Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Medizin

Ist Medizin spirituell?

with 4 comments

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein.
Ein Patient, der an einer schweren Krankheit leidet, von der er mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr genesen wird, braucht Trost dringender als blinden Aktionismus im Sinne von verzweifelten, aber im Grunde von vorne herein zum Scheitern verurteilten Heilungsversuchen.
Darüber gibt es sogar wissenschaftliche Studien, die das mehr oder weniger gut zu beweisen versuchen.
Sofern man da überhaupt irgendwas beweisen kann.
Lehrbücher, Publikationen und Fortbildungskurse über Palliativmedizin widmen der Spiritualität viel Raum.
Auf Palliativstationen sind die Seelsorger ganz selbstverständlich Teil des Teams – oder sollten es jedenfalls sein.
Nur…
…was für eine Art von Spiritualität brauchen unsere Patienten?
Was für eine Art von Spiriualität wollen sie?
Vor noch gar nicht allzu langer Zeit war die Anwesenheit von Ordensschwestern in Krankenhäusern ein alltägliches Bild.
Diese Ordensschwestern haben nicht nur in der Pflege mitgearbeitet, sondern auch mit den Patienten gebetet. Das war einfach so.
Auch heute noch sind viele Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft.
Aber mindestens ein Drittel unserer Bevölkerung sind konfessionslos… und dann gibt es mehrere Millionen Moslems… Angehörige anderer Religionen, Esoteriker….
Welche Art von Spiritualität ist heute zeitgemäß?

Advertisements

Written by medizynicus

20. September 2012 at 08:24

Veröffentlicht in Palliativmedizin

Tagged with , , , ,

Palliativmedizin ist anders: erstes Fallbeispiel

with one comment

Liebe Leute,
heute wird’s mal ein bisschen trockener und vielleicht nicht ganz so lustig wie sonst.
Wie Ihr vielleicht gemerkt habt, geht es seit einigen Tagen hier im Blog schwerpunktmäßig um die Palliativmedizin.
Heute möchte ich ein erstes Fallbispiel (oder wie wir Mediziner sagen: eine Kasuistik) vorstellen.
Der Fall stammt nicht von mir: Ich habe ihn geklaut, und zwar von Orthopädix (Tolles Blog übrigens, aber mehr dazu später).
Also, los geht’s:

