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Kann man Bloggern trauen? Oder: Desmond, die Krankheit und die Pharmaindustrie

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Desmond ist so ein bißchen der nette junge Schwule von nebenan. Er lebt in Köln, ist neunundzwanzig und HIV-positiv. Darüber bloggt er.
Okay.
Desmonds Blog ist spannend zu lesen, designmäßig aufwändig gemacht, eine Facebookseite gibt’s natürlich auch und alles was dazu gehört.
Wer Desmond wirklich ist, das erfährt man, wenn man auf seiner Seite ganz nach unten scrollt: Hinter Desmond – und der angeschlossenen HIV-Info-Seite „Garten der Lüste“ steht nämlich die Pharma-Firma Abbott. Und die stellen zufällig unter Anderem auch HIV-Medikamente her. Dafür werben dürfen sie nur in „Fachkreisen“ nicht jedoch bei potentiellen Patienten. So steht’s im deutschen Heilmittel-Werbegesetz.
Und was hat das mit Desmond zu tun?
Existiert der überhaupt? Lebt er wirklich in Köln? Ist er gar nicht schwul und noch weniger HIV-positiv?
Wird sein Blog vielleicht in Wirklichkeit von den Mitarbeitern einer Werbeagentur geschrieben?
Ondamaris hat die Geschichte von Desmond ausführlich recherchiert. Einige seiner Kommentatoren wollen ihn wirklich getroffen haben. Es scheint ihn also zu geben.
Aber schreibt er wirklich jeden Artikel in dem nn seinem Namen veröffentlichten Blog? Werden diese redigiert oder redaktionell bearbeitet? Wer beantwortet an ihn gerichtete Emails, wer scannt die Kommentare in seinem Blog (von denen es verdächtig wenige gibt)? Wieviel Authentizität bleibt also noch übrig?
Es gibt Blogs, in denen ganz normale Leute über ganz normale Dinge schreiben. Einige Leute erleben vielleicht spannendere Dinge als andere oder können besser darüber schreiben als andere und werden daher häufiger gelesen. Andere Blogs sind fiktiv. Und dann gibt’s die Blogs, in denen halt mal ein bißchen geschummelt oder übertrieben wird. Es ist nicht leicht, herauzufinden wie authentisch ein Blog wirklich ist – und wieweit Anspruch und Wirklichkeit zusammenpassen.
Dass Pharma-Firmen sogenannte „Disease-Awareness-Kampagnen“ schalten und Selbsthilfegruppen ist nichts Neues – und keineswegs verwerflich, solange die Karten offen auf dem Tisch liegen.
Ein großer Teil aller medizinischen Publikationen, viele Fortbildungen und auch zahlreiche wissenschaftliche Studien würden ohne die finanzielle Unterstützung der Pharmaindustrie nicht existieren. Und damit kann man leben. Nur ganz wenige Puristen lehnen das ab.
Dennoch wirft Desmonds Blog eine Menge Fragen auf.

Danke an die Stationäre Aufnahme für den Link.

Written by medizynicus

20. Juli 2010 at 17:30

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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