Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Medizynische Fortbildungen

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„Äh, also, meine Damen und Herren, dann fangen wir mal an…“
Der Dozent hat seinen Kaffee ausgetrunken und wischt sich die letzten Brötchenkrümel vom Jackett.
Er stellt sich hinters Rednerpult und starrt auf sein Laptop. Tippt darauf herum, blickt schweigend erst ins Publikum und dann auf die Leinwand, wo rein gar nichts geschieht.
„Sehen Sie etwas?“
Kopschütteln im Publikum.
„Äh, eigentlich sollten Sie jetzt die erste Folie sehen…“
Ein leises Raunen geht durch das Publikum.
„Ähem… könnten wir vielleicht…“ hilfloser Blick zur Anmeldedame, „könnten Sie vielleicht bitte den Ei-Tieh-ler holen, wenn es Ihnen nichts ausmachen würde?“
Eine Minute später stürzt ein weißhaariger Mann im Hausmeisterkittel herein. Der fummelt an einem Schalter herum, worauf sich die Rollos über das Fenster senken, aber an der Leinwand tut sich nichts. Der Hausmeisterkittelmann greift zum Handy und eine Minute später kommt eine zweite Gestalt in den Saal geschluft, ein Jüngling mit Baseballkappe. Der fummelt auch irgendwas, worauf nun auf zwei nebeneinanderliegende Leinwänden zwei identische Powerpointslides projiziert werden.
„Äh… welches Bild hätten Sie denn gerne, das rechte oder das Linke?“
Müssen wir jetzt darüber abstimmen. Der Ei-Tieh-ler entscheidet sich für das linke Bild, dann überläßt er dem Dozenten die Show. Der läßt einen einen aufmunternden Blick in die Runde schweifen.
„Also, meine Damen und Herren, was erwarten Sie sich von diesem Seminar?“
„Eine Teilnahmebescheinigung mit Stempel und Unterschrift!“ tönt es aus der letzten Reihe.
Der Dozent überhört die Bemerkung. Und während dann dröge Tabellen und Säulendiagramme über die Leinwand flimmern, blättert der Kollege aus der letzten Reihe ungestört in seiner Zeitung.
Und Medizynicus ärgert sich, dass er seinen Ei-Pott zu Hause vergessen hat.

Written by medizynicus

3. November 2009 at 06:52

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Medizynische… äh… medizinische Fortbildungen (Teil2)

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Ja, wie ging’s weiter?
Ich stehe also an einem winzigen Bistrotisch im fünften Stock des Ärztepalastes, schlabbere lauwarmen ungenießbaren Kaffee, kaue auf einem Wurstbrötchen herum und genieße den Blick auf die Stadt. Ich bin früh dran, noch ist kaum wer da. Nachdem ich mit dem Stadt-Blick-Genießen also fertig bin, nehme ich mir eine zweite Stulle und dazu ein Fläschchen O-Saft und schaue in meine Kongressmappe. Die ist voll von dicken Hochglanzpappen auf denen vorne irgendwelche Pharma-Slogans stehen, in der Mitte dann Tabellen und Säulendiagramme und hinten dann ganz kleingedruckt die Nebenwirkungen der betreffenden Pillen. Ich lasse die Dinger diskret in den nächstgelegenen Papierkorb gleiten.
Nur das Seminarprogramm behalte ich.
Da habe ich doch gleich eine Frage! Vertrauensvoll wende ich mich an die Anmeldedame.
„Entschuldigung…“
„Ja?“
„Ähem… die Tagung fängt um zehn Uhr an?“
„Richtig!“
„Und hört um siebzehn Uhr auf?“
„Genau!“
„Und zwischendurch gibts eine Stunde Mittagspause und zweimal eine Viertelstunde Kaffepause?“
„Das steht doch alles im Programm.“
„Eben. Und da steht auch, dass die Tagung acht Stunden dauern soll… also, acht Stunden plus Pausen macht nach Adam Riese…“
Immerhin muss ich ja heute noch den letzten Zug zurück nach Bad Dingenskirchen erwischen.
Die Dame lächelt geheimnisvoll.
„Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Trinken Sie lieber noch in Ruhe einen Kaffee. Wir fangen nämlich etwas später an…“
Inzwischen ist es längst zehn Uhr dreißig geworden. Und die anderen Kollegen sind auch aufgetaucht, stehen an den Bistrotischen, tun so als ob sie in den Seminarunterlagen blättern oder den Blick genießen würden oder starren einfach nur Löcher in die Luft.
Um zehn Uhr fünfunddreißig werden wir gebeten, im Seminarraum Platz zu nehmen und fünf Minuten später kommt der Dozent, ein wenig Atemlos. Die Anmeldedame folgt ihm auf dem Fuß und trägt ihm ein kleines Tablett mit zwei Brötchenhälften, einer Tasse Kaffee und einem Glas Wasser hinterher.
Tipp, Tipp, ans Mikrofon.
„Guten Tag, können Sie mich hören?“
Mikro geht natürlich nicht, aber hören können wir ihn trotzdem.
Er entschuldigt sich, hat im Stau gestanden oder was weiß ich, jedenfalls können wir gleich loslegen, und zwar mit einem dreiseitigen Multiple-Choice-Quiz. Während wir fleißig Kreuzchen machen, mampft der Dozent seine Brötchen. Gut gelaunt sammelt er dann die Zettel ein.
„So, und jetzt mache ich Ihnen einen Vorschlag!“ beginnt er dann, „Wie Sie wissen, werden Ihnen heute Fortbildungspunkte für eine achtstündige Veranstaltung bescheinigt. Aber natürlich weiß ich, dass Sie und ich gerne pünktlich nach Hause möchten. Also, das einstündige Rollenspiel am Nachmittag, das schenken wir uns. Und den Statistik-Kram am Vormittag auch. Ja, und dann schlage ich vor, dass ich Ihnen von den restlichen dreihundert Power-Point Folien nur die Hälfte zeige, dann brauchen wir die Pausen nicht zu sehr zu kürzen. Sind Sie einverstanden?“
Keiner wagt zu widersprechen. An die zweihundert Euro Seminargebühren denke ich jetzt lieber nicht.

Written by medizynicus

2. November 2009 at 07:04

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