Der Fall:
Eine fünfzigjährige Patientin, Raucherin, deutlich vorgealtert wirkend, wird aus einem peripheren Krankenhaus zur weiteren Diagnostik in die orthopädische / unfallchirurgische Abteilung einer großen Zentralversorgungs-Klinik verlegt.
Seit einigen Wochen hatte sie über therapieresistente Schmerzen in der linken Schulter geklagt. Es wurden mehrere Röntgenbilder und ein CT angefertigt, darauf fanden sich tumorverdächtige Befunde im Schulterblatt, im Schultergelenk und in der Leber sowie in den Nebennieren, an der Halswirbelsäule, am rechten Hüftgelenk, am rechten Oberschenkelknochen, in der Brust und am Gesäß.
Bei Aufnahme wirkt die Patientin agitiert, möchte auf keinen Fall im Krankenhaus bleiben, am liebsten möchte sie heute noch wieder heim oder, falls unbedingt notwendig, spätestens am folgenden Morgen.
Sie habe schließlich ein eigenes Geschäft und müsse sich um ihre pflegebedürftige Mutter kümmern. Außerdem habe sie Angst davor, dass ihr bei einer Chemotherapie die Haare ausfallen könnten. Ob es denn nicht so etwas wie eine „Soft-Chemo“ gebe?
Der aufnehmende Arzt bzw. PJ’ler – also Orthopaedix – ist von der Verhaltensweise der Patientin offenbar mehr als irritiert.
Wie geht es (normalerweise) weiter?
Zunächst muss die Diagnostik verfollständigt werden, um dann eine Entscheidung über Therapiemöglichkeiten treffen zu können. Hierzu ist es wichtig, herauszufinden, aus welcher Art von Zellen der Tumor besteht. Idealerweise möchte man wissen, wo der ursprüngliche Tumor herkommt. Außerdem möchte man einen Überblick über alle Metastasen gewinnen.
Aus diesem Grund muss man an (mindestens) einer Stelle eine Probe gewinnen. Geplant ist deshalb offenbar (so schreibt Orthopädix) eine Punktion der Leber. Außerdem gehört eine CT-Untersuchung von (mindestens) Schädel, Thorax und Abdomen zur üblichen Routine (bzw. es ist auch nicht unüblich, dass man den ganzen Patienten vom Scheitel bis zur Sohne einmal komplett durchs CT schiebt) sowie eine Knochenszintigraphie. Außerdem werden verschiedene Blutuntersuchungen durchgeführt. Diesen Prozess nennt man „Staging“, man möchte wissen, in welchem „Stadium“ sich der Tumor befindet, bzw. wie ausgedehnt die Erkrankung ist.
Das sollte natürlich so rasch wie möglich geschehen, kann aber ein paar Tage dauern.
Nach Abschluss des „Stagings“ wird der Patient in der Regel in einer „Tumorkonferenz“ (bzw. auf Neudeutsch: „Tumorboard“) vorgestellt.
Hier sitzen alle behandelnden Kollegen zusammen: In diesem Fall zum Beispiel Orthopäden, Internisten, Onkologen, Radiologen, Strahlentherapeuten und auch (vielleicht) Palliativmediziner.
Im Tumorboard wird entschieden, welche Behandlungsformen in Betracht kommen und – vor allem – was das Behandlungsziel ist: Kann man den Tumor prinzipiell noch operieren, also im Idealfall komplett entfernen oder doch zumindest die Tumormasse reduzieren? Ist eine Operation sinnvoll? Welche Rolle spielen Chemotherapie, Bestrahlung und ggf. Antikörper- oder Hormontherapien?
Vor allem aber geht es um eine ganz wichtige Entscheidung:
Kann man den Patienten noch „heilen“ (wir Ärzte reden von „kurativer“ Behandlung) oder geht es allein darum, die Leiden des Patienten bestmöglich zu lindern?
Im letzteren Fall muss man davon ausgehen, dass der Tumor weiter wachsen wird. Der Patient wird irgendwann einmal daran versterben. Ziel der Behandlung ist es, den Patienten bis dahin so gut wie möglich zu begleiten. Das ist es, was man unter „palliativer“ Betreuung versteht.
Wie sind die Aussichten?
Es ist davon auszugehen, dass es sich hier um ein weitest fortgeschrittenes Tumorleiden handelt.
Eine Heilung ist extrem unwahrscheinlich.
Aus diesem Grund sollte das palliativmedizinische Team so früh wie möglich eingebunden werden.
Und wie das funktioniert…
…darum geht es in der nächsten Fortsetzung.

Written by medizynicus

16. September 2012 at 12:11

Monsterdoc hat unser Buch gelesen – und darüber geschrieben

with 4 comments

 

 

Chefarzt  Monsterdoc  schreibt:

Diesen medizinsatirischen Roman kann man jedem empfehlen, der medizinisch tätig war, ist, oder sich dafür interessiert. Daumen hoch für Balthasar und die Kunst des Heilens. Abschließend würden mich noch zwei Fragen interessieren: Wie können 2 Autoren ein zusammenhängendes Buch schreiben? Und: Wann wird es verfilmt? Ich könnte da Kontakt zu einem durchgeknallten Filmteam herstellen …

Danke, Cheffe!

Tja, und was Deine Fragen angeht: Wie wir das hingekriegt haben… das wissen wir selbst nicht. Monatelang haben wir ausschließlich über Email kommuniziert. Im echten Leben getroffen haben wir uns erst… als das Buch schon halb fertig war. Ja, und den Kontakt zu dem durchgeknallten Filmteam… darauf können wir gerne nochmal zurückkommen!

