Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Gastroenteritis

Strafdiagnostik

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Sarah ist stinksauer.
„Der hat mich angekotzt!“
„Wer?“
„Dieser Patient in der Notaufnahme…“
„Oh ja, das kenne ich! Mich kotzen die Patienten auch manchmal an!“
„Nee, ich meine so richtig. Im Schwall.“
„Er hat im Schwall erbrochen?“
Sarah nickt.
„Ja, das kommt vor. Wir befinden uns ja schließlich in einem Krankenhaus!“
„Aber ich sage Dir, der hat das mit Absicht gemacht! Der hat sich noch extra zu mir hingedreht, und obwohl ich ihm eine Nierenschale angereicht habe…“
Ich glaube ihr. Sowas gibt’s wirklich. Man weiß zwar nicht warum, aber das gibt’s. Manche Dinge will man auch gar nicht verstehen.
„Und jetzt?“
„Also ich gehe da nicht mehr hin!“
Na gut, dann werde ich wohl den ritterlichen Retter spielen müssen. Wieder mal. Tu ich ja gerne. Zumindest für Sarah.
„Wie wär’s mit ein bißchen Diagnostik?“ frage ich.
Sarah runzelt die Stirn.
„Also… zuerst einmal muss er natürlich rektal untersucht werden…“
Das heißt auf gutdeutsch: Finger in den Hintern. Des Patienten natürlich.
„Ich nehme an, Du hast das noch nicht getan?“
Sarah schüttelt den Kopf.
Ich ziehe streife mir Gummihandschuhe über und lege vorsichtshalber eine Plastikschürze an.
„Und dann… wäre vielleicht ein disziplinarischer Einlauf fällig…“ fahre ich fort, „am besten ein ordentlicher hoher Senkeinlauf. Medizinisch ist das allemale gerechtfertigt!“
„…und dann verstrahlen wir ihn!“ wirft Kalle ein, „Ein Abdomen CT ist in jedem Fall indiziert. Und natürlich eine Darmspiegelung. Die mache ich. Höchstpersönlich!“
Er grinst.

Written by medizynicus

17. Februar 2011 at 05:24

Kräksjuka oder: die schwedische Kotzkrankheit

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Eine stürmische Winternacht irgendwo in Deutschland. Beim Diensthabenden Hausarzt klingelt das Telefon.
„Herr Doktor! Sie müssen rauskommen. Sofort!“
„Äh…. worum geht es denn?“
„Mein Kind ist krank. Sie kommen doch, oder?“
„Darf ich vielleicht fragen…?“
„Das erzähle ich Ihnen gleich, wenn Sie bei uns sind. Telefonieren kostet schließlich Geld und Sie sind ja eh in zehn Minuten hier, oder?“
Der Herr Doktor ist ein guter Hausarzt vom alten Schlag und steigt deshalb – wenn auch nach einem leichten Seufzer – unverzüglich ins Auto.
Im Hausflur des Patienten stellt er dann ein paar Fragen und erfährt von den besorgten Eltern, dass das Kind heute früh aus dem Kindergarten heimgeschickt worden ist weil es erbrochen hat und jetzt hat es immer noch Durchfall. Nach ein paar weiteren Fragen ist der Herr Doktor sich sicher, dass keine akute Gefahr für Leib und Leben besteht. Und nachdem er dann – da er ja nun einmal da ist – einen Blick auf das friedlich schlafende Kind geworfen hat, bestätigt sich diese Meinung und mit ein paar guten Ratschlägen kann der Herr Doktor die Eltern beruhigen.
Szenenwechse.
Dieselbe stürmische Winternacht, ein paar hundert Kilometer weiter nördlich.
In einer schwedischen Notdienstzentrale klingelt das Telefon.
„Herr Doktor, mein Kind ist krank….“
Der Herr Doktor stellt ein paar Fragen, ist sich daraufhin sicher dass keine akute Gefahr für Leib und Leben besteht und gibt am Telefon die entsprechenden Ratschläge.
So läuft das da oben. Kräksjuka heißt die Kotzkrankheit in Schweden und eine gute Beschreibung findet sich bei Gunnar Herrmann: „Elchtest“ – ein Jahr in Bullerbü“.
Handelt der schwedische Doktor fahrlässig? Was wäre, wenn das Kind doch unter extremem Flüssigkeitsmangel leidet oder sich hinter der vermeintlichen Magen-Darm-Grippe gar eine lebensgefährliche Meningokokkensepsis versteckt?
Schwedische – und auch britische – Notdienstzentralen haben in jahrelanger Arbeit ein exaktes telefonisches Triagesystem entwickelt, welches solche seltenen, aber gefährlichen Verläufe mit erstaunlicher Treffsicherheit aufspüren kann. Und im Internet findet sich gutes Informationsmaterial.
Haben deutsche Kinder also mehr Glück als britische oder schwedische Kinder?
Schwedische oder britische Kinder sterben nicht häufiger an den Folgen einer Gastroenteritis.
Und der Herr Doktor?
Der ist auf dem Rückweg bei vierzig Zentimeter Neuschnee auf der ungeräumten Straße ins Schleudern gekommen und im Straßengraben gelandet. Hat Glück gehabt. Das Auto ist zwar nur noch Schrott, aber ihm selbst ist außer ein paar Prellungen nichts passiert.

