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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Schlagmichtot Senior (Teil 2)

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Ich ziehe meinen Finger aus seinem Arschloch.
Ist ziemlich viel Scheiße dran. Scheiße und ein wenig Blut. Blut in der Scheiße ist nicht gut.
„Und?“ fragt der Patient. Er hat Ringe unter den Augen, das Gesicht wirkt grau und eingefallen.
„Hmmm.“ sage ich, ziehe meine Gummihandschuhe aus und werfe sie in den Müll.
Gelbe Tonne für infektiöse Abfälle. Aus dem Seifenspender drücke ich eine doppeltgroße Extraportion bläulichen Glibber auf meine linke Handfläche, verreibe das Zeug sorgfältig und lasse den Wasserhahn rinnen.
„Alles in Ordnung?“
Nicht so richtig.
Nee. Eigentlich gar nicht.
Der Knubbel da hinten im Arschloch, der gehört da nämlich normalerweise nicht hin. Oder drücken wir uns vielleicht doch mal lieber etwas gewählter aus: Wenige Zentimeter hinter dem Darmausgang eine derbe, knotige Veränderung, die bei Berührung blutet.
„Ist bei Ihnen mal eine Darmspiegelung gemacht worden?“ frage ich.
Er schüttelt den Kopf.
„Und die allgemeine Krebsvorsorge?“
„Schon lange her… Bestimmt mindestens zehn Jahre.“
„Hmmm.“
„Ist es schlimm?“
Statt einer Antwort stelle ich eine Gegenfrage.
„Seit wie lange geht das denn jetzt schon?“
„Was meinen Sie?“
„Jetzt erzählen Sie doch bitte alles noch einmal von vorn. Wann und wie hat das angefangen?“
„Das mit dem Durchfall, meinen Sie? Seit vier Wochen…“
„Und vorher?“
„Ich hatte immer schon Probleme mit dem Stuhlgang, Verstopfung, wissen Sie. Seit Jahren. Darum habe ich mir nichts dabei gedacht…“
„Und dann?“
„Dann habe ich mich immer so schlapp gefühlt… und abgenommen habe ich auch…“
„Wann sind Sie zum Arzt gegangen?“
„Erst gestern Nachmittag. Weil das mit dem Blut nicht aufgehört hat…“
„Was hat Ihr Hausarzt gesagt?“
„Der wollte mich gleich ins Krankenhaus schicken…“
„Aber?“
„Ich hatte noch etwas zu erledigen. Ging gestern nicht. Aber jetzt sagen sie mir doch endlich, was mit mir los ist!“
Ich räuspere mich.
„Wir müssen eine Darmspiegelung machen.“
„Wann?“
„So schnell wie möglich.“
„Oh…“
„Die Untersuchung ist zwar etwas unangenehm, aber normalerweise…“
„Ist es schlimm?“
„Was?“
Der Patient wird noch bleicher als er sowieso schon ist.
„Habe ich etwa…. Krebs?“
Ich will einen Besen fressen, wenn das nicht der Fall sein sollte. Es gibt Menschen, denen sieht man die Malignom-Diagnose an der Nasenspitze an. Und dieser gute Mann gehört dazu. Aber sagen werde ich es ihm erst dann, wenn die Diagnose gesichert ist.
Und jetzt werde ich erstmal den Oberarzt informieren.

Written by medizynicus

24. September 2010 at 05:14

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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