Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Gesundheitssystem

in den Knast, weil der Arzt zu teuer ist

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Wir befinden uns in einem Gerichtssaal in einer Kleinstadt in West-Spelunkistan. West-Spelunkistan gehört bekanntlich zu den reichsten Gegenden des Landes, es gibt dort eigentlich alles, was ein Mensch so braucht, unter anderem auch exzellente Kliniken mit allen Schikanen.
Allerdings ist West-Spelunkistan nur deshalb so reich, weil dort gnadenlos freie Marktwirtschaft herrscht und das heißt auch: wer zum Arzt geht, der zahlt. Käsch in die Tässch. Das heißt, alle gängigen Kreditkarten werden natürlich auch genommen, aber wer weder über Bargeld noch über Kreditkarten verfügt, der hat schlechte Karten. So wie dieser etwas angegraute Herr, der hier und heute vor dem Richter steht.
„Ihnen wird vorgeworfen, eine Bank überfallen zu haben,“ sagt der Richter mit strenger Stimme, „und ich frage Sie jetzt: Sind Sie schuldig oder nicht schuldig?“
„Schuldig!“ sagt der Angeklagte, „komme ich jetzt endlich ins Gefängnis?“
Der Richter schaut ihn erstaunt an. Die Sache scheint ja unerwartet schnell zu gehen. Ob man den Fall vielleicht noch vor der Mittagspause abschließen kann? Aber zunächst sollte man den Angeklagten ja noch nach seinen Tatmotiven fragen, das gehört schließlich zum guten Ton!
„Ich bin krank, Herr Richter!“ sagt der, „und ich habe keine Versicherung und kein Geld, um mir die Behandlung leisten zu können!“
„Aha, und Sie dachten also, dass Sie mit der Beute…“
„Nein, nicht mit der Beute, Herr Richter. Die gebe ich ja gerne sofort wieder zurück. Aber im Gefängnis gibt es doch eine Krankenstation, nicht wahr, Herr Richter? Wenn Sie mich nur schnell dahin schicken würden…“
„Sie wollen also das System manipulieren!“
„Nein, Herr Richter… ich bitte Sie nur darum, mich schnell zu verurteilen, Weil, Sie wissen schon, ich muss dringend zum Arzt….“
Alles erstunken und erlogen?
Keineswegs! Echt passiert. Und zwar nicht in Spelunkistan.

