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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Die Namen der Pillen (Teil 2)

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Also, zunächstmal möchte ich doch all den Kommentatoren danken – insbesondere Kelef und McCloud, die das Wesentliche längst wunderbar erklärt haben.
Fassen wir also zusammen:
Nehmen wir an, ein paar Forscher wollen ein neues Medikament entwickeln.
Zum Beispiel ein Schmerzmittel.
Sie testen verschiedene Substanzen aus und stellen fest, hey, eine davon funktioniert ja tatsächlich! Man durchläuft die langwierigen und komplizierten Phasen der klinischen Testung und, hey presto, am Ende ist da ein neues Medikament.
Das besteht aus einer chemischen Substanz, die sich – gemäß den Richtlinien für Nomenklaturen chemischer Substanzen – beschreiben lässt.
Lange und komplizierte Moleküle haben lange und komplizierte Namen.
Beispiel gefällig?
Wie wäre es mit: 2-[2-(2,6-Dichlorphenylamino)phenyl]acetat
Kann das irgendwer aussprechen?
Allein schon die Schreibweise mit den vielen Zahlen und runden und eckigen Klammern ist ja eine Kunst für sich! Damit das Zeug halbwegs über die Zunge kommt – also ich meine jetzt die Zunge des Wissenschaftlers, nicht die des potentiellen Patienten – ist also eine Vereinfachung fällig. Lassen wir also ein paar Zahlen und Klammern weg, auch ein paar Buchstaben:
2-[2-(2,6-Dichlorphenylamino)phenyl]acetat.
Diclophenac. Oder Diclofenac.
Klingt doch schon etwas einfacher, oder?
Das ist jetzt der Begriff, den Wissenschaftler verwenden, wenn sie von der neuen Substanz sprechen.
Das ist dann der Internationale Freiname oder „Generic Name“ des neuen Medikaments. Den Begriff darf jeder verwenden, er ist nicht gesetzlich geschützt.
Gut, wir haben also tatsächlich ein neues Medikament.
Und das geht jetzt in Serie, es wird produziert und es muss vermarktet werden.
Dazu braucht der Hersteller – der natürlich flugs ein Patent angemeldet hat – einen neuen Begriff, der einzigartig ist, denn man will ja, dass der Käufer an das Produkt der eigenen Firma denkt und nicht an irgendwelche chemischen Substanzen.
Wie findet man einen solchen Markennamen?
Heutzutage hat jeder Pharmakonzern natürlich eine hochbezahlte Marketing-Abteilung und das „Branding“ ist eine richtige Wissenschaft für sich… früher ging man da viel hemdsärmeliger vor: Im Falle der oben beschriebenen Substanz schaute also der Mitarbeiter der betreffenden Abteilung mal kurz aus dem Fenster und stellte fest, dass er sich in der schönen Stadt Basel auf dem hässlichen Volta-Platz befand und – hey, Presto, das Zeug heißt bis heute Volta-ren (danke, Pharmama!).
Was bedeutet das für uns Ärzte?
Die meisten Medikamente haben mindestens zwei Namen. Das ist sehr verwirrend. Sowohl für die Patienten, als auch für alle Angehörigen von Berufsgruppen, die professionell mit dem Verteilen von Medikamenten zu tun haben.
Medizinisch macht das Ganze jedenfalls keinen Sinn.
Und im schlimmsten Fall gefährdet es sogar Menschenleben.

Written by medizynicus

9. Februar 2012 at 23:47

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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