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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Hätte Oma Schneider nicht zu sterben brauchen? (Palliativ-Kasuistik Nr. 2)

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Heute ist Oma Schneider gestorben.
Und zwar nur allein deshalb, weil ich zu blöd war, rechtzeitig das Richtige zu tun.
Hätte ich mich besser angestellt, dann könnte sie mir jetzt von ihren Enkeln erzählen und davon, wie sie damals anno zwoundfünfzig…
Stattdessen liegt sie jetzt in einem Kühlfach im Keller und ist einfach nur tot.
Bis vor zwei Wochen war Omma Schneider noch eine rüstige Dame von Anfang Neunzig, die mit etwas Unterstützung durch Sozialstation und ihre große Familie zu Hause irgendwie zurechtgekommen ist.
Dann ist sie über die Teppichkante gestolpert.
Glück gehabt, keine Schenkelhalsfraktur, nur ein paar Prellungen. Aber im Krankenhaus hat man dann Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern) festgestellt, was eine hinreichende Erklärung für ihre in der letzten Zeit doch recht häufigen Schwindelatacken liefert.
Wir behalten sie also noch ein wenig hier im Krankenhaus, geben ihr Schmerzmittel und diagnostizieren ein wenig herum.
Dann klopft Schwester Paula an die Tür meines Arztzimmers.
Frau Schneider geht es nicht so gut, ob ich nicht mal…
Nee, kann ich nicht. Es ist zwei Stunden nach Feierabend, ich wil nach Hause, habe noch Berge von Papierkram zu erledigen und außerdem keinen Dienst.
Am nächsten Morgen geht es Frau Schneider… nee, noch immer nicht berauschend. Was ist los? Kein Appetit, Schwindel, ein bißchen Übelkeit und vor allem ständig müde… Blutdruck im Keller… naja, wird wohl das Wetter sein, oder was weiß ich, mit zweiundneunzig braucht man nicht mehr viel Appetit!
Schreiben wir mal ein EKG, nehmen wir Blut ab, hängen eine Infusion an… das Übliche halt.
Dann ist Wochenende, auf das Wochenende folgt ein Montagmorgen und um sieben Uhr dreißig ein bitterbös-strafender Blick von Kollege Martin Bückling, der hatte nämlich Dienst:
„Deine Frau Schneider, die habe ich vor einer Stunde auf die Intensivstation verlegt!“
„Was ist los?“
„Die ist im septischen Schock… schlechte Karten, sag ich mal!“
Wie bitte? Eine Blutvergiftung! Möglicherweise hervorgerufen durch einen eigentlich ganz harmlosen Harnwegsinfekt…
„Hast Du die Laborergebnisse nicht gesehen?“
Die lagen seit Freitag Abend in meinem Postfach. Ich habe zwar noch das Blut abgenommen, aber dummerweise nicht mehr das Ergebnis abgewartet, weil… irgendwann will man schließlich Feierabend machen. Nee, hilft nix, hätte man dran denken müssen, oder zumindest dem Dienst habenden Bescheid sagen!
„Die Angehörigen habe ich noch nicht angerufen!“ sagt Martin, mit mehr als vorwurfsvollem Ton „Das kannste selbst machen!“
Mehr als schuldbewusst hänge ich mich ans Telefon.
Eine Stunde später sitze ich der versammelten Familie gegenüber: Zwei Söhne samt zugehöriger Schwiegertöchter, und dann gibt es noch eine achtzigjährige Schwester. In meinem Arztzimmer wird es eng. Geduldig erkläre ich, was los ist. Die Angehörigen stellen viele Fragen. Und schließlich räuspert sich der älteste Sohn, druckst ein wenig herum, schaut mich dann an: „Muss das wirklich sein?“ fragt er.
„Was meinen Sie?“
„Das mit der Intensivstation!“
„Nun ja, da ist sie am besten aufgehoben, vom medizinischen Standpunkt her, da kann man ihren Kreislauf überwachen und…“
„Unsere Mutter hat doch längst mit ihrem Leben abgeschlossen!“
„Wie meinen Sie das?“
„Letztens sagte sie seufzend, dass der Herrgott sie wohl vergessen hätte… und sie wollte auf keinen Fall auf einer Intensivstation sterben…“
Die Schwiegertochter unterbricht ihn.
„Wir möchten uns in Würde von ihr verabschieden!“ sagt sie.
Zehn Minuten später spreche ich mit Schwester Paula. Die schafft es, oben auf der Normalstation ganz hinten am Ende des Flures ein ruhiges Einzelzimmer frei zu räumen, obwohl wir eigentlich mehr als voll belegt sind.
Eine halbe Stunde später ist Frau Schneider dort.
Zwei Stunden später ist sie tot.
„Vielen Dank, Herr Doktor!“ sagt die Schwiegertochter, und drückt mir mit rotgeweinten Augen die Hand.
Ich bin beschämt.

Written by medizynicus

18. September 2012 at 22:28

Operieren oder… lieber doch nicht?

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„Wieso ist Frau Höbelmann dann doch noch unter’s Messer gekommen, obwohl sie gar nicht wollte?“ frage ich.
Martin wischt sich mit einer Serviette den Mund ab.
„Eines Morgens war sie völlig durch den Wind!“ sagt er, „Bis dahin war sie ja bekanntlich zwar ein wenig störrisch, aber so drauf, dass man im Prinzip ganz normal mit ihr hatte reden können. Jetzt aber hat sie plötzlich nur noch herumgeschrien, gebrüllt und getobt und dummes Zeug gesprochen.“
„Kam das vielleicht durch den Infekt?“
Martin nickt heftig.
„Klarer Fall. Durchgangssyndrom. Sepsis. Vierzig Fieber und Entzündungswerte bis zum Gehtnichtmehr. Oberarzt Biestig hat die Angehörigen angerufen und gesagt: der Fuß muss ab.“
„Und die waren jetzt einverstanden?“
„Sie haben unterschrieben. Das war die Hauptsache. Dann haben wir die Oma in den OP gerollt. Und was soll ich sagen: Der Fuß war nur noch Matsch. Biestig wollte jetzt den gesamten Oberschenkel amputieren, zur Sicherheit, erstens geht das einfacher und zweitens heilt das besser, wenn die Infektion soweit fortgschritten ist. Dann aber ist ihm eingefallen, dass die Angehörigen ja nur für die Vorfußamputation unterschrieben hatten, und jetzt war von denen niemand mehr greifbar. Also haben wir es beim Vorfuß belassen.“
„Und dann?“
„Die Operation hat sie überlebt. Aber damit war der Infektfokus ja noch nicht beseitigt…. das Fieber ist geblieben und irgendwann war dann Ende im Gelände.“
Martin steht auf und schiebt sein Essenstablett in den dafür vorgesehenen Wagen.
„So ist es halt!“ sagt er mit gespieltem Mitleid, „Manchmal kannst Du halt nicht gewinnen!“
„Und wenn ihr den Oberschenkel amputiert hättet?“
„Dann wäre sie noch am Leben!“ die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen, vielleicht etwas zu schnell.
Dann zuckt er mit den Schultern.
„Oder auch nicht!“ sagt er und verschwindet in Richtung Aufzug, „Ist ja eigentlich auch egal…“

Written by medizynicus

7. April 2011 at 05:50

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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