Sprunggelenksdistorsion!“ sagt er.
Genau das sage ich meinen Patienten in der Notaufnahme auch, wenn ich mir halbwegs sicher bin, dass nichts gebrochen ist.
„Meine Mädchen machen Ihnen einen Aircast, Sie können sich die Farbe aussuchen…“
„Nein, keinen Gips!“
„Okay, dann nicht. mit dem Skifahren sollten Sie trotzdem pausieren. Wenn Sie ein Attest für die Versicherung brauchen…“
„Nicht nötig!“
„Okay, ich schreibe Ihnen etwas gegen die Schmerzen auf…“
Die Rechnung war übrigens fürstlich.
Interessant, zu sehen, dass es in unserer Branche offenbar doch noch durchaus lukrative Berufsfelder gibt.

Written by medizynicus

12. Februar 2010 at 07:04