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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Blitzmerker Paul

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„…Sehr geehrter Herr Kollege, hiermit berichten wir über den Patienten Wunsiedel Willibald, geboren wannauchimmer, welcher sich irgendwann letztens in unserer stationären Behandlung befand. Diagnosen:…“
Seufzend durchblättere ich die Krankenakte und versuche herauszufinden, warum Herr Wunsiedel, an den ich mich kaum mehr erinnern kann die Gastlichkeit unseres Hauses in Anspruch genommen hat.
Der Becher Krankenhauskaffeeplörre neben mir ist längst kalt geworden.
Paul sitzt mit einem EKG Lineal in der Hand neben mir und hat einen Stapel rötlichkariertes Millimeterpapier vor sich. Paul müht sich sichtlich ab und der Stapel wird nur langsam kleiner, was mir fast ein wenig…. klammheimliche… diebische Freude bereitet.
Okay, okay, mein Stapel an zu diktierenden Akten ist ja auch nicht ohne!
Endlich weiß ich, was mit Herrn Wunsiedel los war.
„…und verbleiben mit kollegialen Grüßen, Unterschriften und das übliche blabla, danke.“
Paul stupst mich von der Seite an.
„Du sag mal….“
Er hält mir ein EKG unter die Nase.
„Die Frau Schartner hier…“
„Was ist mit der?“
„Die hat doch Rechtsherzbelastungszeichen, nicht?“
Momentmal! Zeig mal her.
Paul zückt sein EKG-Lineal.
„Ist doch eindeutig Rechtstyp, außerdem hat sie einen Rechtsschenkelblock, oder was meinst Du?“
Ich kratze mich am Kopf. Rein theoretisch hätte mir das ja eigentlich auch schon aufgefallen sein müssen, als man mir dieses EKG gestern unter die Nase gerieben hat. Die Patientin wird doch nicht etwa eine Lungenembolie haben? Aber man darf ja nicht immer den Teufel an die Wand malen!
„Nun ja,“ sage ich, „das muss nicht unbedingt etwas heißen, es sei den….“
„Sie kam doch mit akut plötzlich neu aufgetretener Atemnot, nicht wahr?“
Donnerwetter, bist ja echt ein kluger Junge!
„Dann schau doch mal nach, bei den Laborwerten…“
„D-Dimere sind grenzwertig positiv!“
Peinlich, peinlich. Könnte es sein, dass mir das gestern durch die Lappen gegangen ist?
„Also gut,“ sage ich, „dann machen wir mal ein Thorax CT und schauen, ob Du Recht hast!“
Und wenn das der Fall sein sollte, dann hast Du Dir einen Drink oder zumindest ein dickes Lob verdient!

Written by medizynicus

16. März 2011 at 05:22

Paul, Jenny und das EKG

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„…wir verbleiben mit kollegialen Grüßen, Unterschriften undsoweiterdasüblicheblabla Stop.“
Ich klappe die Krankenakte zu und schlage eine andere auf.
„Nächster Brief…“
Nee. Nix nächster Brief. Erstmal ein Kaffee.
Ich stehe auf und gehe in die Küche.
Da sitzt Jenny und lacht. Aber halt, sie lacht nicht alleine, denn neben ihr sitzt Paul.
Was macht Paul hier in der Küche? Und vor allem: sitzen die beiden nicht verdächtig nah nebeneinander?
Wortlos gehe ich zur Kaffeemaschine und schenke mir eine Tasse ein. Dann setze ich mich an den Tisch, den beiden gegenüber.
„Was gibt’s?“ frage ich und bemühe mich, nicht allzu böse zu klingen.
„Och, wir reden nur so…“ sagt Jenny.
„Über irgendwas Bestimmtes?“
„Nöö, eigentlich nicht…“ meint Paul und wird ein wenig rot.
„Hmmm.“ sage ich.
Paul schaut mich fragend an.
„Was machst Du gerade?“
„Briefe Diktieren!“ sage ich und ziehe eine Grimasse.
„Strafarbeit!“ füge ich hinzu und schaue von einem zum Anderen, „da würde ich auch lieber hier sitzen und mit schönen Frauen flirten…“
Jetzt werden beide rot.
Dabei sollte es doch gar nicht vorwurfsvoll klingen… oder zumindst nur ein ganz kleines bisschen.
„Kann ich Dir irgendwie helfen?“ fragt Paul schnell.
„Natürlich kannst Du das!“ gebe ich ebenso schnell zurück, „drüben im Arztzimmer liegt ein ganzer Stapel EKG’s die alle noch befundet werden müssen!“
„Das ist aber auch Strafarbeit…“
„Och, ich glaube, Deine Freundin würde das anders sehen!“ sage ich, stehe auf, nehme meine Tasse und gehe laut pfeifend zurück zu meinem Diktiergerät.

