Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Wegen Unterzuckerung ins Krankenhaus?

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Soeben lese ich im Rettungsdienstblog eine Geschichte, die ich gerne weiterspinnen möchte.
Vor allem deshalb, weil der Andere Hausarzt vor etwa einem halben Jahr eine ganz ähnliche Geschichte aus einer anderen Perspektive erzählt hat.
Die beiden Geschichten unterscheiden sich, aber sie haben eines gemeinsam:
ein älterer Mann ist kollabiert und jetzt liegt er da und ist zwar bei Bewusstsein, ansprechbar aber ein wenig benommen.
Der Rettungsdienst wird gerufen, und bald hat man die Ursache erkannt: Niedrige Blutzuckerwerte. Das kommt bei Diabetikern immer wieder mal vor, wenn versehentlich zuviel Insulin gespritzt oder eine zu hohe Medikamentendosis eingenommen oder anschließend zu wenig gegessen wurde oder wenn der Patient sich außergewöhnlich stark körperlich belastet hat oder Alkohol getrunken hat oder gerade mit irgendeinem Infekt herummacht oder, oder oder…
Die Therapie ist denkbar einfach: Man führt dem Patienten Zucker zu. Und zwar intravenös. Eine kleine Spritze oder Infusion (natürlich mit Zucker drin) kann hier Wunder wirken.
Patient geheilt, alle glücklich und zufrieden.
Wirklich?
Nee, nicht ganz.
Anstatt sich freundlich mit Handschlag zu verabschieden schleppen die wackeren Rettungsleute den Patienten ins Krankenhaus und laden ihn bei uns in der Notaufnahme ab.
Und da an nimmt das Unglück seinen Lauf.
Nein, den tapferen Rettungsdienstlern mache ich keinen Vorwurf, die müssen so, die können nicht anders.
Aber es ist einfach… einfach eine dieser Irrsinnsgeschichten, die unser Gesundheitssystem so teuer und so hundsmiserabel machen.
Warum?
Wie es bei uns in der Notaufnahme weitergeht, das erzähle ich Euch morgen.

Written by medizynicus

30. Juni 2011 at 22:57

Rationierung? Prio… dingsda? oder: wo anfangen mit dem Sparen im Gesundheitswesen?

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„So geht das nicht mehr weiter, meine Damen und Herren!“
In einem Konferenzraum im obersten Stock des spelunkistanischen Gesundheitsministeriums hat sich die Elite der Geundheitsexperten des Landes versammelt, nur die Elite, also die besten der allerbesten. Und die starren jetzt mit dummen Gesichtern auf die Leinwand, wo nur eine einzige Zahl zu sehen ist: eine ziemlich hohe Zahl.
„Mehr Geld gibt es nicht, meine Damen und Herren. Die Versicherungsbeiträge sind so hoch wie nie zuvor. Wenn wir sie noch weiter erhöhen, dann meutern unsere Bürger. Ich darf daher um Ihre Vorschläge bitten, meine Damen und Herren!“
Eine Sekunde lang ist es totenstill im Saal.
„Wir könnten… wir könnten die Ärzten die Honorare kürzen…“ sagt schließlich ein Beamter aus dem Publikum.
Leichtes Raunen, Kopfschütteln hier, Zustimmung dort. Der Minister nickt.
„Weitere Vorschläge, bitte!“
„Wie wäre es, wenn wir den ganzen Sch… also Kristallaurahokuspokustherapie, Wellness-Kuren und so, also wenn wir das alles einfach nicht mehr bezahlen würden?“
„Und auch die ganze Luxusmedizin! Schönheitschirurgie und so…“
„Zahlen wir doch schon längst nicht mehr!“ kommt es aus der hintersten Reihe.
„Wir sollten uns auf die Grundsicherung konzentrieren… und nur die Leistungen finfanzieren, die wirklich etwas bringen…“
„Genau, und teure Therapien, die nachweislich keinen signifikanten Nutzen haben, die werden gnadenlos abgelehnt!“
Der Minister schüttelt den Kopf.
„Das wissen wir doch schon alles, meine Damen und Herren. Die Frage ist: wo sollen wir anfangen mit dem Sparen?“

Written by medizynicus

21. Juni 2011 at 18:06

Will keiner mehr Hausarzt werden?

