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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Wie man macht, dass ein Placebo wirkt

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„Und? Hat’s was gebracht?“ fragt Kalle.
„Was?“
„Na, das mit dem Placebo für Frau Müller!“
Ich schüttele den Kopf.
„Leider nicht. Habe ich aber auch nicht anders erwartet!“
„Warum nicht?“
„Da haben sich schon viele Kollegen die Zähne ausgebissen!“
„Aber ich noch nicht.“
„Kannst es gerne versuchen!“
Kalle klopft mir auf die Schulter.
„Genau das werde ich jetzt tun!“
Er ist schon aufgesprungen und nickt mir zu.
„Komm mit!“
Eher skeptisch folge ich ihm in den hinteren Teil des Schwesternzimmers, wo die Medikamente lagern.
„Was hast Du ihr denn gegeben?“
„Ein Placebo.“
„Das weiß ich. Was für eins?“
„Na ein Placebo halt… ich habe es einfach in die Akte geschrieben und den Schwestern gesagt, sie sollen es ihr geben.“
Kalle schaut mich tadelnd an und schüttelt den Kopf.
„Jetzt zeige ich Dir mal etwas!“
Eine Weile wuselt er in verschiedenen Schränken herum, dann hat er gefunden, was er gesucht hat: Eine Fünfhunderter Ringer-Lösung und eine Ampulle mit einer dunklen Flüssigkeit.
„Was ist das?“
„Vitamin B12“
Kalle zieht das Zeug in eine Spritze auf und gibt es in die Infusionslösung, die sich daraufhin leuchtend rot verfärbt.
„Wozu soll das gut sein?“
„Für Frau Müllers Rückenschmerzen.“
„Aha?“
„Placebos wirken am besten, wenn sie eklig aussehen und bitter schmecken. Spritzen sind stärker als Tabletten. Und Infusionen wirken noch besser als Spritzen.“
Mit Flasche, Infusionsbesteck und ensprechendem Werkzeug bewaffnet machen uns auf dem Weg zu Frau Müllers Zimmer. Kalle baut sich vor ihr auf und drückt ihre Hand.
„So, jetzt kriegen Sie etwas Gescheites!“ sagt er.
„Was denn?“
„Ein Schmerzmittel, das wirkt!“
Frau Müller runzelt die Stirn.
„Es handelt sich um eine Kombination aus Vitaminen und Wirkstoffen, die in Deutschland noch gar nicht zur Schmerzbehandlung zugelassen sind!“ erklärt Kalle geheimnisvoll, „aber in Amerika wird es im Rahmen von Forschungsprojekten eingesetzt!“
Kalle legt einen venösen Zugang und hängt die Infusion an.
„In ein paar Minuten werden Sie zunächst ein leichtes Kribbeln im Arm verspüren,“ sagt er, „oder auch ein leichtes Kältegefühl, das ist normal!“
Frau Müller schaut uns andächtig an.
Kalle nickt ihr noch einmal zu, dann verlassen wir den Raum.
„Du hast ja ziemlich dick aufgetragen!“ sage ich.
Kalle grinst.
„War aber noch nichtmal gelogen!“
Da hat er streng genommen sogar Recht.

Written by medizynicus

18. Oktober 2010 at 05:41