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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Posts Tagged ‘Sex im Alter

Sex im Alter – Tabu oder Geschäftsidee?

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Sex sells. Wer Sex hat ist jung und hübsch und fröhlich. So suggeriert es uns die Werbung und all das, was auf sämtlichen Kanälen aller Medien rund um die Uhr auf uns einprasselt. Schöne, junge Körper überall, zum anbeißen knackig, aber…
…aber nicht alle Menschen sind jung, hübsch und fröhlich.
Auch alte und hässliche Menschen wollen Sex und ein ganzer Industriezweig ist lebt von deren Bedürfnissen. Drüber gesprochen wird höchstens in Form von zotigen Witzen – aber die Umsatzzahlen jener Industrie – angefangen von eindeutigen Presseerzeugnissen bis hin zum Prostitutionsgewerbe dürften beachtlich sein.
Nicht alle Menschen sind jung, hübsch und fröhlich und nicht alle sind gesund. Und vor allem: Nicht alle, die wollen, können auch.
Jeder fünfte Mann über vierzig leidet unter erektiler Dysfunktion, heißt es. Und vor allem: Diesen Herren kann geholfen werden. Auch davon lebt eine Industrie. Und damit diese Industrie ordentlich Umsatz macht, werden jetzt Tabus gebrochen.
In Bälde wird eine große Werbekampagne über uns hereinbrechen, so wurde mir jüngst aus zuverlässiger Quelle berichtet.
Zwar ist es dem deutschen Heilmittelgesetz gemäß verboten, im Fernsehen offen für verschreibungspflichtige blaue und andere Pillen zu werben, aber wer sich ganz emanzipatorisch für das Recht auf ein erfülltes Sexualleben einsetzt, kann ja nichts Böses wollen.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Written by medizynicus

25. März 2010 at 15:47

Sex im Altenheim (und anderswo)

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Die Nacht ist dem Tag gewichen, ein strahlend blauer Frühlingsmorgen ist heraufgedämmert und die Episode auf dem Balkon nur noch eine Erinnerung.
In der Stationsküche duftet es nach Kaffee, während ich die Geschichte beim Frühstück brühwarm zum Besten gebe.
„Der alte Sack?“ fragt Jenny und grinst.
„Altersgeilheit halt!“ sagt Schwester Gaby, „Ist ja gar nicht so selten, obwohl ich das von dem jetzt nicht gedacht hätte…“
„Hat er Euch denn begrapscht oder dumme Kommentare gemach?“ frage ich.
Schwester Gaby schüttelt den Kopf.
„Nein. Der nicht. Herr Waldmüller ist fast schon eine Art Gentleman…“
„Aber das nehmen wir ihm jetzt natürlich nicht mehr ab!“ fügt Schwester Paula hinzu.
„Warum nicht?“
„So alt und noch so versaut? Ich glaube, von jetzt an werde ich den nicht mehr mit der Kneifzange anfassen! Kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Frau freiwillig mit dem…“
„Es gibt Frauen, die machen das beruflich!“ sagt Kalle.
Plötzlich sind alle still.
Kalle trinkt einen Schluck Kaffee und grinst.
„Die Mädels von Madame Jaqueline machen auch Hausbesuche!“
„Aber doch nicht im Altenheim!“
„Warum nicht?“
„Das ist doch unmoralisch!“ sagt Schwester Paula.
„…und außerdem unästhetisch!“ meint Jenny.
Kalle schüttelt den Kopf.
„Was soll denn daran unmoralisch sein, wenn beide Seiten einverstanden sind und man sich über den Preis der Dienstleistung geeinigt hat?“
Schwester Gaby holt tief Luft.
„Unmoralisch daran ist, dass es das für uns Frauen nicht gibt!“ sagt sie.

Written by medizynicus

24. März 2010 at 08:05

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Auf dem Raucherbalkon nachts um halb zwei…

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Eine Kleinigkeit unten in der Ambulanz, eine Bluttransfusion anhängen oben auf Station und aus einem unbestimmten Gefühl heraus mache ich nochmal einen Abstecher am Balkon vorbei.
Die Tür steht immer noch offen.
Einen Moment lang gefriert mir das Blut in den Adern.
Ist er etwa doch…?
Aber dann höre ich draußen schlurfende Schritte und sehe das Lichtpünktchen eines Glimmstängels.
Ich bin beruhigt.
Der Glimmstängel ist eine Zigarre und die gehört nicht Herrn Schröder sondern Herrn Waldmüller.
Herr Waldmüller ist so etwas wie ein Stammgast. Eher von der angenehmen oder sagen wir besser harmlosen Sorte. Ungefähr fünfundachtzig Jahre, aber geistig fit. Zwar hat er auch seine Macken, aber das liegt daran dass er als Stammgast glaubt, sich das eine oder Andere herausnehmen zu dürfen. Zum Beispiel nachts um halb zwei auf dem Balkon eine Zigarre zu rauchen.
„Nabend, Herr Doktor!“ sagt er und winkt mit dem Qualmbolzen in meine Richtung, „So spät noch unterwegs?“
Das soll ein Witz sein. Herr Waldmüller weiss natürlich genau, dass ich nicht zum Spaß über die nächtlichen Klinikflure schlurfe. Aber ich tu ihm den Gefallen und gehe drauf ein.
„Unser Lokal ist vierundzwanzig Stunden lang geöffnet, sieben Tage die Woche!“ sage ich.
„Aber das Getränkeangebot ist ziemlich bescheiden, wenn ich das mal so sagen darf. Ich hätte nichts gegen einen Schnaps einzuwenden. Oder einen süffigen Rotwein…“
„Tja, Herr Waldmüller, da kann ich Ihnen leider nicht helfen!“
„Und wissen Sie, was mir wirklich fehlt?“
Er fixiert mich mit seinem Blick. Ich schüttele den Kopf.
Herr Waldmüller schaut sich sorfältig um und senkt dann die Stimme.
„Dass es hier keine Frauen gibt!“ sagt er flüsternd.
„Aber Herr Waldmüller, wir haben so viele hübsche junge Krankenschwestern…“
„Natürlich! Und die sind alle jung und hübsch. Schön fürs Auge. Aber nichts zum Anfassen. Wissen Sie, ich würde gerne mal wieder so richtig…“
Er ballt die linke Hand zur Faust und macht eine obszöne Geste.
„Aber Herr Waldmüller! In Ihrem Alter…“
„Was heißt hier ‚in meinem Alter‘? Glauben Sie, ich kriege keinen mehr hoch? Glauben Sie, ich hätte noch nie etwas von den blauen Pillen gehört?“
Zum Glück ist es dunkel so dass niemand sieht, wie ich rot werde. Und dazu hat es mir völlig die Sprache verschlagen.
Aber Herr Waldmüller scheint gar keine Antwort zu erwarten. Er drückt seinen Zigarrenstummel sorgfältig im Blumentopf aus, wirft ihn in den Mülleimer, grinst kurz in meine Richtung und schlurft dann mit einem „schönen Abend noch!“ auf sein Zimmer.

Written by medizynicus

23. März 2010 at 01:30

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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