Written by medizynicus

9. Juli 2011 at 20:33

Veröffentlicht in Das Buch

Tagged with , , ,

Medizin, Demokratie, und Bauingenieure

with 109 comments

„…und damit komme ich zum Schluss meines Vortrages, sehr verehrte Damen und Herren,“ Dr. Wuschelmann blickt in die Runde und nippt an seinem Wasserglas. „…Vielfalt statt Monotonie, das ist mein Credo. Ich habe Ihnen jetzt ausführlich erläutert, warum ich von alternativen Heilmethoden überzeugt bin. Nirgendwo gibt es eine alleinseligmachende Wahrheit. Daher möche ich Sie bitten, Ihre Scheuklappen abzulegen und der Naturheilkunde und Alternativmedizin gegenüber offener zu sein!“
Er lächelt in die Runde.
„Meine Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!“
Das Publikum applaudiert. Wir befinden uns auf einer Fortbildungsveranstaltung, zu der das Ärzenetz Bad Dingenskirchen eingeladen hat. Ein Pharmareferent spendiert Schnittchen und Getränke. Auf den Stühlen sitzen überwiegend leicht angegraute Hausärzte. Die paar Kollegen aus dem Krankenhaus haben sich ganz hinten versteckt, nur Oberarzt Heimbach sitzt in der ersten Reihe.
Der Pharmareferent dankt dem Vortragenden und schaut in die Runde.
„Gibt es noch Fragen?“
Heimbach meldet sich.
„Herr Kollege, darf ich Sie zu einem Gedankenspiel einladen?“
Dr. Wuschelmann runzelt die Stirn.
„Stellen Sie sich vor,“ fährt Heimbach fort, „Sie wollen eine Brücke bauen. Eine große lange Autobahnbrücke über ein tiefes Tal. Sie haben da ein paar Bauingenieure engagiert. Einer davon ist so ein Ingenieur, wie er im Buche steht: Nickelbrille, kariertes Hemd, Cordhose, Bleistift hinterm Ohr und Laptop unterm Arm. Der hat Ihnen einen Plan gemacht und alles schön berechnet. Einverstanden?“
Dr. Wuschelmann nickt.
„…und jetzt geht die Tür auf und noch ein paar andere Ingenieure kommen rein. Einer davon trägt eine schwarze Soutane und ein Kreuz um den Hals.“
Ein paar Anwesende lachen.
„…der Herr Pfarrer spricht ein paar Gebete und zeichnet einen zweiten Plan. Und dann geht die Tür erneut auf und ein buddhistischer Mönch kommt herein…“
Vielstimminges Raunen im Saal.
„…und nach dem buddhistischen Mönch kommt ein indianischer Schamane. Dann ein Imam, ein Rabbi und schließlich ein Voodoo-Priester. Und so weiter und so weiter. Und jeder von denen zeichnet einen Plan für die Brücke. Und jetzt frage ich Sie, Herr Kollege, welchen Plänen würden Sie wohl vertrauen?“
Dr. Wuschelmann bleibt still.
„Was würden Sie wohl um die Meinung der Schamanen und Voodoo-Priester geben?“
Dr. Wuschelmann kratzt sich am Kopf.
„Sie könnten mir vielleicht sagen, ob die Autobahnbrücke überhaupt notwendig ist!“ sagt er leise.

Written by medizynicus

12. April 2011 at 05:29

Medizin und Demokratie

with 20 comments

Letztens habe ich Dr. Wuschelmann getroffen: eine konspirative Unterredung auf neutralem Territorium. Die genauen Umstände dieses Treffens spielen keine Rolle.
Ach ja, Dr. Wuschelmann ist hier in Bad Dingenskirchen der König der Kügelchen. Er hat eine Praxis für Naturheilkunde, Homöopathie, Akupunktur, traditionelle chinesische Medizin, Voodoo und Kristallaurahokuspokustherapie (Okay, die letzten beiden Punkte waren gelogen).
Dr. Wuschelmann nippte also an seinem Kräutertee und schüttelte den Kopf.
„Ihr Schulmediziner seid Despoten!“ sagte er dann.
„Warum?“
„Weil es in der Schulmedizin eine lange antidemokratische Tradition gibt. Schauen Sie sich doch die Strukturen eines Krankenhauses an: Chefarzt, Oberarzt, Assistenzarzt. Das sind doch Rangordnungen, wie man sie sonst nur beim Militär kennt!“
„Hmm…. hat das nicht historische Gründe?“
Dr. Wuschelmann nickte heftig.
„Genau. Die deutsche Schulmedizin hat ihren Ursprung im Militär. Siebzehn-fünfundneunzig, da hat Friedrich Wilhelm der Zwote, der König von Preußen die Pépinière gegründet.“
„Was war das?“
„Die Ausbildungsstätte für preußische Militärärzte.“
„Was hat das mit unseren heutigen Krankenhäusern zu tun?“
„Der Geist von damals besteht immer noch fort. Und deswegen lasst Ihr Schulmedizinier auch keine anderen Meinungen gelten. Glaubt Euch im Besitz der Alleinseligmachenden Wahrheit. Überall sonst sind die Tyrannen gestürzt worden. Die Menschen haben kapiert, dass die Diktatur keine ideale Regierungsform ist. Nur in der Medizin, da ist man noch nicht so weit.“
„Und… äh… wie wollen Sie das ändern?“
Dr. Wuschelmann lächelt.
“ Mut zur Vielfalt!“ sagt er, „und genau das lebe ich in meiner Praxis. Es gibt nun einmal nicht nur eine einzige alleinseligmachende Wahrheit. Weder in der Politik noch in der Medizin!“
Er trank seinen Tee aus, reichte mir die Hand, zog seinen Mantel an und trat hinaus in die Nacht.

