Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Eine Leiche im Keller…

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Feierabend. Sogar mehr als Feierabend: Wochenende, achtundvierzig Stunden Freiheit, genaugenommen sind es sogar achtundvierzig plus acht plus… Was auch immer von heute noch übrig ist… Das macht… Ist ja egal. Ich bin jetzt zu müde zum Rechnen. Und Wochenendstimmung?
Hmm.
Ich sitze bei Gepetto, draußen auf der Terrasse unter einem Regenschirm und nippe an meinem doppelten Espresso.
Eigentlich sollen das ja Sonnenschirme sein, aber von Sonne ist gerade nicht viel zu sehen, stattdessen pladdert es kuebelweise auf das Bad Dingenskirchener Marktplatzkopsteinpflaster.
es pladdere…. Und pladdert… Und pladdert und ich denke an Oma Pachulske, die vom Pladdern nichts mehr mitkriegt, weil sie nämlich bei uns im Keller liegt, genaugenommen im Kühlraum neben der Prosektur, Zelle drei.
Vor knapp zwei Stunden haben wir sie runtergebracht, habe ich sie zusammen mit Jenny aus dem Bett auf die rumpelige Metallbahre gehoben, noch ein Laken darüber, den Rest der Bettwaesche in die bereitstehende Wäschetonne gehauen, dann das Bett in die Bettenzentrale, unreine Seite und während Jenny den Schlüssel an der Pforte abgibt gehe ich langsam durchs Treppenhaus rauf auf Station…
Hätten wir noch etwas tun können? Oder hätten wir sie nicht sogar eigentlich viel eher gehen lassen sollen?
Egal. Die Angehörigen sind gegangen und gerade sehe ich Schwester Paula um die Ecke biegen mit einem abgebrannten Teelicht in der Hand.
Natürlich sind Kerzen und offene Flammen aus Brandschutz-Gründen streng verboten.

Written by medizynicus

18. Mai 2012 at 20:42

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So ein Schlingel!

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Völlig aufgebracht kommt Jenny in die Küche.
„Sowas macht der nicht nochmal!“ sagt sie, „nicht mit mir!“
Ich bin gerade dabei, mein Brötchen dick mit Schwester Paulas selbstemachter Brombeermarmelade zu bestreichen.
„Was ist denn los, Jenny?“ frage ich deeskalierend und versuche dabei, mein souveränstes vertrau-mir-ich-bin-Arzt-Lächeln aufzusetzen, aber so richtig gelingt es mir nicht.
„Was denkt der sich dabei, der alte Sack?“ fragt Jenny aufgebracht.
Ich rücke ihr einen Stuhl zurecht. Jenny setzt sich. Schwester Gaby schiebt einen Teller und eine Tasse vor ihren Platz, ich schenke Kaffee ein.
„Jetzt mal mit der Ruhe: Wovon redest Du? Was war los?“
Jenny nimmt sich ein Kürbiskernbrötchen.
„Herr Krumpenstahl…“
„Was ist mit dem?“
Herr Krumpenstahl ist ein rüstiger Rentner, Ende Siebzig, ist vor ein paar Tagen bei Glatteis gestürzt, hat sich dabei eine Unterarmfraktur zugezogen, die von den Chirurgen versorgt worden ist, allerdings wurde dabei ein bislang nicht vorbekanntes Vorhofflimmern entdeckt, und deswegen liegt er jetzt bei uns. Eigentlich ein unkomplizierter, netter Opa… dachte ich zumindest.
„Der hat mich angebaggert!“
„Wie bitte?“
„Ich wollte ihm beim Waschen helfen. Schlage die Bettdecke zurück, und…“
Ich kann mir schon denken, was jetzt kommt.
„Erzähl mir jetzt nicht, dass Du noch nie eine Erektion gesehen hast!“ sage ich.
Jenny wird knallrot.
„…also, bei einem Patienten, meine ich!“ füge ich hinzu, aber Jenny wendet sich demonstrativ von mir ab.
„Es kommt ja noch schlimmer,“ fährt Jenny fort, „Ich bemühe mich also, die Sache zu ignorieren, aber er grinst mich an. ‚Wissen Sie, Schwester‘, sagt er, ‚Wenn ich Sie sehe, dann kann ich einfach nicht anders!'“
Jetzt muss ich mich beherrschen. Ich schütze einen Hustenanfall vor.
Fast hätte ich mich an meinem Kaffee verschluckt.
Aber plötzlich muss ich an die gestrige Visite denken, an Herrn Kolbermann von Zimmer fünfzehn… und dann bleibt mir das Lachen im Halse stecken.

Written by medizynicus

10. Januar 2012 at 11:59

Studenten zu verteilen (Teil 2)

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Die Besprechung ist zu Ende.
Kalle nickt dem baumlangen Kerl kurz zu. Der Typ reißt die Augen auf, nickt zurück und kommt langsam in unsere Richtung geschlurft.
Ich stelle mich vor und strecke ihm meine Hand entgegen. Er drückt sie so fest, dass er sie fast zerquetscht. Und dann nickt er und grinst mich wortlos an.
„Äh… wie heißt Du denn?“ frage ich.
„Paul,“ sagt er, „Ich bin PJler!“
Kalle klopft mir auf die Schulter.
„Und Du zeigst ihm dann mal die Station und alles andere, was sonst noch dazu gehört!“ sagt er.
Ich atme tief ein und aus.
„Also gut, Paul…“
Kalle dreht sich um.
„Ich bin dann mal in der Endoskopie. Ruf mich an, wenn’s Probleme gibt!“
Ich nicke kurz, dann ist er auch schon fort. Paul schaut mich fragend an. Ich mache eine Handbewegung in Richtung Treppenhaus.
„Was hast Du denn so langfristig mal vor?“ frage ich.
„Chirurgie!“ kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen.
Einmal tief einatmen, ausatmen. Nein, wir haben keine Vorurteile, wirklich nicht. Abgesehen davon ist er ja noch gar kein Chirurg und wer weiß, ob er es jemals wird. Noch besteht vielleicht Hoffnung….
„Kannst Du Blut abnehmen? Venöse Zugänge legen?“
„Machen das bei Euch nicht die Schwestern?“
„Naja… vielleicht könntest Du ihnen ja ein wenig helfen… wenn Du magst!“
Jetzt atmet Paul hörbar ein und aus.
Oben auf Station zeige ich ihm dann zunächst mal den Standort der Kaffeemaschine. Im Grunde meines Herzens bin ich ja ein netter und liebenswürdiger Mensch. Ich schenke uns beiden eine Tasse ein.
„Mit EKG’s kennst Du Dich aus?“
Er wird ein wenig rot.
„Geht so.“
Die Tür geht auf und Jenny kommt rein. Paul springt auf und streckt ihr seine Vorderflosse entgegen.
„Hi! Ich bin der neue PJler! Wenn Du mal Hilfe brauchst, sag‘ einfach Bescheid!“
Jenny lächelt ihn an.
„Oh, das ist aber lieb!“ sagt sie.
Schnell schiebe ich Paul durch die Tür ins Arztzimmer.
„So, und jetzt erkläre ich Dir mal, wie man EKG’s befundet!“

Written by medizynicus

2. März 2011 at 05:01

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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