Written by medizynicus

22. Juni 2011 at 23:03

Jetzt mal im Ernst: ein Gesundheitssystem, wie ich es mir wünsche…

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okay, okay. Den Job des Gesundheitsministers werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr kriegen und inzwischen bin ich mir auch gar nicht mal mehr so sicher, ob ich ihn überhaupt haben will. Wohl eher nicht, denke ich mal.
Aber wenn… wenn ich wirklich so ein Zauberstäbchen hätte… oder eine gute Fee… oder ein nettes Christkind… oder ein paar nette Revoluzzer, die wo Revolution machen… ja, was dann?
Es ist nämlich gar nicht so einfach, sich Gesundheitswesen auszudenken, welches fair und gut ist: fair gleichermaßen für all diejenigen Menschen, welche es irgendwann im Laufe ihres Lebens als Patienten in Anspruch nehmen könnten, fair für diejenigen, die es finanzieren müssen und dann auch noch fair für diejenigen, welche für dieses System arbeiten, also die entsprechenden Dienstleistungen erbringen sollen.
Ja, und gut sollte das System sein. Und dabei darf es natürlich nicht viel kosten.
Gibt’s sowas?
Vielleicht. Ich da hätte eine Idee. Eine Idee, die eigentlich gar nicht revolutionär ist. Viele andere Leute sind da schon vor mir drauf gekommen, (zum Beispiel auch einige meiner klugen Kommentatoren). Eigentlich kommt jeder, der sich ernsthaft Gedanken über die Sache macht früher oder später darauf.
Ich will ein staatliches Gesundheitssystem.
Aber warum? Ist der Staat nicht böse?
Hey, Leute! Der Staat, in dem wir leben, ist eine Demokratie. Politiker sind, was auch immer man ihnen vorwirft, durch den Willen der Wähler legitimiert, sie sind prinzipiell kontrollierbar und man kann sie auch wieder abwählen.
Das kann man mit Industriekapitänen nicht so einfach machen und mit Krankenkassenbossen auch nicht. Kurz und gut: Ich traue unserem Staat mehr zu als diesem undurchschaubaren Gewurschtel und Gewusel an Lobbykraten und Bürohengsten, welche das bundesdeutsche Gesundheitswesen heute im Griff haben.
Also: Ich will eine einzige, große staatliche Gesundheitsbehörde.
Diese Behörde ist gleichzeitig Krankenkasse und Eigentümer und Betreiber aller (oder sagen wir: fast aller) Krankenhäuser und auch die meisten Hausarztpraxen und ambulanten Versorgungseinrichtungen.
Die große staatliche „Einheitskrankenkasse“ bietet eine Grundversorgung für alle: Jeder wird behandelt, egal ob angestellt, selbständig, Rentner, arbeitslos oder sonstwas.
Finanziert wird das Ganze aus den Steuern, die vom Finanzamt eingezogen werden.
Ein demokratisch gewähltes Kontrollgremien hat die letzte Entscheidung darüber, welche Leistungen erbracht und bezahlt werden. Ein wissenschaftlicher Aussschuss – in welchem nicht nur Ärzten und Naturwissenschaftlern sondern zum Beispiel auch Ethiker und Gesundheitsökonomen sitzen berät dieses Gremium. Die entsprechenden Berichte sind übrigens öffentlich.
Was Medikamente angeht: Es gibt es eine klare und deutliche „Positivliste“ von „erlaubten“ Wirkstoffen.
Die Medikamentenhersteller geben ihre Pillen in Großpackungen an die Apotheken ab, der Apotheker gibt sie dann in neutraler Verpackung, welche mit dem Namen des Wirkstoffes bezeichnet wird, an die Verbraucher weiter, und zwar in genau der Menge, die vom Arzt rezeptiert wird (das können auch drei einzelne Tabletten sein. Manchmal braucht man nicht mehr).
Ärzte in Krankenhäusern und ambulanten Versorgungseinrichtungen arbeiten zusammen. Krankenhausambulanzen dürfen uneingeschränkt ambulante Patienten behandeln und Hausärzte können stationäre Patienten in „Belegbetten“ betreuen.
Klingt doch gut, oder?
Ein schöner Vorsatz fürs Neue Jahr…
…okay… vielleicht fürs übernächste….

Written by medizynicus

31. Dezember 2010 at 05:28

Kräksjuka oder: die schwedische Kotzkrankheit

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Eine stürmische Winternacht irgendwo in Deutschland. Beim Diensthabenden Hausarzt klingelt das Telefon.
„Herr Doktor! Sie müssen rauskommen. Sofort!“
„Äh…. worum geht es denn?“
„Mein Kind ist krank. Sie kommen doch, oder?“
„Darf ich vielleicht fragen…?“
„Das erzähle ich Ihnen gleich, wenn Sie bei uns sind. Telefonieren kostet schließlich Geld und Sie sind ja eh in zehn Minuten hier, oder?“
Der Herr Doktor ist ein guter Hausarzt vom alten Schlag und steigt deshalb – wenn auch nach einem leichten Seufzer – unverzüglich ins Auto.
Im Hausflur des Patienten stellt er dann ein paar Fragen und erfährt von den besorgten Eltern, dass das Kind heute früh aus dem Kindergarten heimgeschickt worden ist weil es erbrochen hat und jetzt hat es immer noch Durchfall. Nach ein paar weiteren Fragen ist der Herr Doktor sich sicher, dass keine akute Gefahr für Leib und Leben besteht. Und nachdem er dann – da er ja nun einmal da ist – einen Blick auf das friedlich schlafende Kind geworfen hat, bestätigt sich diese Meinung und mit ein paar guten Ratschlägen kann der Herr Doktor die Eltern beruhigen.
Szenenwechse.
Dieselbe stürmische Winternacht, ein paar hundert Kilometer weiter nördlich.
In einer schwedischen Notdienstzentrale klingelt das Telefon.
„Herr Doktor, mein Kind ist krank….“
Der Herr Doktor stellt ein paar Fragen, ist sich daraufhin sicher dass keine akute Gefahr für Leib und Leben besteht und gibt am Telefon die entsprechenden Ratschläge.
So läuft das da oben. Kräksjuka heißt die Kotzkrankheit in Schweden und eine gute Beschreibung findet sich bei Gunnar Herrmann: „Elchtest“ – ein Jahr in Bullerbü“.
Handelt der schwedische Doktor fahrlässig? Was wäre, wenn das Kind doch unter extremem Flüssigkeitsmangel leidet oder sich hinter der vermeintlichen Magen-Darm-Grippe gar eine lebensgefährliche Meningokokkensepsis versteckt?
Schwedische – und auch britische – Notdienstzentralen haben in jahrelanger Arbeit ein exaktes telefonisches Triagesystem entwickelt, welches solche seltenen, aber gefährlichen Verläufe mit erstaunlicher Treffsicherheit aufspüren kann. Und im Internet findet sich gutes Informationsmaterial.
Haben deutsche Kinder also mehr Glück als britische oder schwedische Kinder?
Schwedische oder britische Kinder sterben nicht häufiger an den Folgen einer Gastroenteritis.
Und der Herr Doktor?
Der ist auf dem Rückweg bei vierzig Zentimeter Neuschnee auf der ungeräumten Straße ins Schleudern gekommen und im Straßengraben gelandet. Hat Glück gehabt. Das Auto ist zwar nur noch Schrott, aber ihm selbst ist außer ein paar Prellungen nichts passiert.

