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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Leih-Opas und Omas zu Ostern?

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Am vergangenen Mittwoch habe ich von Opa Müller berichtet, dem diesjänrigen „Osterhasen“ auf Station.
Das Thema ist ernst und leider traurig: alljährlich, nicht nur zu Ostern und Weihnachten, sondern auch zu anderen Feiertagen und natürlich auch zur Feriensaison landen eine Anzahl von älteren Menschen in Krankenhäusern, obwohl sie dort eigentlich nicht hingehören.
Zynische Kommentare in Richtung der Angehörigen helfen hier allerdings nicht weiter. Im Gegenteil: die Pflege eines alten Menschen ist Knochenarbeit und verlangt Aufopferung. Und die Pflegenden brauchen Urlaub und Zeit für sich selbst und die eigene Familie. Wer kann heutzutage verlangen, dass Kinder vor den Großeltern zurückstecken müssen?
Viele ältere Menschen sind einsam.

„Hätte ich Platz dafür, dürfte ein lieber Opa Müller gerne über Ostern zu uns kommen und mit unseren Kindern Ostereier suchen. Auch wenn er nicht blutsverwand ist“

schreibt Blogolade in einem Kommentar und ein anderer Kommentator, Jakob Kr. zitiert Gustav Heinemann:

„Den Charakter einer Gesellschaft erkennt man an ihrem Umgang mit den Alten“

Längst nicht alle einsamen alten Menschen sind dement oder pflegebedürftig, viele wären durchaus liebenswürdige Gäste und interessante Gesprächspartner. Deshalb frage ich mal an dieser Stelle: Wer von Euch würde über die Feiertage oder in der Urlaubszeit einen „Leih-Opa“ oder eine „Leih-Oma“ für begrenzte Zeit aufnehmen? Und wenn ja: gibt es irgendwo örtliche Projekte oder entsprechende Kontaktbörsen? Und falls nicht… wäre doch mal eine Idee, oder?

Written by medizynicus

23. April 2011 at 22:43

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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Wie Chirurgen sterben (Teil 5)

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Telefon klingelt, Pforte ist dran, Gespräch von draußen.
„Darf ich durchstellen?“
„Wer denn?“
„Ein Herr Großbaum!“
„Aha?“
„Ich stell‘ denn mal durch!“
Pause.
„Ja?“
„Ja!“
„Äh… ja…?“
„Herr Doktor? Bin ich richtig verbunden?“
„Mit wem spreche ich denn?“
„Ja, Großbaum, ich wollte mich mal nach meinem Vater erkundigen!“
Mir wird siedend heiß. Vorsicht, dünnes Eis! Hieß es denn nicht, der hätte keine Angehörigen mehr?
„Äh… ja… was wissen Sie denn bislang?“
Die Stimme am anderen Ende der Leitung wird etwas ungeduldig.
„Hören Sie, mein Vater liegt seit zwei Wochen bei Ihnen liegt mit metastasierendem Bronchialkarzinom und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung im Terminalstadium. Und letztens haben Sie ihm…“
Aha, der kennt sich aus!
„Ähem… ich nehme an, Sie sind Kollege?“
„Mein Name ist Thomas Großbaum, ich bin Professor am Lehrstuhl für…“
„Ist schon gut, Entschuldigung. Also, was Ihren Vater betrifft: der Zustand ist stabil, natürlich in Anbetracht der Gesamtsituation, die Ihnen ja bekannt ist…“
„Hmmm.“
„Möchten Sie selbst mit ihm sprechen?“
„Oh, das geht?“
Die Stimme klingt erfreut.
„Natürlich geht das. Sie können ihn auch besuchen, wenn Sie möchten!“
Kleiner Wink mit dem Zaunpfahl.
„Hmmm. Hmmm. Mal sehen…“
Die Stimme klingt ein wenig verlegen.
„…aber wenn Sie mich durchstellen könnten…“
Wieder mal ein gutes Werk getan.
Denke ich mal.

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  • Written by medizynicus

    15. August 2010 at 07:12

    Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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