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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Diebstahl!

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Freitag Morgen.
Ich sitze in der Stationsküche, starre hinaus in die spätwinterliche Trübnis und trinke einen Schluck Krankenhauskaffeeplörre.
Die Tür geht auf. Kalle kommt rein, greift reflexartig nach Kaffeetasse und Teller und setzt sich.
„Na, schon wieder nicht Papst geworden?“ lästert Jenny.
Kalle schnappt sich ein Brötchen aus dem Korb auf der Tischmitte und beginnt, es dick mit Butter zu bestreichen.
„Nee, waren wohl zu viele Sünden!“
Schwester Paula schaut ihn scheel von der Seite her an.
„Und soeben begehen Sie schon wieder eine!“
Kalle hält im Brötchenstreichen inne.
„Wie bitte?“
„Du sollst nicht stehlen!“
„Äh?“
Kalle klappt das Brötchen zusammen und beißt das erste Stück ab.
„Woher kommt dieses Brötchen?“ fragt Schwester Paula mit inquisitorischem Unterton.
„Aus der Küche!“
„Und wozu ist es da?“
„Hä?“
Kalle schaut etwas verwirrt in die Wäsche.
„Dieses Brötchen ist allein für den Verzehr durch unsere Patienten bestimmt!“ doziert Schwester Paula, „und wenn Sie das essen, Herr Doktor, dann begehen Sie Diebstahl!“
„Höchstens Mundraub!“ verbessert Kalle.
„Ist aber egal. Wenn jemand von der Direktion sieht, kassieren Sie im besten Fall eine Abmahnung. Oder sogar die fristlose Kündigung!“ fährt Schwester Paula ungerührt fort.
„Aber das machen doch alle!“ wirft Jenny ein.
Das ist richtig. Wenn unsere Patienten mit dem Frühtück fertig sind, legt uns eine von den Küchendamen eine große Tüte mit Brötchen auf den Tisch. Das war schon immer so. Dafür bekommt die Küchendame von uns Krankenhauskaffeeplörre bis zum abwinken und wird mit zur Weihnachtsfeier eingeladen. Die Brötchen sind übriggeblieben, wenn sie zurück in die Küche gehen, werden sie weggeworfen. Aus hygienischen Gründen. Und Krankenhausbrötchen dürfen auch nicht kostenlos an Obdachlose verteilt werden, weil… könnten ja fiese böse Bazillen dran sein. Hatten wir schon, diese Diskussion. Und weil wir nun einmal nicht so pingelig sind und an Krankenhausbrötchen nichts auszusetzen haben, essen wir die halt.
„Dürfen wir aber nicht!“ sagt Schwester Paula und öffnet die Tupperdose mit ihren mitgebrachten Vollkornbrotstullen.
Kalle kaut weiter und seufzt.
„Okay, ich habe gesündigt!“ sagt er, „Sechstes Gebot!“
„Achtes Gebot!“ verbessert Schwester Paula.
„Wieso?“
„Das sechste Gebot heißt: Du sollst nicht töten!“
Kalle spült den letzten Bissen mit einem Schluck Krankenhauskaffeeplörre runter und steht auf.
„Sagte ich doch!“

Written by medizynicus

15. März 2013 at 10:16

Sauerei im Krankenhaus

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In der Mainzer Uni-Klinik sind zwei Babys gestorben. Der Grund: verseuchte Infusionslösungen. Die waren in der Klinikums-Apotheke selbst zusammengerührt worden.
Wer also ist schuld?
Waren es die Herstellerfirmen von denen die einzelnen Komponenten der Infusionslösungen bezogen worden waren? Oder gar medizinisches Personal auf Station? Vermutlich ist es wohl in der Apotheke passiert… also Schlamperei? Oder sind wieder einmal irgendwo Kosten gespart worden, ohne Rücksicht auf Verluste – ist das Übel also bei den Managern zu suchen? Das wäre ja nicht das erste Mal. Erst vor Kurzem ging ein ähnlicher Fall in München durch die Sommerloch-Presse.
Der Tod der Kinder ist tragisch.
Und Krankenhaushygiene ist kein Thema, welches man in einem Blogbeitrag von zweihundert Wörtern erschöpfend behandeln kann. Ärzte und Pflegepersonal sind Menschen, sie gehen aufs Klo und popeln in der Nase. Keine Hand ist keimfrei, auch die eines Chirurgen nicht. Und mangelnde Hygiene lässt sich nicht durch Antibiotika ersetzen, auch wenn dies oft genug versucht wird. Wie geht’s jetzt also weiter? An Ideen und Forderungen besteht kein Mangel: von neuen Hygiene-Konzepten ist da die Rede, häufigeren Überwachungen durch Gesundheitsämter oder neu zu schaffende Hygiene-Beauftragte… aber wie immer liegt da der Teufel im Detail:
Bleiben wir bei der Händedesinfektion: Wichtige Sache, kein Thema. Aber: wer jemals in einem Krankenhaus gearbeitet hat, weiß wie aggressiv dieses Zeug auf Dauer ist. Wer seine Hand zwanzig, dreißig oder fünfzig Mal am Tag in reinem Alkohol badet, braucht sich über Allergien nicht zu wundern. Trockene Haut, Jucken, Ekzeme oder sogar Atemwegsbeschwerden (denn schließlich atmet man das Zeug ja auch ständig ein)…. Okay, ein geringer Preis, wenn man damit das eine oder andere Leben retten kann…

Written by medizynicus

24. August 2010 at 06:48