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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Blut im Schmodder

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Ich stehe mit meinem Visitenwagen auf dem Flur und blättere in der Krankenakte von Herrn Chromsky. So richtig schlau werde ich da nicht draus. Was sicherlich damit zu tun hat, dass die Kommunikation mit ihm nicht immer ganz einfach ist. Herr Chromsky spricht zwar fließend russisch, aber was seine Deutschkenntnisse betrifft… da versteht er grundsätzlich nur das, was er verstehen will.
So haben die Pflegekräfte ihn nur unter größter Mühe von den Vorzügen einer Ganzkörperwaschung in Form einer Dusche überzeugen können. Den Speiseplan hingegen hat er problemlos entziffern können und als er einmal morgens weniger als vier Scheiben Wurst zum Frühstück bekommen hat, da hat er sein Anliegen klar und mehr als deutlich artikulieren können.
Jetzt versuche ich, den Anamnesebogen zu entziffern.
Schaun wir mal, was er für Diagnosen mit sich herumschleppt: Schwerste COPD und Bronchiektasen. Okay, das erklärt sein Herumgerotze. Und dann steht da noch etwas von respiratorischer Globalinsuffizienz. Deshalb das Schnaufen und Keuchen. Und war er nicht blitzeblau im Gesicht?
Aber halt, was ist das?
Hämoptysen? Da könnte auch etwas Bösartiges dahinterstecken. Sollte man jedenfalls mal nachhaken.
Ich klopfe an und betrete das Zimmer. Der Patient sitzt im Bett, das Kopfende hochgestellt, fast senkrecht und telefoniert. Ich achte darauf, ihm diesmal nicht die Hand zu schütteln.
„Guten Tag, Herr Chromsky, haben Sie in der letzten Zeit mal Blut gespuckt?“
„Blut? Gespuckt? Nein, nicht gespuckt… nur Husten… im Schleim…“
Er holt tief Luft und macht eine verdächtige Handbewegung.
Ich mache unwillkürlich einen Schritt zurück.
Nein, geht schon, die blutigen Beimengungen im Schmodder, die glaube ich ihm gerne, das braucht er mir jetzt gar nicht zu demonstrieren.
„Herr Chromsky, ich glaube, wir müssen uns Ihre Lunge einmal genauer ansehen. Wir müssen ein CT machen. Sie wissen schon, einmal durch die Röhre schieben!“
„Röhre?“ Er runzelt die Stirn.
„Röhre? War ich schon letztes Jahr!“
Aha? Ich werde hellhörig.
„Wo war das denn?“
„Damals… in St. Anderswo… wegen die Knolle!“
Knolle? Was für eine Knolle? Viel genauer kriege ich das auch bei weiterem Nachfragen nicht raus, aber ich ahne Schlimmes….

Written by medizynicus

9. Februar 2011 at 05:23

Schlechte Nachrichten für rauchende Eltern

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Frage an den Papa von Kevin und Schantall:
„Rauchen Sie?“
„Nee…“
„Wirklich nicht?“
„Also… nicht vor den Kindern….“
„Aha?“
„…höchstens aufm Balkon…“
„Ja?“
„…und manchmal in der Küche! Aber nur, wenn die Kinder draußen sind…“
Okeh… und warum haben Kevin und Schantall dann ständig chronischen Husten, der wo nicht weggeht?
Selbst wenn Papas Aussagen stimmen würden (ob sie das tun, ist ein anderes Thema): Auch die Nikotinreste in der Kleidung sind schädlich, hat die Wissenschaft letztens festgestellt. Interessant. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir in Zukunft noch von zahlreichen weiteren Forschungsergebnissen hören werden, welche die Gefahren des „Rauches aus Dritter Hand“ bestätigen. Schließlich hat es noch vor zwanzig Jahren geheißen, dass auch das Passivrauchen völlig ungefährlich sei. Was bekanntlich gründlich widerlegt ist!
Und wo wir gerade beim Thema sind: Tabakprodukte sollen wieder mal teurer werden.. Die Regierung erwägt, die Steuern zu erhöhen. Aber mit Steuererklärungen ist das ja immer so eine Sache. So richtig freuen kann man sich darüber nicht. Denn wahrscheinlich kriegen Kevin und Schantall dann einfach keinen neuen Wintermantel mehr und der Zoobesuch wird auch gestrichen, damit sich Papa weiterhin seine Fluppen leisten kann…