Written by medizynicus

26. November 2010 at 07:27

Gehen oder Bleiben?

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Mein Beitrag über die Migrationskette hat eine interessante Diskussion in Gang gebracht.
Fassen wir zusammen:

  • Kalle sagt, es sei unethisch, wenn ein Arzt sein Land verlässt, in dem er gebraucht wird um anderswo mehr Geld, bessere Arbeitsbedingungen oder mehr Lebensqualität zu finden.
  • Patrick sieht das anders. Er fühlt sich nicht für die Misere des deutschen Gesundheitswesens verantwortlich. Er ist mit seiner Familie nach Schweden ausgewandert, weil er dort mehr Lebensqualität, bessere Arbeitsbedingungen und (vielleicht auch) mehr Geld gefunden hat.

Wer hat nun Recht?
Ist Patrick ein skrupelloser Vaterlandsverräter, der nur seinen eigenen Vorteil sucht? Oder ist Kalle ein weltfremder Idealist, der verzweifelt versucht, etwas zu retten, wo es nichts mehr zu retten gibt?
Ein wenig erinnert mich die Diskussion an das, was im Sommer 1998 in der damaligen DDR ablief (nein, war nicht dabei!). Wir erinnern uns:
Jener Staat lag in seinen letzten Zügen. Tausende, Zehntausende von Menschen sind in den Westen abgehauen: anfangs über Ungarn und Österreich, später über die westdeutsche Botschaft in Prag. Die Leute haben mit den Füßen abgestimmt. Sie sind gegangen sind, weil sie der Ansicht waren dass in der DDR nichts mehr zu reformieren gab.
Das Ergebnis ist bekannt.
Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung aber ist bekanntlich dort geblieben. Die meisten sicher aus Bequemlichkeit. Einige aber haben sich ganz bewusst gegen die Emigration in den Westen entschieden, weil sie hofften, dort etwas Neues aufbauen zu können, vielleicht so etwas wie eine „Richtig demokratische Republik Ostdeutschland“ aufzubauen.
Was wäre, wenn sie sich durchgesetzt hätten?
Wieviel Idealismus braucht ein Arzt? Und wieviel Realitätssinn?
Ist das deutsche Gesundheitssystem wirklich so marode wie die DDR vor einundzwanzig Jahren?

Written by medizynicus

10. November 2010 at 05:59

Ist das Deutsche Gesundheitssystem noch zu retten?

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Das ist oft genug versucht worden.
Seit Jahrzehnten folgt eine Gesundheitsreform nach der Anderen. Politiker aller Parteien beißen sich regelmäßig die Zähne daran aus und noch kein Gesundheitminister hat es geschaft, sich dauerhaft die Sympathien von Ärzten, (potentiellen) Patienten und Krankenkassenbeitragszahlern zu sichern.
Dabei sind die Probleme seit langem bekannt:
Das deutsche System ist kompliziert, bürokratisch und getrieben von zahllosen Partikularinteressen.
Und die Lösung wäre: Bürokratie abbauen, die ganze Sache irgendwie einfacher machen und versuchen, die Partikularinteressenten an einen Tisch zu bringen.
Aber das ist eben nicht so einfach.
So wundert es auch nicht, wenn die Antwort auf die obige Frage ein klares „Nein“ ist, zumindest wenn man einer Ärzte-Umfrage der CompuGroup Medical (das ist die Firma, welche die Computersysteme für Arztpraxen herstellt) glauben mag.
Und die Antwort:
Am besten alles so lassen wie bisher.
Besser wird’s dann zwar nicht, aber man kann halt weiter jammern.

