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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Wenn ich König von Deutschland wär… dann kommt die staatliche Einheitskrankenkasse

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Vorgestern wurde bekannt, dass in Berlin ab sofort ein hoher Beamtenjob vakant ist. Das wär doch was für mich, hab ich mir gedacht, denn Beamter wollte ich immer schon mal werden. Aber dann hab ich mir gedacht, noch viel besser wäre doch, wenn man mir doch bei der Gelegenheit gleich eine Krone aufsetzen und mich zum König machen könnte. Dann hat man halt länger was davon. Irgendwo tief im Westen gibts ja bekanntlich eine Insel, da wo so eine Königin draufsitzt, die jetzt seit fast sechzig Jahren das Zepter in der Hand hält, und das muss man erstmal schaffen.
Ehrlich gesagt, hätte mir ja auch der Job des Gesundheitsministers schon gereicht, aber der ist ja derzeit leider nicht frei, aber wenn ich König bin, dann könnte man das ja rasch ändern. Natürlich würde ich auf diesen Posten einen vertrauenswürdigen Mitstreiter setzen.
Und dann?
Ja, dann geht‘s los.
Erstmal wird das gesamte Gesundheitswesen verstaatlicht.
Alles. Krankenhäuser, Krankenwagen, Krankenkassen, alles gehört dem Staat. Also mir. Oder Euch. Denn ich bin ja ein demokratischer König, aber davon später.
Die Krankenkassen werden vereinigt. Nix mehr mit AOK, DAK, BKK, TKK – nur noch die EKK bleibt übrig, die große Einheitskrankenkasse. Da ist jeder drin, der sich in unserem Lande aufhält, keiner braucht sich anzumelden oder abzumelden und man muss auch keine Beiträge mehr zahlen: Das Geld für die Einheitskrankenkasse kommt direkt vom Staat, also aus dem großen Steuertopf: die Steuern werden ein bißchen erhöht, dafür entfällt eine Menge komplizierter Abrechnerei. Und weil in der Einheitskrankenkasse jeder drin ist, kann auch keiner mehr rausfallen, selbst wenn er kein Geld hat.
Das Ganze bringt natürlich mit sich, dass ziemlich viele Bürokraten überflüssig geworden sind. Aber die werden nicht arbeitslos, die werden nämlich umgeschult, zu Pflegekräften zum Beispiel. Also Leistungserbringer statt Leistungsverwalter.
Und wir alle hätten nur noch einen einzigen Arbeitgeber. Das wäre ein ziemlich großer Arbeitgeber. Der hätte also ein Monopol. Und Monopole sind böse, sagt Ihr, ja?
Eben! Und da kommt jetzt die Sache mit dem Staat ins Spiel.
Denn weil ich ein demokratischer König bin, habt Ihr die Möglichkeit, meine Einheitskrankenkasse zu kontrollieren. Jeder von Euch kann das. Der Chef von der Einheitskrankenkasse wird vom Parlament ernannt und ist diesem rechenschaftspflichtig und wenn er Mist baut, dann fliegt er raus. Alle lokalen Unterorganisationen werden von den örtlichen Parlamenten kontrolliert, und wenn die Mist bauen… siehe oben.
Ihr seht, vor dem Staat braucht man keine Angst zu haben! Zumindest dann nicht, wenn es sich um einen demokratischen Staat handelt und man seine Rechte, und auch seine Pflichten als demokratischer Bürger ernst nimmt.
Tja, und weil ich das nun einmal tu – also das ernstnehmen meiner demokratischen Rechte – da bin ich gleich mal hin zur Regierung und habe so einen Vorschlag eingereicht.
Den kann man unterstützen, wenn man will.
Muss man natürlich nicht.
Kann man auch kommentieren.
Man kann auch einen Gegenvorschlag machen.
So ist das halt mit der Demokratie.