Written by medizynicus

2. Oktober 2010 at 06:14

Auf dem Raucherbalkon nachts um halb zwei…

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Eine Kleinigkeit unten in der Ambulanz, eine Bluttransfusion anhängen oben auf Station und aus einem unbestimmten Gefühl heraus mache ich nochmal einen Abstecher am Balkon vorbei.
Die Tür steht immer noch offen.
Einen Moment lang gefriert mir das Blut in den Adern.
Ist er etwa doch…?
Aber dann höre ich draußen schlurfende Schritte und sehe das Lichtpünktchen eines Glimmstängels.
Ich bin beruhigt.
Der Glimmstängel ist eine Zigarre und die gehört nicht Herrn Schröder sondern Herrn Waldmüller.
Herr Waldmüller ist so etwas wie ein Stammgast. Eher von der angenehmen oder sagen wir besser harmlosen Sorte. Ungefähr fünfundachtzig Jahre, aber geistig fit. Zwar hat er auch seine Macken, aber das liegt daran dass er als Stammgast glaubt, sich das eine oder Andere herausnehmen zu dürfen. Zum Beispiel nachts um halb zwei auf dem Balkon eine Zigarre zu rauchen.
„Nabend, Herr Doktor!“ sagt er und winkt mit dem Qualmbolzen in meine Richtung, „So spät noch unterwegs?“
Das soll ein Witz sein. Herr Waldmüller weiss natürlich genau, dass ich nicht zum Spaß über die nächtlichen Klinikflure schlurfe. Aber ich tu ihm den Gefallen und gehe drauf ein.
„Unser Lokal ist vierundzwanzig Stunden lang geöffnet, sieben Tage die Woche!“ sage ich.
„Aber das Getränkeangebot ist ziemlich bescheiden, wenn ich das mal so sagen darf. Ich hätte nichts gegen einen Schnaps einzuwenden. Oder einen süffigen Rotwein…“
„Tja, Herr Waldmüller, da kann ich Ihnen leider nicht helfen!“
„Und wissen Sie, was mir wirklich fehlt?“
Er fixiert mich mit seinem Blick. Ich schüttele den Kopf.
Herr Waldmüller schaut sich sorfältig um und senkt dann die Stimme.
„Dass es hier keine Frauen gibt!“ sagt er flüsternd.
„Aber Herr Waldmüller, wir haben so viele hübsche junge Krankenschwestern…“
„Natürlich! Und die sind alle jung und hübsch. Schön fürs Auge. Aber nichts zum Anfassen. Wissen Sie, ich würde gerne mal wieder so richtig…“
Er ballt die linke Hand zur Faust und macht eine obszöne Geste.
„Aber Herr Waldmüller! In Ihrem Alter…“
„Was heißt hier ‚in meinem Alter‘? Glauben Sie, ich kriege keinen mehr hoch? Glauben Sie, ich hätte noch nie etwas von den blauen Pillen gehört?“
Zum Glück ist es dunkel so dass niemand sieht, wie ich rot werde. Und dazu hat es mir völlig die Sprache verschlagen.
Aber Herr Waldmüller scheint gar keine Antwort zu erwarten. Er drückt seinen Zigarrenstummel sorgfältig im Blumentopf aus, wirft ihn in den Mülleimer, grinst kurz in meine Richtung und schlurft dann mit einem „schönen Abend noch!“ auf sein Zimmer.

Written by medizynicus

23. März 2010 at 01:30

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Zigarettendetektive

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„Na, wie viel rauchen Sie denn?“
Herr Schmökiweg liegt hustend auf der Untersuchungsliege und starrt mich mit großen Augen an.
„Sie haben mich doch noch gar nicht gefragt, ob ich überhaupt rauche!“
„Nein, habe ich nicht!“
„Und woher wollen Sie dann wissen…?“
Woher ich das weiß? Weil ich Hellseher bin und eine Kristallkugel besitze.
Nee, mal im Ernst: Ich bin Arzt. Mein Job ist es, Diagnosen zu stellen.
Und weil Herr Schmökiweg drei Meter gegen den Wind nach kaltem, abgestandenem Zigarettenqualm stinkt, dann reicht das für die Diagnose. Abgesehen davon, dass 95 Prozent aller Patienten, welche, wie Herr Schmökiweg an Chronisch Obstruktiver Lungenerkrankung leiden, Raucher sind. Zumindest dann, wenn sie in Bad Dingenskirchen leben und nicht in Kabul oder einer chinesischen Industriestadt, deren Himmel stets vom Dauer-Smog verdüstert wird.
Und abgesehen davon – habe ich in Herrn Schmökiweg’s Jackentasche eine ein Päckchen Zigaretten gesehen. Die ohne Filter von der Marke, welche große Freiheit verspricht.

Written by medizynicus

18. Dezember 2009 at 10:49