Written by medizynicus

11. März 2011 at 05:49

Mach mal eben den Unterricht…

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Die Kaffeemaschine pröttelt vor sich hin, schon drei Kannen habe ich im Laufe des Abends leergetrunken. Auf dem Schreibtisch liegt meine komplette Lehrbuchsammlung aufgeschlagen herum und auf dem Rechner glotzt mich eine leere Powerpointpräsentation an. Keine sieben Stunden Galgenfrist mehr. Wenn der Wecker klingelt muss ich auf meinem USB-Stick irgendwas gespeichert haben, was ich dann am Nachmittag im Seminarraum unseres Klinikums zum Besten geben kann.
Angefangen hat das Unglück heute Nachmittag um siebzehn Uhr dreißig. Da hatte ich meinen Kittel gerade in den Schrank gehängt und war drauf und dran, den Heimweg anzutreten, als ich Kalles Hand auf meiner Schulter spürte.
„Du… hast Du noch einen Moment?“
„Äh…?“
„Kannst Du morgen den Unterricht machen?“
„Den… was?“
„Den Unterricht für die PJler!“
„Öh…“
„Das Thema ist egal. Nimm halt irgendwas, was einen Bezug zum Alltag auf Station hat. Bloß keine Kolibris. Irgendein häufiges Krankheitsbild…“
„Und wie…“
„Eine kurze Präsentation, maximal eine halbe Stunde, und dann stellst Du einfach Fragen. Das schaffst Du schon!“
Und damit war er aus der Tür. Ich hätte ihn erwürgen können!
Maximal sechseinhalb Stunden noch. Und ich habe noch nicht einmal ein Thema. Ich fürchte, es wird noch eine lange Nacht…

Written by medizynicus

3. März 2011 at 23:33

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Studenten zu verteilen (Teil 2)

