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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Qualitätsmanagement und Schweinegrippe

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In unserem Land tobt bekanntlich die Schweinegrippe.
Inzwischen hat sich die Panik ja schon etwas gelegt, aber vor ein paar Wochen war es en vogue, sich zu verhalten wie aufgescheuchte Hühner. Allen voran die Politiker und Bürokraten und an vorderster Front unsere allseits beliebte Schwester Anneliese.
Was Schweinegrippe mit Kuh-Emm zu tun hat?
Nun ja. Schweinegrippe ist ansteckend. Wusstet Ihr das noch nicht?
Ansteckung muss verhindert werden! Ach, neee!
Und wie?
„Ab sofort sind die Patientenströme vor allem in Ambulanz und Notaufnahme strikt zu trennen…“, verkündete Schwester Anneliese in schönstem Behördendeutsch, und einen Moment lang hatte ich ein Bild vor Augen, auf welchem in unserer Kleinstadt plötzlich Menschenmassen wie bei einer Fußball-WM in Richtung Krankenhaus strömten.
Tun sie aber nicht. Aber jeder, bei dem der leiseste Verdacht besteht, dass er schweinegrippekrank sein könnte, darf nicht mehr ins Wartezimmer sondern muss in ein Nebenkabuff. Da darf man als Arzt nur mit Mundschutz, Handschuhen und Einmalkittel rein. Und anschließend ist das Ding „gründlich zu desinfizieren“.
Von wem?
Tagsüber vom dem Reinigungskräften (früher, in politisch unkorrekteren Zeiten hätte man Putzfrauen gesagt). Und nachts natürlich vom Pflegepersonal. Die haben ja sonst nichts zu tun.
Wie gut, dass Schwester Anneliese uns nächtens in Ruhe lässt und nicht durch die Flure geistert, wie sie das tagsüber tut!
Gegen Handschuhe haben wir nichts einzuwenden, die Sache mit dem Mundschutz machen wir auch noch mit. Aber die umständlichen Einmalkittel… die hängen da inzwischen nur noch zur Dekoration herum.
Und das Putzen… reden wir von etwas Anderem!

Written by medizynicus

3. Dezember 2009 at 00:11

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Qualitätsmanagement in der Klinik: unsere Schwester Anneliese

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Früher einmal war Schwester Anneliese eine ganz normale Krankenschwester. Sie hat gemacht, was alle anderen Krankenschwestern auch tun: ein bisschen Leben retten, ein bisschen Hintern abwischen, ein bisschen Kaffeekochen und so weiter.
Ja, und dann bekam sie es mit dem Rücken. Sagte sie. Sie nahm sich… ähem, sie wurde krank, sammelte Fehlzeiten an, fuhr auf Kur und wenn sie zwischendurch mal auf Station aufkreuzte, setzte sie eine Leidensmine auf. Dabei war sie längst nicht so alt, wie sie aussah. Auch wenn sie Anneliese hieß (und immer noch heißt).
Kurz und gut: Sie gab sich alle Mühe, auf eine Frührente mit fünfunddreißig hin zu arbeiten, als sich ihr Leben plötzlich änderte.
Man bot ihr einen Job an.
Nicht irgendeinen. Es war der Job ihres Lebens. Der Job, welcher ihr die Chance gab, sich nie mehr in die Nähe eines Patienten begeben zu müssen und gleichzeitig eine Machtfülle zu genießen, welche kaum ihresgleichen hat.
Anneliese wurde unsere QMB.
Kuh-Emm-Beh.
Die Qualitäts-Management-Beauftragte.
Mit Feuereifer machte sie sich ans Werk – und uns allen das Leben schwer.
In der nach unten offenen Beliebtheitsskala rangiert sie irgendwo in der Nähe einer Chefpolitesse, Steuerfahnderin oder Rundfunkgebühreneintreiberin, aber das stört sie nicht.
Mit schöner Regelmäßigkeit bringt sie ihre Erlasse und Rundschreiben heraus.
Da steht zum Beispiel drin, dass man sich zu Schweinegrippezeiten regelmäßig die Hände desinfizieren muss, und wer das nicht tut, der wird geteert und gefedert.
Mag Letzteres noch irgendwo verständlich sein – Hygiene sollte schließlich in unserem Job eine Selbstverständlichkeit sein – sind manch andere Ergüsse preisverdächtig für den Kafka-Award. Mehr Bürokratie wagen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht.
Weshalb ich das jetzt hier erwähne?
Nun ja, sie war schon wieder aktiv…

Written by medizynicus

2. Dezember 2009 at 00:07

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