Written by medizynicus

19. Februar 2012 at 13:44

Jetzt mal im Ernst: ein Gesundheitssystem, wie ich es mir wünsche…

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okay, okay. Den Job des Gesundheitsministers werde ich in diesem Leben wohl nicht mehr kriegen und inzwischen bin ich mir auch gar nicht mal mehr so sicher, ob ich ihn überhaupt haben will. Wohl eher nicht, denke ich mal.
Aber wenn… wenn ich wirklich so ein Zauberstäbchen hätte… oder eine gute Fee… oder ein nettes Christkind… oder ein paar nette Revoluzzer, die wo Revolution machen… ja, was dann?
Es ist nämlich gar nicht so einfach, sich Gesundheitswesen auszudenken, welches fair und gut ist: fair gleichermaßen für all diejenigen Menschen, welche es irgendwann im Laufe ihres Lebens als Patienten in Anspruch nehmen könnten, fair für diejenigen, die es finanzieren müssen und dann auch noch fair für diejenigen, welche für dieses System arbeiten, also die entsprechenden Dienstleistungen erbringen sollen.
Ja, und gut sollte das System sein. Und dabei darf es natürlich nicht viel kosten.
Gibt’s sowas?
Vielleicht. Ich da hätte eine Idee. Eine Idee, die eigentlich gar nicht revolutionär ist. Viele andere Leute sind da schon vor mir drauf gekommen, (zum Beispiel auch einige meiner klugen Kommentatoren). Eigentlich kommt jeder, der sich ernsthaft Gedanken über die Sache macht früher oder später darauf.
Ich will ein staatliches Gesundheitssystem.
Aber warum? Ist der Staat nicht böse?
Hey, Leute! Der Staat, in dem wir leben, ist eine Demokratie. Politiker sind, was auch immer man ihnen vorwirft, durch den Willen der Wähler legitimiert, sie sind prinzipiell kontrollierbar und man kann sie auch wieder abwählen.
Das kann man mit Industriekapitänen nicht so einfach machen und mit Krankenkassenbossen auch nicht. Kurz und gut: Ich traue unserem Staat mehr zu als diesem undurchschaubaren Gewurschtel und Gewusel an Lobbykraten und Bürohengsten, welche das bundesdeutsche Gesundheitswesen heute im Griff haben.
Also: Ich will eine einzige, große staatliche Gesundheitsbehörde.
Diese Behörde ist gleichzeitig Krankenkasse und Eigentümer und Betreiber aller (oder sagen wir: fast aller) Krankenhäuser und auch die meisten Hausarztpraxen und ambulanten Versorgungseinrichtungen.
Die große staatliche „Einheitskrankenkasse“ bietet eine Grundversorgung für alle: Jeder wird behandelt, egal ob angestellt, selbständig, Rentner, arbeitslos oder sonstwas.
Finanziert wird das Ganze aus den Steuern, die vom Finanzamt eingezogen werden.
Ein demokratisch gewähltes Kontrollgremien hat die letzte Entscheidung darüber, welche Leistungen erbracht und bezahlt werden. Ein wissenschaftlicher Aussschuss – in welchem nicht nur Ärzten und Naturwissenschaftlern sondern zum Beispiel auch Ethiker und Gesundheitsökonomen sitzen berät dieses Gremium. Die entsprechenden Berichte sind übrigens öffentlich.
Was Medikamente angeht: Es gibt es eine klare und deutliche „Positivliste“ von „erlaubten“ Wirkstoffen.
Die Medikamentenhersteller geben ihre Pillen in Großpackungen an die Apotheken ab, der Apotheker gibt sie dann in neutraler Verpackung, welche mit dem Namen des Wirkstoffes bezeichnet wird, an die Verbraucher weiter, und zwar in genau der Menge, die vom Arzt rezeptiert wird (das können auch drei einzelne Tabletten sein. Manchmal braucht man nicht mehr).
Ärzte in Krankenhäusern und ambulanten Versorgungseinrichtungen arbeiten zusammen. Krankenhausambulanzen dürfen uneingeschränkt ambulante Patienten behandeln und Hausärzte können stationäre Patienten in „Belegbetten“ betreuen.
Klingt doch gut, oder?
Ein schöner Vorsatz fürs Neue Jahr…
…okay… vielleicht fürs übernächste….

