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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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„Individuelles Menschliches Versagen….“ – oder Fehler im System?

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In einer Uni-Klinik ist ein Patient ums Leben gekommen. Ihm wurde eine Blutkonserve mit falscher Blutgruppe transfundiert. So etwas darf nicht passieren.
Jeder, der einmal in einem Krankenhaus gearbeitet hat, weiss, wie pingelig man normalerweise mit Blutkonserven umgeht: Bevor man eine Transfusion anhängt, will man hundertfünfzigprozentig sicher sein, dass alles passt: Kreuzprobe im Labor, Bedside-Test, kontrollieren und nochmal kontrollieren. Es gibt einige wenige Dinge, bei denen kann man einfach nicht vorsichtig genug sein.
Und trotzdem ist ein Mensch gestorben und das ist tragisch. Wie konnte das passieren?
„Individuelles Menschliches Versagen“, behauptet die Klinikleitung und natürlich arbeitet man pflichtbewusst mit der Staatsanwaltschaft zusammen.
Man kann es auch anders ausdrücken: Wir wissen schon, wer schuld ist, das war irgendso ein blöder Assistenzarzt, der wird jetzt gefeuert und ans Messer geliefert, hoffentlich verurteilt, vielleicht sogar Knast, oder zumindest doch eine dicke Geldstrafe und seine berufliche Zukunft kann er sich von der Backe putzen. Wir, die Klinikleitung aber haben damit nichts zu tun!
Ja, wenn es denn so wäre…
Stellen wir uns vor: Da dackelt man als Assistenzarzt im Dienst über die nächtlichen Klinikflure. Eben noch hat man vom Oberarzt wegen einer Kleinigkeit einen Anschiss kassiert. Und jetzt dies und das machen und das und dies und dann auch noch auf Station sieben das Blut anhängen. Auf Station sieben war man noch nie gewesen, man ist ja auch erst seit zwei Wochen im Haus, frisch von der Uni, und heute der erste Dienst. Seit sechsunddreißig Stunden hat man kein Auge mehr zugetan. Irgendwo im Stationszimmer liegen drei verschiedene Blutbeutel herum, keine Schwester weit und breit zu entdecken, also sucht man sich sein Zeug mühsam zusammen, blättert in Akten und da fällt einem nicht auf, dass der Herr Meyer mit Ypsilon von Zimmer hundertdreiundzwanzig nicht der Herr Meier von Zimmer hundertdreizehn ist. Der Patient ist dement und nicht ansprechbar, man hat ihn noch nie zuvor gesehen, also schnell das Blut angehängt und dann weiter, die Notaufnahme hat jetzt schon zum dritten Mal nachgefragt wo man denn nun bleibt…
Die betreffende Uniklinik wurde vor einiger Zeit privatisiert.
Und betriebswirtschaftlich gerechnet ist es offenbar profitabler, ab und zu einmal einen Assistenzarzt zu verheizen.

Written by medizynicus

30. August 2010 at 05:59

Die Seelenverkäufer von Bad Dingenskirchen

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Die Stimmung ist gereizt.
Der Versammlungsraum ist brechend voll, fast die gesamte Belegschaft ist versammelt. Draußen am Flur ist so eine Art Buffet aufgebaut, mit matschigen Wurst- und Käsebrötchen ohne Gürkchen, dazu gibts Kartoffelsalat mit Salzstangen, Mineralwasser und Kaffee. Die Verwaltung gibt einen aus und läd ein zur Mitarbeiterversammlung.
„Nun gedulden Sie sich doch noch einen Moment…“ sagt unser Personalchef und klopft ans Mikrofon. Auch er ist nervös.
Endlich taucht der Verwaltungsdirektor auf. Dunkelblauer Anzug, graue Krawatte, Schweißperlen auf der Stirn.
„Meine Damen und Herren…“
Und dann folgen erst einmal die üblichen Floskeln. Schleimig-freundlich, nichtssagend, unverbindlich.
Und dann hat ein schlanker Yuppie-Typ das Wort. Er ist Unternehmensberater. Was auch sonst. Seine Firma heißt Schlagmichtot, Haumichblau und Collegen. Collegen mit C. und abgekürzt wird das Ganze zu SHC-Consulting und klingt damit noch schicker.
SHC-Consulting ist also mit der Restrukturierung unseres Krankenhauses beauftragt worden.
Im ersten Schritt wird unsere Anstalt nun vom Kreiskrankenhaus zum Krankenhaus des Kreises Bad Dingenskirchen Geh-emm-be-hah und bleibt vorerst im Besitz des Landkreises, also in kommunaler Trägerschaft, aber nur so lange, bis ein „Partner“, will sagen Käufer gefunden ist.
Die Mitarbeiter von SHC-Consulting werden nun in den nächsten Wochen und Monaten unsere Arbeitsabläufe studieren und darüber Dossiers und Berichte anfertigen, alles natürlich streng geheim, zumindest für uns. Ist ja alles zu unserem Besten. Anschließend werden die Arbeitsabläufe optimiert und… und spätestens hier höre ich nicht mehr zu.
Ich stehe auf, gehe raus und hole mir einen Kaffee.
Draußen steht Kalle und kaut lustlos auf einem Wurstbrötchen herum.
„Geht’s Dir auch so wie mir?“ fragt er.
Ich zucke mit den Schultern.
„Ich glaub‘, ich muß kotzen!“ sagt er, läßt das angebissene Brötchen liegen und verschwindet in Richtung Toilette.

Written by medizynicus

18. März 2010 at 13:00