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Die Besprechung ist zu Ende.
Kalle nickt dem baumlangen Kerl kurz zu. Der Typ reißt die Augen auf, nickt zurück und kommt langsam in unsere Richtung geschlurft.
Ich stelle mich vor und strecke ihm meine Hand entgegen. Er drückt sie so fest, dass er sie fast zerquetscht. Und dann nickt er und grinst mich wortlos an.
„Äh… wie heißt Du denn?“ frage ich.
„Paul,“ sagt er, „Ich bin PJler!“
Kalle klopft mir auf die Schulter.
„Und Du zeigst ihm dann mal die Station und alles andere, was sonst noch dazu gehört!“ sagt er.
Ich atme tief ein und aus.
„Also gut, Paul…“
Kalle dreht sich um.
„Ich bin dann mal in der Endoskopie. Ruf mich an, wenn’s Probleme gibt!“
Ich nicke kurz, dann ist er auch schon fort. Paul schaut mich fragend an. Ich mache eine Handbewegung in Richtung Treppenhaus.
„Was hast Du denn so langfristig mal vor?“ frage ich.
„Chirurgie!“ kommt die Antwort wie aus der Pistole geschossen.
Einmal tief einatmen, ausatmen. Nein, wir haben keine Vorurteile, wirklich nicht. Abgesehen davon ist er ja noch gar kein Chirurg und wer weiß, ob er es jemals wird. Noch besteht vielleicht Hoffnung….
„Kannst Du Blut abnehmen? Venöse Zugänge legen?“
„Machen das bei Euch nicht die Schwestern?“
„Naja… vielleicht könntest Du ihnen ja ein wenig helfen… wenn Du magst!“
Jetzt atmet Paul hörbar ein und aus.
Oben auf Station zeige ich ihm dann zunächst mal den Standort der Kaffeemaschine. Im Grunde meines Herzens bin ich ja ein netter und liebenswürdiger Mensch. Ich schenke uns beiden eine Tasse ein.
„Mit EKG’s kennst Du Dich aus?“
Er wird ein wenig rot.
„Geht so.“
Die Tür geht auf und Jenny kommt rein. Paul springt auf und streckt ihr seine Vorderflosse entgegen.
„Hi! Ich bin der neue PJler! Wenn Du mal Hilfe brauchst, sag‘ einfach Bescheid!“
Jenny lächelt ihn an.
„Oh, das ist aber lieb!“ sagt sie.
Schnell schiebe ich Paul durch die Tür ins Arztzimmer.
„So, und jetzt erkläre ich Dir mal, wie man EKG’s befundet!“

Written by medizynicus

2. März 2011 at 05:01

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Der Spiegel entdeckt sein Herz für PJler

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PJler arbeiten viel und kriegen dafür in der Regel keine Kohle, stellt der Spiegel heute fest.
Welch bahnbrechende Erkenntnis.
Wir erinnern uns: Ein Medizinstudent im letzten Jahr – dem Praktischen Jahr – hat zwar noch einen gültigen Studentenausweis und kommt so mit Glück etwas billiger ins Kino, aber das wars’s dann auch schon mit dem lustigen Studentenleben. Das ist nämlich weitgehend vorbei. Stattdessen heißt es früh aufstehen, Patienten versorgen, Leben retten und so, wie ein richtiger Arzt, nur dass man es halt noch nicht ist, auf dem Papier eben, und dafür eben keine Kohle kriegt.
Das perverse an der Sache:
Die Uni zahlt dem entsprechenden Krankenhaus eine Menge Geld dafür, dass dieses Haus den PJ-ler – also den Studenten auch ausbildet.
Fakt ist:
Mit etwas Glück darf man einmal in der Woche beim Oberarzt darum betteln, dass der einem zwischen OP und Ambulanz ein paar Anekdoten erzählt. Und natürlich schaut man sich eine Menge Sachen bei den Schwestern und bei den Assistenzarzt-Kollegen ab. Learning by Doing nennt sich das. Ist ja im Prinzip keine schlechte Sache, aber das Krankenhaus profitiert davon, um so mehr, je besser ausgebildet der PJ-ler ist, und deswegen wäre es eigentlich eine faire Sache, dafür bezahlt zu werden… nicht unbedingt zwangsläufig fürstlich, aber zumindest soviel, dass man halbwegs über die Runden kommt, wie es in anderen Ländern schliesslich auch der Fall ist.
Aber nee, wir mussten seinerzeit sogar das Mittagessen in der Kantine selbst bezahlen. Und zwar mussten wir mehr bezahlen als die „richtigen“ Kollegen, weil der Angestellten-Rabatt schliesslich nicht auf uns zutraf da wir ja nicht angestellt waren, sondern nur dumme Studenten.
Ja, Sternenmond hat diese Phase diese Woche überstanden. Herzlichen Glückwunsch! Und ich drück Dir die Daumen fürs Hammerexamen. Und wenn Du dann irgendwann mal einen Job suchst… bei uns in Bad Dingenskirchen, in der allertiefsten und allerschönsten Provinz bist Du allerherzlichstens Willkommen! Vielleicht sieht man sich ja!

Written by medizynicus

17. Juli 2009 at 20:53

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