Written by medizynicus

1. August 2010 at 07:53

Gute Medizin – böse Medizin

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Okay, Leute als weiterer Beitrag zur Ärztegehältergesundheitskostendiskussion hier also wiedermal ein Fallbeispiel.
Herr Müllermeierschmidt ist Patient. Seit zwei Tagen hat er Halsschmerzen und leichten Husten, kein Fieber. Weil er nicht weiß, ob er morgen zur Arbeit gehen soll, sucht er den Doktor auf.
Herr Müllermeierschmidt wohnt in Nordspelunkistan, wo bekanntlich nach der großen vaterländischen Revolution der Sozialismus ausgebrochen ist, so richtig mit böser Staatsmedizin und allem was dazu gehört.
Der Doktor, den Herr Müllermeierschmidt aufsucht arbeitet in einem tristen sozialistisch-grauen Plattenbau und Herr Müllermeierschmidt muss an der Rezeption die Versicherungskarte vorzeigen (wie alle Bürger von Nordspelunkistan gehört er der Einheitskrankenkasse an), bekommt dann eine Wartemarke und muss im sozialistisch-grauen Wartezimmer Platz nehmen. Nach einer Stunde Wartezeit wird er endlich aufgerufen. Der Doktor kuckt ihm kurz in den Hals, hört auf die Lunge, misst Fieber und sagt dann:
„Sie haben einen Virusinfekt. Nichts dramatisches. Nehmen Sie Paracetamol, trinken Sie ausreichend und lassen es mal etwas ruhig angehen…“
„Kriege ich denn kein Rezept?“
„Paracetamol kriegen Sie rezeptfrei in der sozialistisch-grauen Apotheke nebenan.“
„Kein Antibiotika?“
„Brauchen Sie nicht!“
„Keinen Krankenschein?“
„Sie wissen doch, bei uns in Nordspelunkistan braucht man erst nach drei Tagen einen Krankenschein!“
„Und wann soll ich wiederkommen?“
„Wenn es schlimmer wird.“
„Und wenn es nicht schlimmer wird? So zur Kontrolle oder so?“
„Nicht nötig.“
Herr Müllermeierschmidt ist enttäuscht.
„Und weshalb bin ich jetzt zum Arzt gegangen und habe eine Stunde Lebenszeit im Wartezimmer vergeudet?“
„Wo wir beim Thema wären, Herr Müllermeierschmidt! Sie müssen wirklich nicht wegen jeder Erkältung zum Arzt rennen. Das nächste Mal können Sie sich auch gleich ins Bett legen, ausreichend trinken und bei Bedarf ein paar Paracetamol einwerfen. Es gibt allerdings ein paar Dinge, auf die Sie achten sollten….“
Der Doktor gibt Herrn Müllermeierschmidt ein kleines Informationsblättchen.
„Hier, sehen Sie: sollten Sie hohes Fieber über vierzig bekommen oder Atemnot oder unstillbares Erbrechen…“
„Schon gut, schon gut!“
Herr Müllermeierschmidt steckt das Blättchen ein und ist sich sicher, dass er den Doktor demnächst erst dann wieder aufsuchen wird, wenn er wirklich krank ist.
Dem Doktor ist’s egal. Er kriegt sein sozialistisches Fixgehalt als Angestellter des Nordspelunkistanischen Staatlichen Gesundheitsdienstes.
Egal ob Herr Müllermeierschmidt jeden Tag auf der Matte steht oder ob er nur alle zehn Jahre einmal kommt: der Doktor kriegt dasselbe Gehalt. Das ist nicht fürstlich, aber der Doktor geht jeden Tag pünktlich um sechzehn Uhr dreißig nach Hause.
Herr Müllermeierschmidt trollt sich. Und er denkt an seinen Schwager, Herrn Schmidtmeiermüller, der wohnt nämlich im kapitalistischen Südspelunkistan.

Written by medizynicus

2. Juli 2010 at 07:41

Sie müssen röntgen, röntgen, röntgen!

