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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Selbstbehandlung für Jedermann

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Manchmal ist es wunderbar, wenn gar nichts passiert. Also passieren tut schon was, die Obstbäume blühen nämlich und die Kastanien auch und die Vögel zwitschern und Kalle und ich, wir sitzen gerade auf der Terrasse unserer Lieblingskneipe und tun… gar nichts.
Wir sitzen einfach da, nuckeln ab und zu an unseren Drinks und Kalle blättert im Programm der örtlichen Volkshochschule.
„Na, das wäre doch mal was!“ sagt er plötzlich.
„Was?“
Kalle hält mir das aufgeschlagene Volkshochschulprogramm unter die Nase.
„Was soll das?“
Kalle lehnt sich zurück und beginnt, mit theatralischer Stimme vorzulesen:
„Anfängerkurs Gesundheit für Jedermann,“ beginnt er und räuspert sich.
„Vermeiden Sie unnötige Arztbesuche! Lernen Sie die Kunst der Selbstbehandlung bei Kopf- und Rückenschmerzen, Verpannungen, Magenverstimmung, Durchfall, Verstopfung und anderen Leiden…“
Er hält inne und grinst.
„Na?“
„Unnötige Arztbesuche vermeiden? Das klingt gut. Vor allem, wenn es sich auf unnötige nächtliche Besuche in der Ambulanz und Notaufnahme eines gewissen Kreiskrankenhauses bezieht…“
Kalle klappt das Programm zusammen und seufzt.
„Vergiss es!“ sagt er, „Es geht leider nur um Energie- und Lichtheilung nach der Methode von irgendeinem Yogi Vishi-Vashi Sowienoch…“
Ich nippe nachdenklich an meinem Glas.
„Aber die Idee doch nicht schlecht… so ein Selbstbehandlungs- und Arztvermeidungskurs… vielleicht sollten wir das anbieten… im nächsten Semester…“

Written by medizynicus

26. April 2011 at 07:31

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Selbst ist die Frau

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Wie ich schon sagte: Sarah ist seit heute endlich wieder da.
„Schön, Dich wieder zu sehen!“ sage ich, als sie mir in der Frühbesprechung über den Weg läuft.
Es ist ernst gemeint, aber sie grinst und streckt mir die Zunge raus.
„Geht’s Dir wieder gut?“
Sie nickt.
„Erzähl, was war denn los?“
Ich weiß, das ist indiskret, aber ich bemühe mich, so zu klingen als sei es nicht Neugier sondern Mitgefühl.
„Später!“ sagt sie und verschwindet auf Station.
Am Nachmittag kam ich dann – so ganz zufällig – mal bei ihr vorbei um Hallo zu sagen. Ich finde sie in der Stationsküche. Also greife ich mir einen Kaffee und setze mich mit breitem Grinsen ihr gegenüber.
„Also, erzähl! Was war los?“
„Akute Gastroenteritis.“
„Hat das Noro-Virus zugeschlagen?“
„Nee, ich würde mal sagen, die Meeresfrüchte-Pizza von Sonntag Abend war’s!“
Richtig, wir waren nach der Rückkehr vom Skiurlaub Montag Abend noch Pizza essen weil keiner Lust hatte zu kochen.
Und anschließend hatte Sarah gesagt, dass sie sich nicht so ganz wohlfühlte, aber wir alle hatten darüber gewitzelt und letztendlich war auch sie selbst fest davon überzeugt, dass ihre Übelkeit eher etwas mit Andreas’s rasantem Fahrstil zu tun gehabt hatte.
„Kaum war ich zu Hause angekommen, da ging’s los!“ berichtet sie, „Ich denke mal, Du legst keinen Wert auf die Einzelheiten…“
Muss nicht sein.
„Kannst Du Dir jedenfalls denken. Ich habe den überwiegenden Teil der Nacht auf dem Klo verbracht. Ich hatte trotzdem den Wecker gestellt, bin aufgestanden, und wollte zum Dienst kommen, aber Andreas hat mich überredet, daheim zu bleiben!“
Ich gefriere zur Eissäule. Was hat der Kerl in ihrer Wohnung zu suchen?
Sarah bemerkt das zum Glück nicht.
„…also habe ich meinen Hausarzt angerufen: Hey, ich brauche Infusionen. Er ist auch wirklich prompt gekommen und hat mir eine Infusion gelegt!“
„Echt? Zu Hause in Deiner Wohnung? Wie hast Du das denn hingekriegt?“
„Na, ich habe die Flasche an der Deckenlampe aufgehängt. Er hat mir auch noch ein zweites Infusionsbesteck und eine zweite Flasche Ringer-Lösung für den nächsten Tag dagelassen. Da war aber leider die Braunüle schon zu. Also habe ich mir selbst eine Nadel gelegt….“
„Sowas geht?“
Ich bin ja kein Weichei. Aber mir selbst…? Nee, das könnte ich nicht! Sarah hingegen ist völlig unbeeindruckt und schaut mich an, als sei dies die normalste Sache der Welt.
„Wieso nicht? Andere Leute operieren sich selbst den Blinddarm heraus!“

Written by medizynicus

19. Februar 2010 at 20:48