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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Rationierung

Rationierung? Prio… dingsda? oder: wo anfangen mit dem Sparen im Gesundheitswesen?

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„So geht das nicht mehr weiter, meine Damen und Herren!“
In einem Konferenzraum im obersten Stock des spelunkistanischen Gesundheitsministeriums hat sich die Elite der Geundheitsexperten des Landes versammelt, nur die Elite, also die besten der allerbesten. Und die starren jetzt mit dummen Gesichtern auf die Leinwand, wo nur eine einzige Zahl zu sehen ist: eine ziemlich hohe Zahl.
„Mehr Geld gibt es nicht, meine Damen und Herren. Die Versicherungsbeiträge sind so hoch wie nie zuvor. Wenn wir sie noch weiter erhöhen, dann meutern unsere Bürger. Ich darf daher um Ihre Vorschläge bitten, meine Damen und Herren!“
Eine Sekunde lang ist es totenstill im Saal.
„Wir könnten… wir könnten die Ärzten die Honorare kürzen…“ sagt schließlich ein Beamter aus dem Publikum.
Leichtes Raunen, Kopfschütteln hier, Zustimmung dort. Der Minister nickt.
„Weitere Vorschläge, bitte!“
„Wie wäre es, wenn wir den ganzen Sch… also Kristallaurahokuspokustherapie, Wellness-Kuren und so, also wenn wir das alles einfach nicht mehr bezahlen würden?“
„Und auch die ganze Luxusmedizin! Schönheitschirurgie und so…“
„Zahlen wir doch schon längst nicht mehr!“ kommt es aus der hintersten Reihe.
„Wir sollten uns auf die Grundsicherung konzentrieren… und nur die Leistungen finfanzieren, die wirklich etwas bringen…“
„Genau, und teure Therapien, die nachweislich keinen signifikanten Nutzen haben, die werden gnadenlos abgelehnt!“
Der Minister schüttelt den Kopf.
„Das wissen wir doch schon alles, meine Damen und Herren. Die Frage ist: wo sollen wir anfangen mit dem Sparen?“

Written by medizynicus

21. Juni 2011 at 18:06

Rationierung in der Medizin: Das böse R-Wort – oder: was bringt was?

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Jetzt also auch die Krebs-Ärzte!
Wer in den letzten Monaten die Nachrichten aus dem Gesundheitswesen in der Presselandschaft verfolgt, dem fällt auf, dass dort vermehrt ein böses Wort sein Unwesen treibt: Das unaussprechliche R-Wort. R wie Rationalisierung. Darf man sich bei der Behandlung eines Menschen von Gedanken an den schöden Mammon beeinflussen lassen?
Eine Online-Umfrage unter den Mitgliedern der deutschen Gesellschaft für Onkolologie zeigte: Viele von ihnen verzichten ab und zu auf eine Behandlung, wenn es zu teuer ist. Ein Skandal also?

19 Prozent (der Befragten) unterließen nach eigener Einschätzung aber sogar dann aus Kostengründen eine Maßnahme, wenn sie nach Studienlage einen erheblichen Zusatznutzen gehabt hätte und zugelassen ist.

Und flugs äußert man Sorge und Betroffenheit.
Warum?
Überall in der Wirtschaft gilt der Grundsatz: vor jeder Investition werden Kosten und Nutzen gegeneinander abgewogen.
Nur in der Medizin ist das anders. Hier geht es schließlich um Menschenleben und der Wert eines jeden Menschenlebens ist unbezahlbar, also muss man alles tun, was man kann.
Alles. Ohne Rücksicht auf Verluste. Das war jahrelang das ungeschriebene Dogma der deutschen Medizinökonomie.
Therapien für Patienten mit fortgeschrittenen Tumorleiden sind oft sehr teuer. Der Nutzen ist begrenzt. Knallhart formuliert: Ein Patient wird sterben. Früher oder später. Mit der Behandlung läßt sich der Krankheitsverlauf höchstens für eine begrenzte Zeit aufschieben, wobei die begrenzte Zeit ein paar Jahre, aber auch nur Monate, Wochen oder Tage sein kann. Im besten Fall gewinnt der Patient noch ein paar schöne Jahre, im schlimmsten Fall zögert man das Leiden nur noch ein paar sinnlose Wochen lang hinaus. Was davon eintreffen wird, das können selbst erfahrene Ärzte vorher nur sehr grob einschätzen.
Andererseits sind zum Beispiel Chemotherapien nicht nur teuer, sondern sie haben auch erhebliche Nebenwirkungen und sind für den Patienten mehr als unangenehm.
Selbst wenn der Nutzen – gemessen in gewonnen potentiellen Monaten Lebenszeit bei akzeptabler Lebensqalität – eindeutig in Studien nachgewiesen ist muss man jedem Patienten auch das Recht zugestehen, sich dagegen zu entscheiden.
Selbst wenn er dabei Geld spart und sozialverträglich früher ablebt.

Written by medizynicus

16. Juni 2011 at 07:37

Rationierung im Gesundheitswesen: Wie hättet Ihr es denn gerne?

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Nur mal so gefragt für den Fall, dass ich vielleicht doch einmal Gesundheitsminister werden sollte. Monsterdoc hatte mir diesen Job ja mal angeboten im Rahmen seines Europa-Wahlkampfes für die Gesundheits-Partei.
Und der wusste auch genau, warum er den Job nicht selber machen wollte, der Schlawiner! Als Gesundheitsminister ist man nämlich immer der Arsch vom Dienst, auf gut Deutsch gesagt.
Woran das liegt?
Ganz einfach:
1.) Je besser die Medizin wird, desto teurer wird sie. Je länger wir leben, und je länger wir gesund leben, desto mehr Gesundheits-Dienstleistungen verbrauchen wir im Laufe dieses Lebens.
2.) Gesundheitsdienstleistungen kosten Geld. Ärzte, Pflegepersonal, der Krankenhauspförtner und die Putzfrau im Pharma-Labor, sie alle wollen am Ende des Monats ihr Gehalt. Gut, Gehälter und Löhne kann man drücken – so lange, bis sie unattraktiv werden und sich die Leute was anderes überlegen. Und wer liefert dann die Gesundheitsdienstleistungen?
3.) Die Gesundheitsdienstleistungen müssen bezahlt werden, von irgendwem, in der Regel von denen, die sie in Anspruch nehmen. Dabei müssen die Belastungen für den Einzelnen „irgendwie“ sozial abgefedert werden, man kann sagen die Reichen sollen mehr zahlen, aber auch das geht nur bis zu einem gewissen Limit.

Es geht kein Weg daran vorbei:

Im Gesundheitswesen ist eine bestimmte Menge Geld drinnen und mehr wirds nicht.
Und dieses Geld soll irgendwie gerecht verteilt werden.
Wir sind uns einig, dass jemand, der mit einem Herzinfarkt in der Notaufnahme eingeliefert wird, bestmöglich behandelt werden soll.

Aber wo können wir dann Geld einsparen?
Bei der Kristallaurahokuspokustherapie vielleicht?
Aber wenn der Bruder vom Schwager vom Nachbarn vom Willi, dem sein Onkel dadurch von seinem langjährigen Tinnitus geheilt worden ist?

Written by medizynicus

24. Juli 2009 at 17:12