Written by medizynicus

26. November 2010 at 07:27

Selbst ist die Frau

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Wie ich schon sagte: Sarah ist seit heute endlich wieder da.
„Schön, Dich wieder zu sehen!“ sage ich, als sie mir in der Frühbesprechung über den Weg läuft.
Es ist ernst gemeint, aber sie grinst und streckt mir die Zunge raus.
„Geht’s Dir wieder gut?“
Sie nickt.
„Erzähl, was war denn los?“
Ich weiß, das ist indiskret, aber ich bemühe mich, so zu klingen als sei es nicht Neugier sondern Mitgefühl.
„Später!“ sagt sie und verschwindet auf Station.
Am Nachmittag kam ich dann – so ganz zufällig – mal bei ihr vorbei um Hallo zu sagen. Ich finde sie in der Stationsküche. Also greife ich mir einen Kaffee und setze mich mit breitem Grinsen ihr gegenüber.
„Also, erzähl! Was war los?“
„Akute Gastroenteritis.“
„Hat das Noro-Virus zugeschlagen?“
„Nee, ich würde mal sagen, die Meeresfrüchte-Pizza von Sonntag Abend war’s!“
Richtig, wir waren nach der Rückkehr vom Skiurlaub Montag Abend noch Pizza essen weil keiner Lust hatte zu kochen.
Und anschließend hatte Sarah gesagt, dass sie sich nicht so ganz wohlfühlte, aber wir alle hatten darüber gewitzelt und letztendlich war auch sie selbst fest davon überzeugt, dass ihre Übelkeit eher etwas mit Andreas’s rasantem Fahrstil zu tun gehabt hatte.
„Kaum war ich zu Hause angekommen, da ging’s los!“ berichtet sie, „Ich denke mal, Du legst keinen Wert auf die Einzelheiten…“
Muss nicht sein.
„Kannst Du Dir jedenfalls denken. Ich habe den überwiegenden Teil der Nacht auf dem Klo verbracht. Ich hatte trotzdem den Wecker gestellt, bin aufgestanden, und wollte zum Dienst kommen, aber Andreas hat mich überredet, daheim zu bleiben!“
Ich gefriere zur Eissäule. Was hat der Kerl in ihrer Wohnung zu suchen?
Sarah bemerkt das zum Glück nicht.
„…also habe ich meinen Hausarzt angerufen: Hey, ich brauche Infusionen. Er ist auch wirklich prompt gekommen und hat mir eine Infusion gelegt!“
„Echt? Zu Hause in Deiner Wohnung? Wie hast Du das denn hingekriegt?“
„Na, ich habe die Flasche an der Deckenlampe aufgehängt. Er hat mir auch noch ein zweites Infusionsbesteck und eine zweite Flasche Ringer-Lösung für den nächsten Tag dagelassen. Da war aber leider die Braunüle schon zu. Also habe ich mir selbst eine Nadel gelegt….“
„Sowas geht?“
Ich bin ja kein Weichei. Aber mir selbst…? Nee, das könnte ich nicht! Sarah hingegen ist völlig unbeeindruckt und schaut mich an, als sei dies die normalste Sache der Welt.
„Wieso nicht? Andere Leute operieren sich selbst den Blinddarm heraus!“

Written by medizynicus

19. Februar 2010 at 20:48