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Bad Dingenskirchen, morgens um acht. Frühbesprechung in der Notaufnahme. Kalle hat Dienst gehabt und betet die Erlebnisse der letzten Nacht herunter.
Müde klappt er die Kladde mit den Patientennamen zu.
„Ach ja, Einen habe ich noch vergessen: Fünfundzwanzigjähriger Junge, Zustand nach mehreren Weizenbier, ist nachts um drei auf dem Heimweg von der Party mit dem Fuß umgeknickt. War alles in Ordnung. Habe ich heimgeschickt. Vielen Dank, das war’s“
Er gähnt.
Dr. Biestig, der chirurgische Oberarzt schaut ihn scharf an.
„Wo ist denn das Röntgenbild?“
„Gibts nicht.“
Biestigs Miene verdüstert sich.
„Gibts nicht?“
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich ihn nicht habe röntgen lassen.“
Biestigs Gesicht nimmt eine gefährliche Färbung an. Er ist berühmt für seine cholerischen Ausbrüche. Wir alle treten instinktiv einen Schritt zurück. Nur Kalle nicht.
„Was soll das heißen?“
„Wissen Sie, Herr Oberarzt, wenn man mich nachts um drei aus dem Bett klingelt weil ein Patient wartet, dann ist das normal. Aber man muss nicht unbedingt die Röntgen-MTA aus dem Bett werfen, wenn es nicht notwendig ist. Ich habe sie halt schlafen lassen. Ich habe dem Jungen einen Salbenverband gemacht und ihn mit den üblichen Ratschlägen nach Hause geschickt.“
„Warum haben Sie ihn nicht geröntgt?“
„Weil es nicht notwendig war.“
„Bei uns wird immer geröntgt!“
„Herr Oberarzt, was Sie mit Ihren Patienten machen, ist Ihre Sache. Ich bin nur ein dummer Internist…“
„Jawoll, Sie sind Internist! Wie können Sie entscheiden, ob der Fuß nicht gebrochen war? Was ist mit der Diagnostischen Sicherheit?“
„Indem ich den Patienten sorgfältig untersuche. Der Patient ist mit dem Fuß nach innen umgekickt. Also ein leichtes Suppinationstrauma. Keine Schwellung, kein Hämatom, kein Druckschmerz über dem Knöchel. Herr Oberarzt, Sie sind der Fachmann: Sie kennen die Ottawa-Regeln. Die wurden von internationalen Experten aufgestellt, um Patienten vor unnötigen Röntgenaufnahmen und unnötiger Strahlenbelastung zu schützen…“
„Und wenn es doch gebrochen war?“
„Ich habe ihm gesagt, dass er wiederkommen soll, wenn die Schmerzen schlimmer oder in den nächsten Tagen nicht besser werden…“
„Trotzdem: Wenn Sie eine Fraktur übersehen haben, sind Sie dran!“
„Nicht, wenn ich mich an international anerkannte Leitlinien halten und die sagen…“
„Diese Leitlinien können Sie sich sonstwohin stecken! Bei mir zählt nur das, was ich selber sehe! Bei mir wird jede Sprunggelenksverletzung geröntgt, auch nachts um drei! Sie können nie eine Fraktur ausschliessen, ohne ein Röntgenbild gemacht zu haben…“
„Und was wären die Konsequenzen gewsen? Wären Sie nachts dann um drei rausgekommen um ihn dann auf der Stelle zu operieren? Oder hätten sie bei den milden Beschwerden bis zum Morgen gewartet?“
Biestig wird rot und schüttelt den Kopf.
„Ist ja egal. Ich sage es trotzdem: Sie müssen röntgen, röntgen, röntgen!“

Written by medizynicus

13. August 2009 at 11:00

Mehr Bürokratie wagen! – Ausschreibung zum Kafka-Award 2009

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Ab sofort nimmt das Bürgerforum für Bürokratie im Alltag Nominierungen für den diesjährigen Kafka-Award entgegen.
Mit dieser weltweit einmaligen Auszeichnung sollen besondere Leistungen auf dem Gebiet der Bürokratie im Gesundheitswesen gewürdigt werden.
Hierzu zählen zum Beispiel ausserordentlich lange, komplizierte oder verschlungene Dienstwege, unübersichtliche Formulare (insbesondere solche, die ausschliesslich handschriftlich auszufüllen sind) oder auch außergewöhnliche Werke in den Disziplinen Qualitätsmanagement, Diagnoseverschlüsselung oder Leistungsvergütung und -Abrechnung.
Das Preisgeld beträgt 10 Euro, welche zweckgebunden für den Ankauf von Büromaterialien (ausgeschlossen elektronische Geräte oder Datenträger – ausdrücklich erlaubt ist hingegen der Ankauf von Exemplaren des Medizynicus-Buches) verwendet werden müssen. Zum Abruf des Preisgeldes ist zwingend das noch zu gestaltende Antragsformular zu verwenden.
Das Bürgerforum für Bürokratie im Alltag sucht übrigens nach weiteren Sponsoren zum Aufstocken des Preisgeldes. Auch Sachspenden (z.b. mechanische Schreibmaschinen, Aktenordner, Bleistiftanspitzer und Rotstifte) sind immer willkommen. Vielleicht findet sich ja auch ein Sponsor zur Ausrichtung einer stilvollen Preisübergabefeier.
Vorschlagsberechtigt sind alle Angestellten in deutschsprachigen Gesundheitssystemen sowie Patienten und alle Menschen, unabhängig von Alter und Geschlecht, welche in irgendeiner Form mit dem Gesundheitswesen in Berührung gekommen sind. Ausgenommen sind lediglich Verwaltungsmitarbeiter.
Nominierungen können ab sofort in unbürokratischer Form als Kommentar zu diesem Beitrag oder per Email eingereicht werden.
Bewerbungen um Aufnahme in die Jury (Vorsitz: Dr. Medizynicus) werden übrigens ebenfalls ab sofort angenommen.

