Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Koks und Heroin im Supermarkt?

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Neulich in Spelunkistan: In der Drogerie am Rande einer kleinen Stadt ist eine Menge los. Gerade wird ein etwas abgerissen wirkender junger Mann bedient.
„…und darf’s sonst noch etwas sein?“ fragt die geduldige Drogistin.
Der junge Mann kratzt sich am Kopf.
„Noch ein Viertelpfund Heroin bitte!“ sagt er dann.
Die Drogistin nickt.
„Weißes oder Braunes? Wir hätten da gerade ein Sonderangebot…“
„Weißes bitte. Und noch hundert Gramm Kokain, und zwar bitte das Zeug aus Kolumbien, welches Sie mir letztens verkauft haben!“
„Das kolumbianische Kokain ist leider gerade aus. Ich könnte Ihnen peruanische Ware anbieten. Ist aber nicht ganz billig…“
„Gut, geben Sie mir bitte fünfzig Gramm davon. Und dann hätte ich gerne noch eine Tüte Schwarzen Afghanen.“
„Zum Hierrauchen oder zum Mitnehmen?“
„Zum Hierrauchen bitte!“
Während der abgerissene junge Mann bezahlt, tuschelt Frau Cnalcoprowski ihrer Nachbarin kopfschüttelnd etwas zu. Es klingt so ähnlich wie: „Immer wieder diese Junkies…“
Aber die Nachbarin lächelt nur müde.
„Ach wissen Sie, ich habe nichts gegen die Junkies. Wer sich kaputt ballern will, der soll das von mir aus in Himmels Namen tun. Aber seitdem die das Zeug hier in der Drogerie kaufen können, ist bei uns nicht mehr eingebrochen worden, und mein Mann freut sich darüber, dass sein Auto nicht mehr aufgebrochen wird. Was er allerdings vermisst, sind die billigen Stricherinnen…“
Und jetzt muss auch Frau Cnalcoprowski lächeln.
So geht’s also zu in Spelunkistan. Und demnächst vielleicht auch bei uns?

Written by medizynicus

22. Oktober 2011 at 17:31

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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Demnächst in Ihrer Apotheke…

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Wir befinden uns in Süd-Spelunkistan. Wie der geneigte Leser weiß, verfolgt die dortige Regierung einen radikal marktwirtschaftlich-freiheitlich-kapitalistischen Kurs und hat sich aus Allem herausgezogen, was Geld kostet… ähem…. also, aus allem, was den Staat nichts angeht, meine ich natürlich…. ähem, also, ich meine, die Regierung hat ihren Haushalt erfolgreich konsolidiert, saniert und so weiter.
Wir befinden uns in einer kleinen Apotheke irgendwo am am Rande einer großen Stadt.
Der kleine Kevin (neunzehn Jahre) hat gerade seine Bestellung aufgegeben.
„…ach ja, und dann hätte ich gerne noch drei Packungen Heroin und fünfzig Gramm Canabis. Das wär’s dann.“
„Da hätten wir gerade ein Sonderangebot: Fünf Packungen zum Preis von vier und eine große Tüte Kondome gibt’s gratis dazu!“
„Nein danke, ich bin momentan single. Brauche grad keine Kondome.“
„Nun, man weiß ja nie…“
Der Apotheker lächelt süffisant.
„Ach, Sie glauben wohl, ich gehe auf den Strich? Das ist ja wohl das hinterletzte!“
„O, Sie haben Recht! Unsere Preise sind so unschlagbar günstig, da braucht man sich keine Gedanken mehr um die Finanzierung…“
„Was reden Sie da? Ich habe einen ganz normalen Job!“
„Stimmt, ich vergaß. Seitdem nach der Quarz-vier-Reform die Sozialhilfe abgeschafft worden ist…“
„…sind schon mehrere Kumpels von mir verstorben. Einer ist im Winter im Suff erfroren, ein anderer hat sich letztens den Goldenen Schuß gesetzt.“
„Deshalb steht ja auch jeder Packung der vorgeschriebene Warnhinweis: Achtung, Heroin macht abhängig!“
„Nun ja, wenn man mit dem Zeug umgehen kann, dann kann man ja trotzdem im Alltag ein ganz normales Leben führen…“
„Da bleibt Ihnen auch nichts anderes mehr übrig, nicht wahr? Therapien gibt’s ja auch nicht mehr!“
„Sind aber auch nicht mehr notwendig, wenn Sie mich fragen. Heroin drücken ist ja inzwischen so normal wie Zigarettenrauchen.“
„Ja, und der Staat freut sich auch. Einmal verdient er natürlich an der Steuer, und dann sind die Ausgaben für Polizei und Justizvollzug ja dramatisch gesunken…“
„Naja.“
„Was meinen Sie?“
„Weniger Verbrecher gibts deswegen nicht!“
„Wie meinen Sie das?“
„Die Mafia hat doch längst einen neuen Aufgabenbereich gefunden!“
„Was denn? Cybercrime?“
„Nee! ganz was Anderes!“
Der Apotheker schüttelt den Kopf.
„Erzählen Sie!“
Kevin beugt sich nach vorn und schaut sich vorsichtig um.
„Medikamentenfälschungen!“ flüstert er leise, „aber: psst! Von mir wissen Sie das nicht!“

