Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Pharmareferent

Fortbildungsfreuden

with 6 comments

Ach ja, ich wollte doch erklären, wo mein Kater heute früh herkam. Also gut… kopfkratz… also, das war so:
Gestern Nachmittag.
Feierabend. Fast pünktlich – zumindest für Bad Dingenskirchener Krankenhausverhältnisse – kann ich mich von Station verdünnisieren, hänge meinen Kittel an den Nagel und ziehe mich um.
Gerade als ich in Unterhosen dastehe, geht die Tür auf und Kalle kommt gut gelaunt hereingestürmt. Hängt seinen Kittel in den Spind, hat ratzfatz Zivilklamotten und Jacke angezogen und will sich mit einem freundlichen Winke-winke vom Acker machen.
Im Rausgehen dreht er sich nochmal zu mir um.
„Kommst Du mit?“
„Wohin?“
„Heute Abend. Restaurant Ratsstube!“
„Was soll ich da?“
„Etwas lernen. Über Diabetes, Asthma, Herzinfarkt oder was weiß ich. Es gibt Fortbildungspunkte.“
„Muß ich mir das antun?“
„Müssen nicht. Aber die Küche ist nicht schlecht!“
Das weiß ich auch. Die Ratsstube ist die erste Adresse am Ort, was lecker Essengehen angeht, allerdings nicht unbedingt preiswert. Und ich weiß nicht, ob ich mir den Abend mit Diabetes, Asthma, Herzinfarkt oder sonstwas versauen lassen will. Davon habe ich schließlich auch tagsüber genug.
Also gehe ich erstmal heim. Wusele lustlos in meiner Bude herum, kollabiere auf dem Sofa, schalte die Glotze ein, zappe herum, schalte sie wieder aus, lege mich ein Viertelstündchen aufs Sofa, wache eine Stunde später mit Magenknurren auf und stelle beim Blick in den Kühlschrank fest, daß dieser ziemlich leer ist. Verdammter Mist!
Jetzt habe ich die Wahl zwischen Pommesbude, Pizzataxi, oder… ähem.
Blick auf die Uhr.
Viertel nach acht.
Okay, also los!
Gegen halb neun betrete ich den Vortragsaal. Ein Typ in schlechtsitzendem Anzug deutet aufgeregt mit seinem Laserpointer auf eine Powerpointfolie und ein paar Dutzend überwiegend angegrauter Kollegen versuchen, ihm zu folgen. Am Eingang ist ein Tisch aufgebaut mit Broschüren, Flyern, Kugelschreibern und gelben Plastikgimmicks mit rotem Schriftzug „Holladiol“. Hinter dem Tisch sitzt eine überraschend hübsche Dame im Business-Kostüm.
„Ich habe mich leider etwas verspätet…“ keuche ich.
„Macht doch nichts!“ lächelt sie und schiebt mir eine Anwesenheitsliste hin.
Ich trage mich ein.
„Was möchten Sie trinken?“ fragt die Businesslady.
Ähem… ein Wasser? Eine Cola?
„Ein großes Bier bitte!“ ordere ich.
„Mögen Sie Ihr Filetsteak englisch, medium oder durchgebraten? Als Alternative hätten wir noch Forelle oder…“
Momentmal… auf der Speisekarte stehen ja gar keine Preise drauf! Ist das eine gute Nachricht oder kommt irgendwann das böse Erwachen?
Egal. Ich habe Hunger.
„Medium!“ sage ich und dann setze ich mich in die letzte Reihe.
Der Abend wird noch spannend. Aber das liegt nicht an dem Vortrag. Geht es jetzt um Diabetes, Asthma oder Herzinfarkt? Ich habe es noch immer nicht herausbekommen!

Written by medizynicus

5. März 2010 at 00:03

Der Weihnachtsmann von der Pharmaindustrie…

with 5 comments

Da ist wieder so einer.
Etwas verloren steht er auf dem Flur herum: Schickes Sakko, polierte Schuhe und in der Hand ein Aktenköfferchen. Demütig und mit leicht gesenktem Kopf klopft er an die Scheibe des Schwesternzimmers.
„Guten Tag, ich hätte gerne den Herrn Chefarzt gesprochen…“
„Der ist unten in seinem Büro!“
Oder im OP. Oder in der Endoskopie. Oder in der Ambulanz. Wahrscheinlich war der Mann mit dem Köfferchen dort schon überall gewesen und hat ihn nicht angetroffen. Aber er läßt sich nichts anmerken. Bedankt sich freundlich und geht zurück in Richtung Treppenhaus.
Schwester Gaby schaut ihm eine Sekunde lang nach.
„Hallo, warten Sie…“
Er dreht sich um.
„Sie haben nicht zufällig ein paar Kleinigkeiten für uns?“
Der Köfferchenmann lacht kurz, langt in seine Tasche und fördert ein Bündel bunter Kugelschreiber hervor. „Holladiol Forte“ steht darauf.
Schwester Gaby bedankt sich, aber kaum ist der Köfferchenmann um die Ecke gebogen, da schüttelt sie den Kopf.
„Früher waren sie spendabler gewesen!“ sagt sie.
„Wieso?“ frage ich.
„Um diese Jahreszeit wären ja wohl mindestens ein paar Kalender fällig gewesen!“
„Oder ein paar brauchbare Bücher!“ meint Kollege Kalle.
„Von Kaffeemaschinen, Radios oder Uhren will ich ja gar nicht erst anfangen,“ fährt Gaby fort, „Und Aschenbecher brauche ich gar nicht erst zu erwähnen.“
„Na, da kann er doch nichts für, wenn seine Firma geiziger geworden ist.“
„Sein Pech.“
„Warum?“
„Wäre er spendabler gewesen, dann hätte ich ihm gesagt, wo er den Chef findet!“
Schwester Gaby grinst ihr fiesestes Grinsen.
„Der sitzt nämlich gerade hier auf Station im Schwesternzimmer und trinkt Kaffee!“

Written by medizynicus

10. November 2009 at 00:40