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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Schlagmichtot Senior (Teil 1)

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Es ist elf Uhr Vormittags, ich habe einen Dienst hinter mir und eigentlich seit mindestens zwei Stunden Feierabend, als mich die Notaufnahme anpiepst.
„Zugang!“
„Kann das nicht der Martin machen?“
„Der hat keine Zeit.“
Ich auch nicht. Außerdem will ich nach Hause.
„Worum geht’s denn?“
„Ein V.I.P“
„Wie bitte?“
„Herr Schlagmichtot Senior.“
„Wer soll das sein?“
„Kennst Du Herrn Schlagmichtot nicht? Den von der Unternehmensberatung! Das ist die Truppe, die uns privatisieren will!“
Ist okay, ich komme ja schon.
Unten treffe ich einen distinguierten Herrn in den frühen Siebzigern. Er trägt einen grauen Anzug mit Krawatte und wirkt sehr, sehr blass.
Ich begrüße ihn mit pflichtschuldiger Höflichkeit und begebe mich dann ins Hinterzimmer, wo Marvin im Fenster steht und raucht.
„Was hat der denn?“ frage ich.
„Verdacht auf Darm….“ zischt Marvin mir zu.
Die zweite Hälfte des Wortes spricht er nicht aus, aber das ist auch gar nicht nötig.
„V.a. Tumuröses Geschehen“ steht auf dem rosa Zettel vom Hausarzt.
Spätestens beim zweiten Blick auf die arme Gestalt da drüben ist mir klar, dass der Hausarzt Recht haben könnte. Ich gehe wieder nach vorn. Der Patient runzelt die Stirn und schaut zu mir hinüber. Ich bemühe mich um einen betont fröhlichen Gesichtsausdruck.
„So, dann schauen wir mal!“ sage ich und schiebe ihn in die Untersuchungskabine.

Written by medizynicus

22. September 2010 at 05:45

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auf dem Raucherbalkon nachts um halb eins…

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Es ist still.
Alles ruhig soweit.
Ich schleiche über die nächtlichen Flure, schaue hier noch einmal vorbei und dort, kurzer Smalltalk mit den Nachtdienst-Schwestern, bevor ich mich hoffentlich für ein paar Stündchen zurückziehen kann.
Im zweiten Stock steht die Tür zum Balkon offen.
Auf dem Balkon steht Herr Schröder und raucht.
Als er mich sieht, versucht er schnell, seine Zigarette hinter dem Rücken zu verstecken.
„Ich weiß, was Sie jetzt sagen, Herr Doktor!“
Ich sage erstmal gar nichts.
Herr Schröder auch nicht.
Dann holt er die Zigarettenhand wieder hervor, nimmt einen Zug, inhaliert, und bläst den Rauch in die feuchtkühle aber nicht mehr frostige Nachtluft.
„Was kann mir denn noch passieren, Herr Doktor?“ fragt er.
Ich sage immer noch nichts.
Herr Schröder lacht, oder versucht zu lagen aber es wird nur ein ziemlich schiefes Grinsen draus.
„Nee, Sie brauchen keine Angst zu haben. Ich springe nicht runter!“
Dazu hätte er allerdings Grund. Denn etwa zwölf Stunden zuvor habe ich ihm mitteilen müssen, dass er ein Bronchialkarzinom hat, und zwar ziemlich fortgeschritten, Operation wahrscheinlich nicht mehr möglich und Metastasen gibt es auch schon. In den nächsten Tagen werden wir ihn durch die Mangel drehen, Blut abzapfen, röntgen, sonografieren, endoskopieren, einmal- zweimal und dreimal durch verschiedene Röhren schieben und ihn bei allen möglichen Experten vorstellen um herauszufinden, was man noch machen kann. Trotzdem ist das Ergebnis vorhersehbar.
„Denken Sie daran, die Tür wieder zuzumachen, wenn Sie zurück aufs Zimmer gehen!“ sage ich.
Er nickt.
Ich gehe weiter und hoffe, dass er wirklich nicht springt. Aber er hat mir ja sein Wort gegeben.

Written by medizynicus

22. März 2010 at 07:27

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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