Written by medizynicus

28. Juli 2010 at 07:22

Veröffentlicht in Nachdenkereien

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Knallt das?

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Atze ist so um die Mitte dreißig und hat eine große Leidenschaft: das Heroin.
Und weil das ein ziemlich teures Hobby ist, betreibt er nebenbei einen kleinen Gemischtwarenhandel. Früher mal war er auch im Import-Export-business tätig, aber davon ist er längst weg.
„Die Gewinnmargen sind gering, das betriebswirtschaftliche Risiko zu hoch!“ sagt er. Das sind allerdings nicht ganz seine Worte. Er drückt sich da natürlich etwas anders aus.
Atze und ich, wir respektieren uns. Oder sagen wir mal besser: Wir haben eine Art Stillhalteabkommen geschlossen. Er verzichtet inzwischen auf die Überfallstrategie (z.B. Auftauchen nachts unter Vorspiegelung starker opiatpflichtiger Schmerzzustände) und hat auch sonst versprochen, sich zu benehmen. Das war, nachdem Schwester Paula ihn an den Ohren aus dem Stations-Dienstzimmer gezogen hat, wo er zu frühmorgendlicher Stunde (es herrschte gerade das übliche Frühstücksausteilechaos) seinen Kopf etwas zu tief in den Medikamentenschrank gesteckt hatte.
Aber sowas macht er jetzt nicht mehr. Und zum Dank dafür schmeißen wir ihn nicht immer gleich sofort wieder hochkant raus.
Atze führt seine Geschäfte gelegentlich auch vom Krankenbett aus. Das theortisch immer noch geltende Handyverbot wird von uns schon längst nicht mehr durchgesetzt. Das Rauchverbot hingegen schon, zumindest von mir, aber Atze umgeht das indem er geschickt mit dem nikotinabhängigen Teil des weiblichen Pflegekörpers flirtet und sich bei deren Rauchpausen einfach mit dazu auf den Balkon stellt. Aber wir kommen vom Thema ab.
Atze sitzt also aufrecht auf seinem Bett und telefoniert. Mein visitliches Erscheinen quittiert er mit einer kurzen grüßend gemeinten Handbewegung.
Dann legt er das Handy weg.
„Sag mal Doc,“ spricht er und reicht mir einen kleinen Notizzettel, „kennste das?“
Atze duzt übrigens unterschiedlos jeden, sogar den Chef.
Ich lese den Zettel. Da stehen ein paar Medikamentennamen drauf.
„Hat ’n Kumpel von mir organisiert!“ fährt Atze fort. Ich frage ihn lieber nicht, wie das mit dem Organisieren zu verstehen ist.
„Aha?“
„Und?“
„Was und?“
„Ja, knallt das Zeug?“
Ich muss innerlich grinsen. Da hätte ich Atze doch etwas mehr Sachverstand zugetraut. Auf dem Schriftstück stehen ausschließlich harmlose Vitaminpräparate und – man höre und staune – Pentoxyphyllin-Infusionslösung. Das Zeug gibt man zur Durchblutungsförderung nach einem Hörsturz, allerdings ist die Wirksamkeit eher umstritten. Und eine wie auch immer geartete andere Wirkung ist mir nicht bekannt.
Aber das braucht Atze ja nicht unbedingt zu wissen.

Written by medizynicus

8. Juli 2010 at 15:19

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Diamorphin (2)

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„Heroin als Medikament?“
Schwester Paula schüttelt den Kopf.
„Sagte ich doch. Hier in Deutschland allerdings nur zur Behandlung von Drogenabhängigkeit…“
„Heroin für Drogenabhängige? Das ist doch fast so, als wenn die AOK eine Kneipe aufmacht mit Freibier für alle Alkoholiker…“
„Nun ja, nicht ganz…“
Ich trinke an meiner Tasse Krankenhauskaffeeplörre und verziehe angewidert den Mund.
„…das muss man sich so vorstellen…“
Kalle stopft sich ein Stück Kuchen in den Mund.
„Wisst Ihr was?“ fragt er kauend, „Ich wünsche mir, dass man Heroin demnächst im Supermarkt kaufen kann. Für zwei Euro fünfzig das Päckchen.“
Jenny grinst.
„Cool!“ sagt sie.
Schwester Paula hingegen starrt ihn mit großen Augen an.
„Sind Sie jetzt völlig verrückt, Herr Doktor?“
Kalle schüttelt den Kopf und klopft sich die Krümel vom Kittel.
„Nee. Ich habe da nur meine Theorien.“
„Und die wären?“
„Theorie eins: An Alkohol und Nikotin bringen mehr Leute um als Heroin. Und trotzdem sind die ersteren beiden Drogen legal.“
„Genau! Und deswegen sollte man sie auch am besten verbieten, weil..“
Kalle schüttelt erneut den Kopf.
„Theorie zwei. Verbote haben noch niemanden wirklich davon abgehalten, sich das Zeug zu besorgen. Wer etwas haben will, der kriegt es. Egal ob auf legalem oder nicht legalem Weg.“
„Aber die Kriminalität…“
„Theorie drei: Wenn man Heroin im Supermarkt für zwei Euro fünfzig kaufen kann, wird die ganze Sache für die Mafia und alle anderen Gangster plötzlich uninteressant. Und auch die Junkies selbst brauchen weder mein Auto zu knacken noch in meine Wohnung einzubrechen um ihre Sucht zu finanzieren…“
„Und was passiert mit den Abhängigen selbst? Gesünder werden die nicht!“
„O doch! Es gibt zumindest keinen Anlass mehr, sich mit verdreckten Spritzbestecken alle möglichen Infektionen zuzuziehen. Und abgesehen davon glaube ich an das Recht eines jeden Menschen, unvernünftig zu handeln und mit dem eigenen Körper anzustellen, was man will. Sofern man keinen anderen schädigt dabei.“

Written by medizynicus

13. März 2010 at 22:26

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Diamorphin

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Wieso bin ich jetzt eigentlich Fortbildungsbauftragter?
Ich kann mich nicht erinnern, diesen Job jemals in mündlicher oder schriftlicher Form aktiv willentlich übernommen zu haben. Ist aber auch egal. Jedenfalls hat’s der Chef mitgekriegt und jetzt darf ich demnächst bei der Mittagsbesprechung einen Vortrag über Schmerzmittel halten.
So verbringt unsereins also den Freitagabend.
Also Schmerzmittel.
Beim Blättern im Pharmakologiebuch findet man ja durchaus interessante Sachen.
Über Diamorphin zum Beispiel. Das ist ein sehr starkes, gut wirksames und gut verträgliches Schmerzmittel, welches billig hergestellt werden kann und in vielen Ländern eingesetzt wird.
Auch in Deutschland wird es von vielen Menschen eingenommen. Die aber zahlen viel Geld dafür und kriegen schlechte, meist auf fragwürdige Weise hergestellte Ware dafür.
Wie kommts?
Auf dem Markt ist Diamorphin seit dem späten neunzehnten Jahrhundert, und zwar zunächst als Hustenmittel. Die meisten der heutigen Konsumenten dürften allerdings weniger an der hustenstillenden Wirkung interessiert sein. Auch gegen Bluthochdruck und bei Herzerkrankungen soll es gut sein, behauptete die Herstellerfirma seinerzeit. Und als Schmerzmittel habe es den großen Vorteil, dass es nicht abhängig mache.
Behauptete man.
Damals.
Heute ist Diamorphin in Deutschland den meisten Menschen ein Begriff. Fast jeder kennt es. Allerdings nicht unter seinem chemischen Namen, sondern unter dem Markennamen, welcher ihm anno 1898 von der Herstellerfirma verliehen wurde. Und der lautet….
Heroin.
Seit 2009 ist Heroin übrigens auch in Deutschland wieder ein verschreibbares Medikament. Allerdings nicht als Schmerzmittel, sondern ausschließlich zur Behandlung von Drogenabhängigkeit.

Written by medizynicus

12. März 2010 at 22:49

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