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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘kassenärztliche Vereinigung

Berliner Ärztefunktionäre genehmigen sich einen grossen Schluck aus der Pulle

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Also gut, wir Ärzte nagen ja nicht unbedingt am Hungertuche. Jedenfalls die meisten von uns nicht (Wieviel wir verdienen, ist übrigens kein Geheimnis – man kann es hier oder hier nachlesen). Und niemand beklagt sich ernsthaft darüber, dass die einen von uns mehr und die anderen weniger verdienen – zumindest solange die Höhe des Einkommens halbwegs proportional zur Arbeitsleistung und zur Berufserfahrung ist.
Tja. So ist das halt.
Und dann gibt es noch ein paar Kollegen, die verdienen besonders gut. Die haben einfach den Dreh raus… nee, nicht die Schönheitschirurgen oder Hokuspokuskünstler meine ich jetzt, die Rede ist von denen, die sich in öffentliche Ämter wählen lassen.
Öffentliche Ämter?
Also gut. Jetzt stellen wir uns mal vor, alle Porschefahrer (oder von mir aus alle Autofahrer) in diesem Lande müssen einem Verein beitreten. Dieser Verein wählt ganz demokratisch einen Vorstand und der Vorstand bestimmt dann, wann und wo überall Geschwindigkeitskontrollen stattfinden.
Klingt logisch, oder?
Genauso ist das aber mit uns Ärzten. Es nennt sich Selbstverwaltung oder Standespolitik. Und da gibt es inzwischen so viele Gremien, dass da kaum noch einer durchblickt. Eines dieser Gremien ist die Kassenärztliche Vereinigung. Die ist – in ganz grober Vereinfachung – dafür zuständig, das Geld der zwohundertfuffzich oder so Krankenkassen auf die zwohundertfuffzichtausend oder so niedergelassenen Ärzte zu verteilen. Und weil das ziemlich viel Arbeit ist braucht es dazu einen hauptamttlichen Vorstand. Das sind in der Regel Ärzte, die irgendwo eine Praxis haben. Und weil sie in der Zeit, in der sie im Vorstand sind nicht in ihrer Praxis arbeiten können, kriegen sie ein Gehalt, welches in der Regel nicht unbedingt dürftig ist. Und wenn sie dann aus ihrem Amt ausscheiden und doch wieder in ihre Praxis zurück müssen, kriegen sie nochmal Geld – damit der Übergang nicht so schwer fällt. Wohlgemerkt: zusätzlich zu den Beträgen, die sie sowieso schon kassiert haben.
…und wenn man dann doch noch einmal gewählt wird und nicht wieder in den harten Praxisalltag zurück muss, dann… ja, dann ist trotzdem das Übergangsgeld fällig, weil… ja, weil… äh… Geld haben ist nun mal besser als Geld nicht haben. Oder so. Dachten sich wenigstens die drei Vorstände der Berliner Kassenärztlichen Vereinigung und schusterten sich mal eben locker sechshunderttausend Euro zu. Macht zweihundert Mille (i.e. zweihunderttausend, nicht Millionen) für jeden.
Cool, oder?
Okay, war dann wohl doch etwas zuviel. Ich glaube, inzwischen haben sie es wieder zurückgegeben.

Written by medizynicus

9. Januar 2012 at 21:50

Von unseren Funktionären verarscht (wieder mal)

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Irgendwann stellt sich für jeden Arzt die Frage, wo er denn nun seine langfristige berufliche Zukunft sieht.
Manche Kollegen und Kolleginnen wissen das schon im Studium ganz genau: Avialle, die kleine Aufschneiderin will Chirurgin werden. Sternenmond will Kinderärztin werden.
Andere Leute lassen sich mit der Entscheidung etwas mehr Zeit.
Wenn man sich so die verschiedenen Karrierepläne seiner Kollegen anhört, fällt eines auf: Die meisten sehen ihre Zukunft – in der einen oder anderen Form – im Krankenhaus. Natürlich würde man gerne irgendwann einmal Chefarzt werden. Oder zumindest Oberarzt. Wenn nicht in Deutschland, dann im Ausland.
An eine Niederlassung in eigener Praxis, womöglich noch als Hausarzt, denken hingegen die Wenigsten.
Dabei wird allmählich immer deutlicher, dass zumindest langfristig in Deutschland Hausärzte gebraucht werden. Und zwar vor allem in ländlichen Regionen.
Unsere Funktionäre und Politiker wissen das.
Aus diesem Grunde gab es finanzielle Förderungen: Wer als Teil seiner Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in einer Hausarztpraxis arbeitet, bekommt von den Kassenärztlichen Vereinigungen einen Zuschuss zu seinem Gehalt. Oder anders ausgedrückt: Einen erheblichen Teil seines Gehaltes zahlt nicht der Arbeitgeber (die Praxis, in der er arbeitet), sondern die Institution, welche dafür verantwortlich ist, dass flächendeckend eine hausärztliche Versorgung gewährleistet ist.
Dieser Verein ist allerdings für so manche Überraschung gut – wie nicht nur die leidgeprüften niedergelassenen Kollegen wissen.
Die Neueste Schnapsidee (übrigens ein herrlicher Beitrag für den Kafka-Award):
Ärzte, welche nicht so spuren wie politisch gewollt sollen ihr Gehalt wieder zurückzahlen.
Das ist kein Aprilscherz, das ist ernst gemeint: Wer seine Facharztprüfung bestanden hat, soll sich anschliessend schleunigst in eigener Praxis niederlassen, nach Möglichkeit irgendwo in der Zone…. Äh, in den östlichen Bundesländern auf dem platten Land.
Wer sich nach einer bestimmten Zeit immer noch nicht niedergelassen hat, soll gefälligst das, was er im Laufe seiner Weiterbildung an Förderung von der KV erhalten hat, zurückzahlen.
Wie bitte?
Reden wir Klartext: Für viele jüngere Kollegen ist es schlicht und einfach nicht attraktiv, sich als Hausarzt niederzulassen. Die Arbeitszeiten sind lang und oft nicht mit einem geregelten Familienleben zu vereinbaren, die Vergütung wird jährlich schlechter und die Bürokratie immer schlimmer.
Es gibt inzwischen bessere Alternativen: Jobs als Angestellter Facharzt in Akut- und Rehakliniken, oder auch in MVZs oder in großen Praxen.
Wäre es nicht vielleicht angebracht, den Beruf des Hausarztes wieder attraktiver zu machen anstatt hier mit der Peitsche auch noch die Letzten zu vergraulen, die sich vielleicht dafür interessieren?
Ob das kleine Häuflein der Aufrechten es noch schaffen wird, diese Entwicklung zu verhindern bzw. rückgängig zu machen?
Man darf gespannt sein!

Written by medizynicus

12. August 2009 at 10:35