Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Placebos wirken!

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Schon oft habe ich mich in diesem Blog amüsiert über diverse mehr oder weniger abstruse Formen von Pseudomedizin lustig gemacht.
Aber jetzt muss ich bekennen: Das war nicht richtig. Ich habe mich geirrt. Ich lag grottenfalsch daneben. Asche auf mein Haupt!
Egal ob Globuli, Bioresonanzfeedback, Reiki, Aromatherapie, traditionelle westafrikanische oder karibische Voodoo-Therapie, Kristallaurahokuspokustherapie oder das heilende heilige Wasser aus Lourdes:
Das Zeug wirkt!
Und es wirkt verdammt gut. Millionen Patienten wissen das. Und so pilgern sie weiter in die Hydrotherapeutischen Trinkhallen der Kurorte wo sie sich von weißbekittelten Damen ein Vierelliter Heilwasser in Becher mit eingraviertem Namenszug ausschenken lassen, welches dann langsam, im Gehen im Laufe einer Viertelstunde ausgetrunken werden muss. Das Zeug schmeckt wie eine Mischung aus Furz und faulen Eiern, aber es hilft.
Es hilft wirklich.
Sogar dann, wenn ganz groß in roten Buchstaben „PLACEBO“ darauf stünde.
Genau das haben neuseeländische Forscher jetzt herausgefunden: Sie haben nämlich Placebos gegen Placebos getestet: Die eine Gruppe von Versuchsteilnehmern bekam Placebos, die – und das ist neu – tatsächlich draufstand, dass es Placebos waren und die anderen bekamen gar nichts. Man machte lediglich ein wenig Smalltalk mit ihnen und sagte ihnen, wie wichtig Kontrollgruppen in medizinischen Studien sind.
Allen Teilnehmern ging es nachher besser. Den Tablettenschluckern noch viel mehr als den Anderen.

Written by medizynicus

28. Januar 2011 at 05:00

Wie man macht, dass ein Placebo wirkt

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„Und? Hat’s was gebracht?“ fragt Kalle.
„Was?“
„Na, das mit dem Placebo für Frau Müller!“
Ich schüttele den Kopf.
„Leider nicht. Habe ich aber auch nicht anders erwartet!“
„Warum nicht?“
„Da haben sich schon viele Kollegen die Zähne ausgebissen!“
„Aber ich noch nicht.“
„Kannst es gerne versuchen!“
Kalle klopft mir auf die Schulter.
„Genau das werde ich jetzt tun!“
Er ist schon aufgesprungen und nickt mir zu.
„Komm mit!“
Eher skeptisch folge ich ihm in den hinteren Teil des Schwesternzimmers, wo die Medikamente lagern.
„Was hast Du ihr denn gegeben?“
„Ein Placebo.“
„Das weiß ich. Was für eins?“
„Na ein Placebo halt… ich habe es einfach in die Akte geschrieben und den Schwestern gesagt, sie sollen es ihr geben.“
Kalle schaut mich tadelnd an und schüttelt den Kopf.
„Jetzt zeige ich Dir mal etwas!“
Eine Weile wuselt er in verschiedenen Schränken herum, dann hat er gefunden, was er gesucht hat: Eine Fünfhunderter Ringer-Lösung und eine Ampulle mit einer dunklen Flüssigkeit.
„Was ist das?“
„Vitamin B12“
Kalle zieht das Zeug in eine Spritze auf und gibt es in die Infusionslösung, die sich daraufhin leuchtend rot verfärbt.
„Wozu soll das gut sein?“
„Für Frau Müllers Rückenschmerzen.“
„Aha?“
„Placebos wirken am besten, wenn sie eklig aussehen und bitter schmecken. Spritzen sind stärker als Tabletten. Und Infusionen wirken noch besser als Spritzen.“
Mit Flasche, Infusionsbesteck und ensprechendem Werkzeug bewaffnet machen uns auf dem Weg zu Frau Müllers Zimmer. Kalle baut sich vor ihr auf und drückt ihre Hand.
„So, jetzt kriegen Sie etwas Gescheites!“ sagt er.
„Was denn?“
„Ein Schmerzmittel, das wirkt!“
Frau Müller runzelt die Stirn.
„Es handelt sich um eine Kombination aus Vitaminen und Wirkstoffen, die in Deutschland noch gar nicht zur Schmerzbehandlung zugelassen sind!“ erklärt Kalle geheimnisvoll, „aber in Amerika wird es im Rahmen von Forschungsprojekten eingesetzt!“
Kalle legt einen venösen Zugang und hängt die Infusion an.
„In ein paar Minuten werden Sie zunächst ein leichtes Kribbeln im Arm verspüren,“ sagt er, „oder auch ein leichtes Kältegefühl, das ist normal!“
Frau Müller schaut uns andächtig an.
Kalle nickt ihr noch einmal zu, dann verlassen wir den Raum.
„Du hast ja ziemlich dick aufgetragen!“ sage ich.
Kalle grinst.
„War aber noch nichtmal gelogen!“
Da hat er streng genommen sogar Recht.

Written by medizynicus

18. Oktober 2010 at 05:41

Gib ihr doch ein Placebo!

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„Frau Müller hat wieder Schmerzen!“
Ich unterdrücke einen Fluch.
„Wo denn?“
„Am Rücken natürlich!“
Aha. Natürlich am Rücken. Frau Müller hat immer Rückenschmerzen. Seit Jahren schon, seit Jahrzehnten. Hundertschaften von Ärzten haben seit jeher versucht ihr zu helfen und wie zu erwarten ist es niemandem gelungen. Frau Müller ist mächtig stolz darauf. Sie hält sich nämlich für ein medizinisches Rätsel. Meine ganz private Meinung möchte ich lieber für mich behalten, alles andere wäre höchst unprofessionell und würde den strafrechtlichen Tatbestand der Beleidigung erfüllen.
„Was habt Ihr denn schon gegeben?“
„Alles!“
„Wirklich alles?“
„NSAR, Opiate, Antidepressiva…“
„Nur Tabletten?“
„Tabletten, Spritzen, Infusionen, Pflaster…“
„Hmmm.“
„Gebt ihr zwanzig Tropfen Haldol!“
„Hatte sie auch schon.“
„Wirklich?“
„Zuletzt vor zwei Stunden.“
Psychiatrisches Konsil vielleicht? Ist auch schon gelaufen. Mehrfach. Und wenn sie gerade nicht gerade stationär bei uns liegt oder auf Reha oder in der Psychosomatik dann besteht ihre Hauptbeschäftigung darin, sämtliche Therapeuten und Seelenklempner im Umkreis von zwanzig Kilometern zu verschleißen.
Ich kratze mich am Kopf. Bohre in der Nase. Puhle im Ohr. Tippe mit dem Finger gegen die Stirn. Nützt alles nichts. Keine bahnbrechende Idee. Oder vielleicht doch?
„Wie wäre es mit einem Placebo?“
„Wird gemacht, Doc, wenn Du unterschreibst!“
Nutzen wird’s wahrscheinlich nicht. Aber zumindest keinen Schaden anrichten, und somit ist es einen Versuch wert.

Written by medizynicus

4. Oktober 2010 at 05:02