Gesundheitssysteme einfach erklärt für jedermann. Heute: Modell Texas (oder: „Es lebe der freie Kapitalismus!“)

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Andere Bezeichnungen: Raubtierkapitalismus, Manchester-Kapitalismus, Freieste Marktwirtschaft
Besonderheit: Das Älteste und auch heute noch das weltweit am meisten verbreitete Gesundheitssystem der Welt
Wie es funktioniert: Willssu zu Dokter mussu zahlen. Hassu nix Zaster tut Dokter nix für Dich tun.
Also: Grundsätzlich gibts jede ärztliche Leistung nur gegen Bares.
Der Patient verhandelt direkt mit dem Arzt. Zwischenhändler, Versicherungsgesellschaften oder irgendwelche anderen Institutionen gibt es nicht.
Ob der Arzt auf Vorkasse besteht oder auch schonmal einen wackeligen Kredit einräumt, ist ihm überlassen. Wenn er aber zu nett ist, dann ist seine Existenz vielleicht gefährdet, weil dann die Reichen und lukrativen Patienten anderswohin gehen. Vielleicht gibt es irgendwo ein paar Idealisten, welche aus religiöser Motivation oder einfach aus echter Nächstenliebe die Patienten umsonst behandeln (Vielleicht werden ja auch von religösen oder wohltätigen Institutionen – früher waren das bekanntlich die Klöster – hier und dort gewisse Armenambulanzen unterhalten), aber auch das dürfte nicht allzu häufig sein.
Tatsache ist: Man muss es sich leisten können, zu einem guten Arzt zu gehen.
Dieses System ist gut für: Diejenigen Ärzte, die sich gut verkaufen können, Sehr gut begüterte Patienten die sich das Wartezimmer nicht mit dem Pöbel teilen müssen, die Gesunden (die zahlen auch nix), Reiche Hypochonder (jeder Arzt wird sie lieben), Solvente Anhänger der Kristallaurahokuspokustherapie und diejenigen Kristallaurahokuspokustherapeuten, welche sich gut verkaufen können.
Dieses System ist schlecht für: alle Anderen
Nebenbei:Es handelt sich wirklich auch heute noch um das weltweit häufigste Gesundheitssystem. Ich rede hier nicht von den USA, darauf kommen wir noch später zu sprechen. Aber es dürfte allgemein bekannt sein, dass viele Milliarden Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern keinerlei soziale Absicherung haben!

Written by medizynicus

25. Juli 2009 at 12:13

Die Gute Fee besucht heute die Angehenden Allgemeinmediziner…

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Glaubt man den Medien, dann werden Hausärzte in Deutschland derzeit dringend gesucht. In vielen Gebieten droht angeblich der Versorgungsnotstand.
Aber ist der Hausarzt-Beruf für Studierende und junge Ärzte noch attraktiv?
Die Gute Fee möchte heute deswegen einmal ganz besonders die angehenden Allgemeinmediziner besuchen und nach ihren Wünschen fragen.
Also:
Morgen früh, kurz nach dem Weckerklingeln und vor dem Aufstehen, da macht es plötzlich „wusch“ und dann steht da eine gute Fee.
Und wie bei guten Feen üblich, gewährt sie Dir drei Wünsche.
Was würdest Du Dir wünschen?

Übrigens gibt es hier noch eine ausführlichere und richtig wissenschaftliche Umfrage zu dem Thema.
Und auf dem Neuen Hippokrates hat auch eine allgemeine Umfrage zum deutschen Gesundheitswesen gestartet.

Written by medizynicus

8. Juli 2009 at 14:16