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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Mit Fünfundneunzig in den OP?

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Schwester Paula schüttelt den Kopf.
„Die spinnen doch, die Chirurgen!“
„Warum?“
„Die haben die Frau Schumpeter operiert! Das ist doch Leichenfledderei!“
„Frau Schumpeter ist keine Leiche!“, gibt Kalle zurück und wirft ihr einen strafenden Blick zu.
Frau Schumpeter ist gesegnete fünfundneunzig Jahre alt und quicklebendig. Also so lebendig, wie man mit fünfundneunzig noch sein kann. Ein bisschen dement ist sie schon, also ein bisschen viel dement, man könnte auch sagen stockdement, aber es geht ihr offenbar ganz gut damit, abgesehen von ihren Gallensteinen.
Die Gallensteine hatten wir mehr oder weniger zufällig beim Ultraschall gefunden, und irgendein Spaßvogel hat unsere Patientin dann den Chirurgen vorgestellt.
Jetzt hat sie keine Gallensteine mehr. Und auch keine Gallenblase.
„Warum hat man sie operiert?“, fragt Schwester Paula.
„Na, weil sie Gallensteine hatte!“
„Hatte sie irgendwelche Beschwerden?“
„Gesagt hat sie nichts… aber wer weiß, vielleicht hatte sie ja Koliken und konnte sich bloß aufgrund ihrer Demenz nicht mehr äußern?“
„Aber muss man ihr in dem Alter noch eine Operation zumuten?“
„Warum nicht, wenn es ihr nutzt?“
„Mit fünfundneunzig ist so eine Operation doch mit einem deutlich erhöhten Risiko verbunden!“
„Na, Herz und Kreislauf sind noch erstaunlich gut bei ihr, und so eine Gallen-OP ist doch heutzutage wirklich keine große Sache mehr…. warum sollte man ihr das verweigern?“
„Weil irgendwann auch irgendwo mal Schluss sein muss!“, sagt Schwester Paula und verlässt kopfschüttelnd den Raum.

Written by medizynicus

10. Juli 2016 at 05:25

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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