Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Atze macht Geschäfte

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Atze ist wieder da. Gerade eben huscht er über den Flur, er kommt natürlich gerade vom Raucherbalkon, was man ganz ohne detektivische Ambitionen auch aus drei Metern Abstand gegen den Wind riechen kann. Als wir dann zur Visite zu ihm aufs Zimmer kommen, steht er an Herrn Cimbulskis Nachtschränkchen und fummelt in der Schublade herum.
„Alles klar, Horst.“ sagt er, „vielen Dank!“
Herr Cimbulski grummelt etwas Unverständliches.
„Kriegste morgen wieder!“ sagt Atze und steckt sich einen blauen Geldschein in die Tasche.
„Wie bitte?“ fragt Schwester Anna.
„Ich hab mir fünf Euro geliehen!“ sagt Atze ohne das geringste Schuldbewusstsein. Ob Herr Cimbulski wohl weiß, dass er seine Außenstände mit höchster Wahrscheinlichkit abschreiben kann?
„Herr Cimbulski, wenn Sie möchten, schließen wir Ihre Wertsachen gerne in unserem Dienstzimmer im Safe ein!“ sage ich.
Herr Cimbulski nickt.
„Ist doch nicht nötig!“ sagt Atze, „Ich pass doch drauf auf!“

Written by medizynicus

22. März 2011 at 07:31

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Atze unterwegs

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„Wo ist mein Geldbeutel?“
Jenny kommt aufgeregt in die Küche.
„Mein Geldbeutel! Ich habe ihn…“
„Irgendwo liegen gelassen?“
Jenny schüttelt den Kopf.
„Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass ich ihn im Spind eingeschlossen habe!“
„Hast Du schon überall nachgeschaut?“
„Überall! Es ist zum…“
Sie unterdrückt einen Fluch und atmet hörbar aus.
„Ist das hier vielleicht Deins?“
Eine der Reinigungsdamen streckt ihr ein knallrotes Lederetui entgegen.
Jenny errötet.
„Danke! Vielen Dank! Wo haben Sie denn das gefunden?“
„Lag im Papierkorb. Vorn vorm Raucherbalkon!“
Kalle stutzt.
„Schau mal nach, ob etwas fehlt!“
Natürlich fehlt etwas. Das Bargeld.
„Aber zumindest Ausweis, Führerschein und Bankkarten sind noch da!“ sagt Jenny.
„Die Karten würde ich trotzdem sperren lassen…“ meint Schwester Paula.
„Habt Ihr einen Verdacht?“ fragt Kalle.
Schwester Paula räuspert sich.
„Wenn Sie mich fragen: Der Sohn von der Frau Wiebelstein war heute früh hier!“
„Der Atze?“
„Beweisen können wir natürlich nichts…“
Aber jetzt fällt mir ein: Vorhin, bei der Visite, da war Frau Wiebelstein schon so komisch gewesen. Sie hat mir unbedingt erzählen wollen, dass sie nicht eine Tablette Oxazepam zur Nacht braucht, sondern drei. Und zwei weitere jeweils morgens und abends.
„Ich hab mal drauf geachtet,“ sagt Schwester Paula, „sobald der Sohn da ist, ist ihr Tablettenschächtelchen leer!“
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, aber dass ein Junkie für eine handvoll Benzos immer eine Verwendung hat ist ja allgemein bekannt.
„Zum Frühstück hat sie sich übrigens heute fünf Brötchen bestellt,“ sagt Jenny, „und dabei hat sie kein einziges gegessen!“

Written by medizynicus

24. Januar 2011 at 05:34

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Knallt das?

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Atze ist so um die Mitte dreißig und hat eine große Leidenschaft: das Heroin.
Und weil das ein ziemlich teures Hobby ist, betreibt er nebenbei einen kleinen Gemischtwarenhandel. Früher mal war er auch im Import-Export-business tätig, aber davon ist er längst weg.
„Die Gewinnmargen sind gering, das betriebswirtschaftliche Risiko zu hoch!“ sagt er. Das sind allerdings nicht ganz seine Worte. Er drückt sich da natürlich etwas anders aus.
Atze und ich, wir respektieren uns. Oder sagen wir mal besser: Wir haben eine Art Stillhalteabkommen geschlossen. Er verzichtet inzwischen auf die Überfallstrategie (z.B. Auftauchen nachts unter Vorspiegelung starker opiatpflichtiger Schmerzzustände) und hat auch sonst versprochen, sich zu benehmen. Das war, nachdem Schwester Paula ihn an den Ohren aus dem Stations-Dienstzimmer gezogen hat, wo er zu frühmorgendlicher Stunde (es herrschte gerade das übliche Frühstücksausteilechaos) seinen Kopf etwas zu tief in den Medikamentenschrank gesteckt hatte.
Aber sowas macht er jetzt nicht mehr. Und zum Dank dafür schmeißen wir ihn nicht immer gleich sofort wieder hochkant raus.
Atze führt seine Geschäfte gelegentlich auch vom Krankenbett aus. Das theortisch immer noch geltende Handyverbot wird von uns schon längst nicht mehr durchgesetzt. Das Rauchverbot hingegen schon, zumindest von mir, aber Atze umgeht das indem er geschickt mit dem nikotinabhängigen Teil des weiblichen Pflegekörpers flirtet und sich bei deren Rauchpausen einfach mit dazu auf den Balkon stellt. Aber wir kommen vom Thema ab.
Atze sitzt also aufrecht auf seinem Bett und telefoniert. Mein visitliches Erscheinen quittiert er mit einer kurzen grüßend gemeinten Handbewegung.
Dann legt er das Handy weg.
„Sag mal Doc,“ spricht er und reicht mir einen kleinen Notizzettel, „kennste das?“
Atze duzt übrigens unterschiedlos jeden, sogar den Chef.
Ich lese den Zettel. Da stehen ein paar Medikamentennamen drauf.
„Hat ’n Kumpel von mir organisiert!“ fährt Atze fort. Ich frage ihn lieber nicht, wie das mit dem Organisieren zu verstehen ist.
„Aha?“
„Und?“
„Was und?“
„Ja, knallt das Zeug?“
Ich muss innerlich grinsen. Da hätte ich Atze doch etwas mehr Sachverstand zugetraut. Auf dem Schriftstück stehen ausschließlich harmlose Vitaminpräparate und – man höre und staune – Pentoxyphyllin-Infusionslösung. Das Zeug gibt man zur Durchblutungsförderung nach einem Hörsturz, allerdings ist die Wirksamkeit eher umstritten. Und eine wie auch immer geartete andere Wirkung ist mir nicht bekannt.
Aber das braucht Atze ja nicht unbedingt zu wissen.

Written by medizynicus

8. Juli 2010 at 15:19

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