Written by medizynicus

31. Dezember 2010 at 05:28

Geheimverhandlungen im Gesundheitsministerium

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Wir befinden uns wieder in dem geheimen abhörsicheren Konferenzsaal. Die Sekretärin hat noch frischen Kaffee und Kekse bringen dürfen, dann hat sie die schalldichte Tür hinter sich abgeschlossen.
„Fassen wir zusammen,“ sagt der Vorsitzende, „Wir wollen die Anzahl der Ärzte reduzieren. Was können wir tun?“
„Wir schicken sie nach Spelunkistan!“
„Hmmm. Warum nicht? Gerade habe ich eine Anfrage der Regierung von Nordspelunkistan auf dem Tisch. Und südspelunkistanische Krankenhäuser inserieren ja sowieso ständig in unseren Fachzeitschriften…“
„Wirft das nicht ein schlechtes Bild auf uns?“
„Warum?“
„Na, wenn es heißt, dass uns die Ärzte weglaufen?“
„Das kann uns doch egal sein!“
„Kommt aber bei den Wählern schlecht an.“
„Da haben Sie Recht.“
„Den Wählern, also den möglichen Patienten, müssen wir das Bild vermitteln, dass es bei uns die beste Medizin der Welt gibt und weder Kosten noch Mühen gescheut werden…“
„Auch richtig. Also sollten dafür sorgen, dass die doch Ärzte hierbleiben.“
„Sie brauchen ja nicht glücklich zu sein. Im Gegenteil. Sie dürfen jammern. Und wir rechnen der Öffentlichkeit vor, wie viel unsere Mediziner verdienen. Braucht ja nicht zu stimmen, was wir ihnen da vorrechnen. Hauptsache, es hört sich nach ganz viel Geld an. Und dann…“
„Dann gründen wir eine neue Komission. In diesem Sinne, meine Herren, darf ich Ihnen für Ihre Teilnahme meinen herzlichen Dank aussprechen. Bis zum nächsten Mal!“

Written by medizynicus

14. August 2010 at 07:10

Jetzt haben wir also einen Neuen. Minister, meine ich.

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Hmm. Ja. Also.
Okay, ich bin ein höflicher Mensch. Also strecke ich mal vorsichtig meine rechte Vorderflosse aus. Darf man Dir gratulieren, Kollege Philip?
Ja, ich hab schon gehört, Du bist einer von uns, der erste Arzt auf diesem Posten und mit 36 Jahren auch nicht älter als viele von uns, die wir von Diensten gebeutelt im schmutzigweißen Kittel nächtens über dunkle Krankenhausflure schlurfen und bitteren, kaltgewordenen Kaffee trinken anstatt im Armani-Anzug auf Pharmaindustriegesponsorten Dinner-Partys am Schampusglas zu nippen.
Jünger als unser Oberarzt bist Du allemale. Deswegen duze ich Dich auch mal einfach, ich hoffe das ist für Dich okay.
Also gut, Du bist der erste Arzt in diesem Job, das sollte für Dich sprechen. Trotzdem bin ich felsenfest überzeugt davon, dass Dir innerhalb kürzester Zeit den tiefsten Hass der Mehrheit Deiner Kollegen zuziehen wirst, das ist noch jedem Deiner Vorgänger so gegangen.
Warum sollte es Dir da besser gehen? Vorschusslorberen kriegste von mir jedenfalls nicht, aber Vorurteile habe ich auch nicht. Also, man darf gespannt sein…

Written by medizynicus

24. Oktober 2009 at 22:28