Written by medizynicus

28. Februar 2011 at 10:36

Veröffentlicht in Nachdenkereien

Tagged with , , , ,

Whistleblowing: Medizynicus bläst die Pfeife

with 6 comments

Leute, es ist soweit, Medizynicus wird in die Pfeife tuten!
Worum es geht?
Also gut: stell Dir vor, Du erfährst da irgendwas. Irgendwas, was vielleicht nicht für Deine Ohren bestimmt war. Irgendeine ausgemachte Sauerei:
Vielleicht bist Du Patient und irgendein Gesundheitsbürokrat in der Krankenkasse oder sonstwo will Dich für dumm verkaufen. Oder Du kriegst mit, dass ein Arzt medizinisch sinnlose aber potentiell höchst gefährliche Pseudomedizinsache verkaufen will. Oder Du schleppst Dich als nach einem anstrengenden Vierundzwanzigstundendienst in der Notaufnahme noch weitere zwölf Stunden durch die Krankenhausflure… und wirst dann auch noch von der Verwaltung um einen Teil Deines Gehaltes beschissen…
Du denkst, dass sowas an die Öffentlichkeit gehört?
Richtig so!
Schick Deine Geschichte an Medizynicus (m e d i z y n i c u s (bei) g m x (punkt) n e t)
Whistleblowing heißt das auf Neudeutsch.
Aber halt… ist das nicht dasselbe wie Petzen? Und ist Petzen nicht böse?
Nein, ist es nicht.
Medizynicus wird:

  • Geschichten, die an ihn herangetragen werden auf gewohnt satirisch- oder auch nachdenkliche Weise verarbeiten
  • Medizynicus behält sich vor, den Sachverhalt nachzurecherchieren.
  • Medizynicus wird niemals den Namen eines Whistleblowers gegen seinen Willen bekanntgeben oder weitergeben.
  • Medizynicus wird auch keinen konkreten Namen des Ortes des Geschehens geben. Ausnahme: Der Fall ist bereits bekannt.

Written by medizynicus

7. Februar 2011 at 23:21

Medizin braucht Rituale

with 10 comments

Es ist leicht, sich über schamanisches Trommeln oder esoterische Sonnentänzereien lustig zu machen, insbesondere dann, wenn so ekklektizistische Kombinationen wie schamanische Homöopathie dabei herauskommen. Aber ist die moderne wissenschaftliche Medizin denn wirklich so anders?
Auch unsere Medizin hat ihre Rituale – und mehr noch: Medizin ist Ritual! So war es in der Antike, so war es bei den sogenannten Naturvölkern und so ist es auch heute noch in den hochmodernen Krankenanstalten Europas!
Warum sonst tragen wir weiße Kittel? Richtig! Weil ein Kopfschmuck aus Adlerfedern heutzutage nicht mehr so leicht zu bekommen ist.
Warum läuft die Visite immer nach demselben Schema ab? Weil für einen zünftigen Sonnentanz in den kleinen Krankenzimmern nun meistens kein Platz ist!
Und was ist mit der körperlichen Untersuchung, dem Blutdruck- Fieber- und Pulsmessen? Hand aufs Herz, Leute: Nicht alles, was wir da machen, dient wirklich dem Erkenntnisgewinn! Sogar das sonografieren nicht… manchmal.
Seit Urzeiten waren Ärzte Priester und Priester Ärzte.
Ist es dann nicht allmählich Zeit, solche alten Zöpfe abzuschneiden?
Mitnichten, Leute!
Denn Rituale sind dem Heilprozess förderlich. Und mehr noch: Rituale sind Medizin. Rituale sind das Wesen der Medizin!

Written by medizynicus

1. Dezember 2010 at 05:02

Veröffentlicht in Nachdenkereien

Tagged with , , , , , ,

%d Bloggern gefällt das: