Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Der Kalle und der Krieg

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„Lass mich raten: Es hat irgendwas mit diesem MVZ zu tun!“
Kalle grinst bis über beide Ohren.
„Och nööö. Wie kommst Du denn da drauf?“
„Ich dachte, die Sache sei streng geheim!“
„Hmmm.“
„Erzähl, was ist los!“
Kalle macht eine Kunstpause und wischt sich den Bierschaum vom Mund.
„Da muss wohl einer geplaudert haben.“
„Etwa… ein gewisser Jemand, welcher gerade ein Glas in der Hand… ?“
„Nee, ich war’s nicht. Wirklich nicht.“
„Ach!“
„Das wäre mir viel zu teuer!“
„Zu teuer?“
„Denk doch an die Verschwiegenheitserklärung! Wenn die mir irgend etwas nachweisen können, dann bin ich schnell ein paar Tausender los.“
„Also läßt Du Dir halt nichts nachweisen…“
„Warum sollte ich?“
„Du sagtest doch gerade…“
„Nee, ich meine, warum sollte ich ein Interesse daran haben, dass das Geheimnis nicht mehr geheim ist?“
Ich zucke mit den Schultern.
„Wer denn?“
„Weiß ich auch nicht. Interressiert mich aber ehrlich gesagt auch gar nicht. Irgendwer wird’s schon gewesen sein. Vielleicht sogar irgendwer vom Krankenhaus selbst. Viel interessanter ist das zweite Geheimnis.“
„Welches zweite Geheimnis?“
„Tja, da staunste, was? Es gibt nämlich noch ein zweites Geheimnis. Und das ist noch viel geheimnisvoller!“

Written by medizynicus

23. April 2010 at 07:01

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Das MVZ: Die Achse des Bösen?

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Kalle lacht.
„Also, ich glaube, ich muss Dir die Sache einmal ganz von vorne erzählen.“
„Ich bin ganz Ohr.“
Kalle nimmt einen Schluck Bier.
„Also. Hier in Bad Dingenskirchen gibt es auf der einen Seite das Krankenhaus und auf der anderen Seite eine handvoll Arztpraxen. Das Krankenhaus ist für die stationäre Versorgung zuständig und die Niedergelassenen für die ambulante Versorgung. Das ist die eiserne Regel. Solange sich beide Seiten daran halten, herrsch Friede.“
„Aber unsere Ambulanz…“
„Natürlich gibt es Ausnahmen von der Regel. Es gibt Patienten, die mit Halsweh, Husten, Schnupfen oder Heiserkeit in unserer Ambulanz aufkreuzen und die auch bei uns behandelt werden. Und auf der anderen Seite holen wir ab und zu einen der niedergelassenen Kollegen zu einem Konsil für unsere Stationären Patienten. Keine Regel ohne Ausnahme. Aber grundsätzlich gibt es in unserem Land eine strikte Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung.“
„Und warum muss das so sein?“
„Das war schon immer so, ich glaube seit Kaiser Wilhelm’s Zeiten. Natürlich kann man sich fragen, wie sinnvoll das ist. Und genau das haben die Herren Unternehmensberater getan. Sie sind zu dem Schluss gekommen, dass das Krankenhaus sein Leistungsangebot erweitern soll. Wir sollen uns sozusagen aus dem Kuchen, der eigentlich den Niedergelassenen Kollegen zusteht ein Stück abschneiden. Und das funktioniert so, dass das Krankenhaus eine Art Arztpraxis gründet, und zwar eine Mega-Praxis mit mehreren Fachrichtungen.“
„Und das geht?“
„Mehrere niedergelassene Kollegen sind frustriert. Sie möchten aufhören. Aber sie finden keinen Nachfolger. Das Krankenhaus verhandelt mit denen. Man will ihnen die Praxen abkaufen und dann den Laden hierher verlegen.“
„Und was ist der Vorteil?“
„Die Versorgung aus einer Hand. Ich als Internist kann meine Patienten einerseits stationär im Krankenhaus behandeln und dann, wenn sie entlassen sind, ambulant weiterbetreuen..“
„Und was ist der Haken an der Sache?“
„Nunja… glaub mal nicht, dass die verbleibenden Niedergelassenen davon begeistert sind.“
Ich denke nach.
„Sag mal, warum übernimmst Du denn nicht eine Praxis?“
Kalle hätte sich fast verschluckt und schüttelt wild den Kopf.
„Bin ich denn völlig bescheuert? Ich müsste Schulden aufnehmen. Ich müsste Personal einstellen und Geräte kaufen. Weisst Du, unsere Arbeitszeiten sind lang und die Dienste nicht immer angenehm – aber immerhin hast Du ab und zu Feierabend. Als Selbständiger bist Du hingegen immer auf Draht: Du bist für alles selbst verantwortlich und und ständig im Dienst.“
Er trinkt sein Bier aus.
„Schau sie Dir doch an, die Kollegen! Alle sind sie frustriert und abgearbeitet. Und spätestens mit Mitte Fünfzig kriegen sie ihren ersten Herzinfarkt.“

Written by medizynicus

29. März 2010 at 07:58

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Das bestgehütete Geheimnis von Bad Dingenskirchen

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„Hmmm,“ sagt Kalle, trinkt einen Schluck Bier und starrt auf einen imaginären Punkt, welcher sich ungefähr zehn Kilometer hinter der Theke befinden muss.
Inzwischen kenne ich ihn gut genug, dass dies ein untrügliches Zeichen dafür ist, dass da irgendwas im Busch sein muss.
„Erzähl! Was ist los?“ frage ich.
Kalle seufzt, schaut mich an und nickt.
„Du hältst aber auch wirklich dicht?“
„Großes Indianerehrenwort!“
„Also, die Sache ist nämlich so… ähem…“
Die Bedienung schiebt uns zwei frische Biergläser hin.
Kalle schaut sich verschwörerisch um und senkt die Stimme.
„Das mit der Funktionsoberarzt-Sache, das ist nämlich nur die halbe Wahrheit!“
„Aha.“
„Sonst hätte ich doch niemals mitgespielt!“
„Nicht?“
„Glaub mir, ich bin doch auch nicht blöd. Ich kenne doch meinen Marktwert. Wenn man eine Weile sucht und geographisch ein bisschen flexibel ist, dann findet man schon richtige Oberarztstellen…“
„Aber?“
„Naja… irgendwie hänge ich ja doch an unserem guten alten Bad Dingenskirchen.“
„Und?“
„Und vielleicht ist die Sache ja doch ganz spannend. Obwohl ich nicht weiss, ob sie mich nicht doch übers Ohr hauen werden.“
„Warum sollten sie das tun?“
Kalle lacht.
„Hast Du jemals erlebt, dass Du bei irgendeinem Vorschlag, der von der Verwaltung kam, nicht das Gefühl hattest, übers Ohr gehauen zu werden?“
„Hmmm.“
„Aber ich glaube, ich sollte Dir die ganze Geschichte erzählen. Ist aber noch streng geheim. Ich musste sogar eine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Mit drakonischen Strafandrohungen…“
„Schieß los.“
Kalle atmet tief, nimmt einen weiteren Schluck Bier, rückt näher und senkt abermals die Stimme.
„Unser Personalchef hat mich also zu einem Gespräch gebeten. In den Konferenzraum. Ich komme also hin, und da sitzt ein halbes Dutzend Leute in dunklen Anzügen. Personalchef, Verwaltungsdirektor und vier Leute, die ich nicht kenne. Richtig feierlich alles. Die Tür geht zu und dann muss ich zunächst diese Verschwiegenheitserklärung unterschreiben. Erst dann stellt man mir die unbekannten Herrschaften vor: Zwei Vertreter des Krankenhausträgers und zwei Leute von SHC-Consulting. Und einer von denen ergreift das Wort.“
„Und was hat er erzäht?“
„Warte ab! Zunächst einmal viel Blabla. Unserem Krankenhaus geht es schlecht, wir müssen neue Wege gehen undsoweiter und so fort. Und dann kommt’s: Sie wollen ein MVZ aufmachen…“
„Ein… was?“
„Ein Medizinisches Versorgungszentrum. Dafür brauchen sie Fachärzte. Also mich. Und das haben sie mir angeboten.“
„Und was ist daran so geheimnisvoll?“
Kalle schaut mir direkt in die Augen.
„Junge, Du verstehst nicht, worum es da geht! Das ist Dynamit! Wenn das rumgeht, dann bricht hier die Revolution aus! Krieg! Randale ohne Ende. Verstehst Du?“
Gar nichts verstehe ich.

Written by medizynicus

27. März 2010 at 20:40