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Es war einmal, vor langer, langer Zeit… da war die Welt noch in Ordnung.
Draußen auf dem Lande waren die Leute glücklich und zufrieden und wenn man sich bei der schweren, harten Arbeit auf dem Feld einmal verhoben oder den Fuß verstaucht hat, dann ging man zum Doktor.
Der Herr Doktor war immer da, wenn man ihn brauchte und wusste eine Lösung für jedes Problem. Hatte man Schmerzen, gab’s eine Spritze, litt man Seelenqualen, dann fand er ein tröstendes Wort. Und den Simulanten und Hypochondern, den sagte der Herr Doktor auch schonmal mit klaren und deutlichen Worten, dass sie sich einfach mal ein wenig zusammenreißen sollten.
Ach ja, das waren noch Zeiten…
Der Herr Doktor bewohnte das größte Haus im Dorf und jeden Freitag Abend traf er sich zum Stammtisch mit dem Herrn Pfarrer, dem Lehrer und dem Bürgermeister und da wurden dann die Geschicke des Dorfes bestimmt.
So war das halt, damals. Aber die Zeiten sind vorbei. Niemand will mehr Hausarzt werden. Ärzteverbände und Funktionäre schlagen Alarm. In den einschlägigen Gazetten ist von tatsächlichem oder drohendem Ärztemangel die Rede.
Was ist los?
Natürlich ist es viel cooler, Neurochirurg zu sein oder Kardiologe. Dann kann man abends in der Szene-Bar spannende Stories aus OP oder Herzkatheter vom Stapel lassen. Und ein dickeres Auto als der Landarzt-Dackel kann man sich allemale leisten…
Aber liegt es wirklich daran?
Oder gibt es vielleicht ganz andere Gründe?

Written by medizynicus

7. März 2011 at 05:08

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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Whistleblowing: Medizynicus bläst die Pfeife

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Leute, es ist soweit, Medizynicus wird in die Pfeife tuten!
Worum es geht?
Also gut: stell Dir vor, Du erfährst da irgendwas. Irgendwas, was vielleicht nicht für Deine Ohren bestimmt war. Irgendeine ausgemachte Sauerei:
Vielleicht bist Du Patient und irgendein Gesundheitsbürokrat in der Krankenkasse oder sonstwo will Dich für dumm verkaufen. Oder Du kriegst mit, dass ein Arzt medizinisch sinnlose aber potentiell höchst gefährliche Pseudomedizinsache verkaufen will. Oder Du schleppst Dich als nach einem anstrengenden Vierundzwanzigstundendienst in der Notaufnahme noch weitere zwölf Stunden durch die Krankenhausflure… und wirst dann auch noch von der Verwaltung um einen Teil Deines Gehaltes beschissen…
Du denkst, dass sowas an die Öffentlichkeit gehört?
Richtig so!
Schick Deine Geschichte an Medizynicus (m e d i z y n i c u s (bei) g m x (punkt) n e t)
Whistleblowing heißt das auf Neudeutsch.
Aber halt… ist das nicht dasselbe wie Petzen? Und ist Petzen nicht böse?
Nein, ist es nicht.
Medizynicus wird:

  • Geschichten, die an ihn herangetragen werden auf gewohnt satirisch- oder auch nachdenkliche Weise verarbeiten
  • Medizynicus behält sich vor, den Sachverhalt nachzurecherchieren.
  • Medizynicus wird niemals den Namen eines Whistleblowers gegen seinen Willen bekanntgeben oder weitergeben.
  • Medizynicus wird auch keinen konkreten Namen des Ortes des Geschehens geben. Ausnahme: Der Fall ist bereits bekannt.

Written by medizynicus

7. Februar 2011 at 23:21

Krankschreibung Under Cover

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Tja, ist doch gar nicht so schwer, das Krankfeiern, nicht wahr?
Deutschlands größte Zeitung, die mit den roten vier Buchstaben hat den Test gemacht: Under Cover hat sie einen Reporter losgeschickt: Ganz dreist ist der zu mehreren Doktors hingegangen und hat gesagt, er will einfach nur einen Krankenschein haben. Einfach nur so. Obwohl er kerngesund ist, wie er gleich dazu behauptet. Und sieh einmal an, was passiert: Er kriegt seinen gelben Urlaubsschein.
Von allen drei Ärzten, die er besucht.
Sind Deutschlands Hausärzte also allesamt korrupt?
Anstatt um das Wohl der Gesellschaft bemüht, der sie egentlich dienen sollen, geben sie sich dem schnöden Mammon hin und prellen die Volkswirtschaft um Millionen, ach was sage ich, um Milliarden, und das alles nur, um selber ein paar Kröten zu verdienen…. denn: ein Patient, der eigentlich gesund ist und nur einen Krankenschein will, ist ein guter Patient. Er macht keine Arbeit und spült den armen, am Hungertuche nagenden Hausärzten Geld in die Kassen. Einmal Karte duchziehen, Arbeitsunfähigkeit unterschreiben, dreißig Sekunden Arbeit, Vierzig Euro verdient. Macht hochgerechnet einen Stundensatz von…
So zumindest sieht es Deutschlands größte Zeitung, die mit den vier roten Buchstaben und die hat ja bekanntlich immer Recht.
Und die Moral von der Geschicht: Den Ärzten gehört mal wieder heftig auf die Finger geklopft. Vor allem den Hausärzten. Jawoll!

Written by medizynicus

13. Januar 2011 at 05:21

Whistleblowing – oder: wer bläst die Pfeife?

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Petzen ist böse, das lernt man schon im Kindergarten: Wenn der Kevin dem Justin im Sandkasten die Schaufel über den Kopf haut, und der Marvin sieht das, dann soll der Marvin am besten ganz feste die Augen zumachen und das Maul halten. Nicht, weil er sonst selbst vielleicht vom Kevin vermöbelt werden könnte, sondern weil sich das einfach so gehört.
Und wenn sie dann alle etwas älter sind, dann schubst der Kevin den Justin vielleicht vor die S-Bahn oder schiebt ihm ein Messer zwischen die Rippen und der Marvin schaut zu und sagt nichts, weil man seine Kumpels nicht verpfeift.
So ist das halt, das hat man schließlich so gelernt.
Wenn der Marvin doch das Maul aufreißt, dann nennt sich as Zivilcourage. Und ist Zivilcourage erwünscht?
Anders gefragt: Wenn Opa Schimbulski ständig die Polizei holt weil die Jugendlichen auf seiner Straße mal wieder zwei Dezibel zu laut sind, ist das auch Zivilcourage? Wo ist die Grenze?
Auch im Gesundheitswesen gibt’s eine Menge Kevins und Justins. Es gibt Justins, welche übermüdet nach einem Vierundzwanzigstundendienst weiterarbeiten obwohl sie hundemüde und eigentlich nicht mehr zurechnungsfähig sind und natürlich ist die ganze Sache illegal, aber man will ja seinen Job nicht verlieren. Es gibt Kevins, welche in ihrer Eigenschaft als Chef- oder Oberärzte eine Menge Mist verzapfen, Behandlungsfehler noch und nöcher und dann auch noch ihr Personal schikanieren… aber von ihren Vorgesetzten gedeckt werden, weil…. Es gibt Krankenhausverwaltungen, die im Sparwahn die hirnrissigsten Vorgaben machen und trotzdem Jahrzehntelang damit durchkommen.
Ob eine gezielte Indiskretion hier und dort vielelicht Wunder wirken könnte?
Nee, sowas macht man einfach nicht!

Written by medizynicus

10. Januar 2011 at 05:20

Jetzt mal im Ernst: ein Gesundheitssystem, wie ich es mir wünsche…

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okay, okay. Den Job des Gesundheitsministers werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr kriegen und inzwischen bin ich mir auch gar nicht mal mehr so sicher, ob ich ihn überhaupt haben will. Wohl eher nicht, denke ich mal.
Aber wenn… wenn ich wirklich so ein Zauberstäbchen hätte… oder eine gute Fee… oder ein nettes Christkind… oder ein paar nette Revoluzzer, die wo Revolution machen… ja, was dann?
Es ist nämlich gar nicht so einfach, sich Gesundheitswesen auszudenken, welches fair und gut ist: fair gleichermaßen für all diejenigen Menschen, welche es irgendwann im Laufe ihres Lebens als Patienten in Anspruch nehmen könnten, fair für diejenigen, die es finanzieren müssen und dann auch noch fair für diejenigen, welche für dieses System arbeiten, also die entsprechenden Dienstleistungen erbringen sollen.
Ja, und gut sollte das System sein. Und dabei darf es natürlich nicht viel kosten.
Gibt’s sowas?
Vielleicht. Ich da hätte eine Idee. Eine Idee, die eigentlich gar nicht revolutionär ist. Viele andere Leute sind da schon vor mir drauf gekommen, (zum Beispiel auch einige meiner klugen Kommentatoren). Eigentlich kommt jeder, der sich ernsthaft Gedanken über die Sache macht früher oder später darauf.
Ich will ein staatliches Gesundheitssystem.
Aber warum? Ist der Staat nicht böse?
Hey, Leute! Der Staat, in dem wir leben, ist eine Demokratie. Politiker sind, was auch immer man ihnen vorwirft, durch den Willen der Wähler legitimiert, sie sind prinzipiell kontrollierbar und man kann sie auch wieder abwählen.
Das kann man mit Industriekapitänen nicht so einfach machen und mit Krankenkassenbossen auch nicht. Kurz und gut: Ich traue unserem Staat mehr zu als diesem undurchschaubaren Gewurschtel und Gewusel an Lobbykraten und Bürohengsten, welche das bundesdeutsche Gesundheitswesen heute im Griff haben.
Also: Ich will eine einzige, große staatliche Gesundheitsbehörde.
Diese Behörde ist gleichzeitig Krankenkasse und Eigentümer und Betreiber aller (oder sagen wir: fast aller) Krankenhäuser und auch die meisten Hausarztpraxen und ambulanten Versorgungseinrichtungen.
Die große staatliche „Einheitskrankenkasse“ bietet eine Grundversorgung für alle: Jeder wird behandelt, egal ob angestellt, selbständig, Rentner, arbeitslos oder sonstwas.
Finanziert wird das Ganze aus den Steuern, die vom Finanzamt eingezogen werden.
Ein demokratisch gewähltes Kontrollgremien hat die letzte Entscheidung darüber, welche Leistungen erbracht und bezahlt werden. Ein wissenschaftlicher Aussschuss – in welchem nicht nur Ärzten und Naturwissenschaftlern sondern zum Beispiel auch Ethiker und Gesundheitsökonomen sitzen berät dieses Gremium. Die entsprechenden Berichte sind übrigens öffentlich.
Was Medikamente angeht: Es gibt es eine klare und deutliche „Positivliste“ von „erlaubten“ Wirkstoffen.
Die Medikamentenhersteller geben ihre Pillen in Großpackungen an die Apotheken ab, der Apotheker gibt sie dann in neutraler Verpackung, welche mit dem Namen des Wirkstoffes bezeichnet wird, an die Verbraucher weiter, und zwar in genau der Menge, die vom Arzt rezeptiert wird (das können auch drei einzelne Tabletten sein. Manchmal braucht man nicht mehr).
Ärzte in Krankenhäusern und ambulanten Versorgungseinrichtungen arbeiten zusammen. Krankenhausambulanzen dürfen uneingeschränkt ambulante Patienten behandeln und Hausärzte können stationäre Patienten in „Belegbetten“ betreuen.
Klingt doch gut, oder?
Ein schöner Vorsatz fürs Neue Jahr…
…okay… vielleicht fürs übernächste….

Written by medizynicus

31. Dezember 2010 at 05:28

Dürfen Ärzte bestechlich sein?

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Stellen wir uns folgendes Szenario vor:
Herr Maiermüllerschmidt möchte sich ein neues Auto kaufen. Also geht er zum Händler seines Vertrauens, das ist der mit dem dreizackigen Stern an seinem Laden.
Ich hätte gerne ein Auto, sagt Herr Maiermüllerschmidt. Gerne, sagt der Händler und zeigt ihm verschiedene Modelle, die alle einen dreizackigen Stern am Kühler haben.
Habense auch andere? fragt Herr Maiermüllerschmidt.
‚Türlich, sagt der Händler und zeigt ihm ein paar olle Ladenhüter draußen auf dem Hof.
Herr Maiermüllerschmidt kauft einen Wagen mit Stern und der Händler kriegt von der Firma mit dem Stern eine saftige Provision.
Bestechung! heißt es am nächsten Tag in der Zeitung mit den vier großen Buchstaben, und im Fernsehen sieht man, wie der Händler von Polizeibeamten in Handschellen abgeführt wird.
Äh… nicht?
OK also dann:
Herr Maiermüllerschmidt hat Rückenschmerzen und will Pillen. Also geht er zum Doktor seines Vertrauens, der verschreibt ihm Pillen von der Firma mit… Okay, sagen wir von Miraculopharm.
Der Herr Doktor kriegt von Miraculopharm eine saftige Provision.
Und am nächsten Morgen steht in der Zeitung… siehe oben.
Gibt’s nicht? Gibts doch!.
Erstmalig wurde jetzt zwei Ärzte verurteilt: Ein Jahr Knast und zwanzigtausend Ocken Geldstrafe.
Beamte dürfen sich nicht bestechen lassen. In der freien Wirtschaft aber, da darf man Provisionen annehmen. Ist vielleicht… sagen wir mal: nicht gerade die feine englische Art, aber fast überall Gang und Gäbe. Und niedergelassene Ärzte sind doch schließlich freie Unternehmer oder etwa nicht?
Gelten für die Gesundheitswirtschaft etwa andere Regeln? Oder wollen wir doch die böse, böse Staatsmedizin?
Wegen Bestechlichkeit verurteilt werden können nämlich nur Beamte oder andere Staatsdiener.

Written by medizynicus

30. Oktober 2010 at 06:00

Demografie und Ärztemangel

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In Deutschland gehen die Lichter aus. Noch nicht, aber demnächst. Demnächst, wenn die geburtenstarken Jahrgänge alt und schwach und pflegebedürftig werden: dann gibt es nämlich niemanden mehr, der sie versorgen wird. Und Ärzte wird man dann mit der Laterne suchen können.
So ähnlich hört man es nicht nur in diesen Tagen immer wieder auf allen Kanälen…. wird es also wirklich so kommen?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Denn was die Anzahl der Ärzte in Relation zur Bevölkerung in diesem Land angeht, da spielenwir weltweit an der Spitzenklasse und werden das wohl auch noch eine Weile tun, auch wenn ein paar tausend Kollegen in Rente und ein paar tausend abgewandert sind.
Keine Gefahr also?
Ob die Bevölkerung in zwanzig Jahren noch zu einem passablen Standard medizinisch versorgt sein wird, hängt von vielen Faktoren ab und das Thema ist zu vielschichtig um es hier auf die Schnelle in ein paar Sätzen abzuhandeln… trotzdem, wenn ich König von Deutschland wäre… dann hätte ich da durchaus ein paar Ideen.
Aber mich fragt ja keiner.
Wirklich nicht? Doch?
Okay:
Schafft uns endlich anständige Arbeitsbedingungen!
Das heißt nicht unbedingt mehr Geld. Im Gegenteil: Wen das Arbeitsklima und die Bedingungen stimmen, ist das Geld… nun ja, nicht unwichtig, aber weniger wichtig. Passable Arbeitszeiten, faire Arbeitsverträge, Faire Teilzeit-Möglichkeiten (Viele von uns haben Familie…), Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten… Das ist es, was zählt!

Written by medizynicus

28. Oktober 2010 at 05:56

Warum ich nicht auf Ärztedemos gehe

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Immer wieder mal machen Ärzte von ihrem in unserer Verfassung garantierten Demonstrationsrecht Gebrauch. Mal sind es mehr, mal sind es weniger. Mal steigt eine Riesensause in Berlin, ein anderes Mal sind es nicht ganz so viele in Köln. Ab und zu sind’s die Krankenhauskollegen und mal die Anderen. Und gestern, ach ja, gestern da war’s dann wieder mal soweit.
Ja, gestern, da sind halt dann die Hausärzte auf die Barrikaden gegangen.
Ja.
Hmm.
Und?
Zwei von ihnen halten ein Transparent in die Kameras, auf dem steht: „Erst stirbt die Praxis, dann stirbt der Patient!“
Glaub ich nicht, was da steht.
Aber mich fragt ja keiner.
Das Photo dieser beiden Kollegen aus Essen verbreitete sich gestern lauffeuerartig durch Fernsehen und Internet und ist heute in den Printmedien zu sehen, allerdings nicht unbedingt immer auf der Titelseite.
Die Ärztezeitung berichtet ausführlich und tendenziell wohlwollend über die Veranstaltungen, Spiegel Online hingegen schlägt andere Töne an: „Ärzte sahnen trotz Wirtschaftsflaute kräftig ab!“ heißt es.
Die können wohl ihren Hals nicht voll kriegen, oder?
Hmmm.
Böse, böse, diese Unterstellung!
Also, ich bin nicht hingegangen. Weder gestern in Essen oder Sindelfingen noch im März in Köln noch vor zwei Jahren in Berlin.
Warum nicht?
Wollt Ihr es wirklich hören?
Aber ich will kein Nestbeschmutzer sein. Nee, wirklich nicht. Trotzdem muß es einmal gesagt werden:
Es gibt nämlich längst genug Geld!
Richtig, Leute, im deutschen Gesundheitswesen gibt’s irgendwo einen irrsinnig riesiggroßen gigantischen Haufen von Kohle, Asche, Schotter, Moos, Moneten, Marie und Penunzen.
Und mehr davon gibt’s nicht. Geht einfach nicht! Oder wollt Ihr etwa, dass die Krankenkassenbeiträge noch weiter ansteigen, auf zwanzig oder dreißig Prozent?
Nee? Wirklich nich? Richtig, ich auch nicht!
Das deutsche Gesundheitssystem ist ein gigantisches Nudelsieb, da kippt man oben eine Menge rein und kaum etwas bleibt hängen.
Die Kohle versickert in der Bürokratie und bei den Kleptokraten der Pharmaindustrie, heißt es.
Aber jetzt stellen wir uns mal vor: Alle Bürokraten und Manager würden am nächsten Laternenmast aufgeknüpft und und die Pharmaindustrie wäre mit vorgehaltener Waffe zur kostenlosen Herausgabe ihrer überteuerten Schätze gezwungen. Alles, wirklich alles Geld käme bei den Ärzten an (Pflegepersonal und andere Gesundheitsberufe kriegen auch ein bißchen ab). Was würde passieren?
Richtig, einige Ärzte würden verdammt dick absahnen. Und zwar genau diejenigen, die das heute schon tun. Und die anderen kriegen nix ab.
Das ist es nämlich, was zum Himmel schreit: ein extrem unfairer und undurchschaubarer Verteilungskampf innerhalb der Ärzteschaft und allen möglichen anderen Interessengruppen (zu denen natürlich auch die Pharmaindustrie und jede Menge Bürokraten gehören).
Die Hausärzte schneiden dabei übrigens gar nicht so schlecht ab. Zumindest in einigen Bundesländern. Und da ist man gestern auch nicht auf die Straße gegangen sondern hat sich heimlich ins Fäustchen gelacht.

Written by medizynicus

16. September 2010 at 06:18