Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Ein Dr. Frankenstein weilt(e) unter uns…. (wieder einmal)

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…und wieder mal wird eine Sau durchs Dorf getrieben. Wir Ärzte sind doch Verbrecher, also fast alle von uns, also zumindest ein paar, aber der eine da, der ist wirklich einer!
Der Eine:
Ein Neurologe aus den Niederlanden, der dort seine Approbation verloren hat, dann nach Deutschland gegangen ist um dort ungestraft sein Unwesen treiben zu können. Nun, was sich die Personalverantwortlichen einer renomierten Klinik denken oder auch nicht denken mögen, wenn sich ein über sechzig Jahre alter Facharzt als Assistenzarzt bewirbt, ist ein anderes Thema. Dass ebenjene Personaler beim Googlen nicht herausgefunden haben wollen, dass der betreffende Kollege in seinem Heimatland schon eine Reihe negativer Schlagzeilen gemacht hat, mag man ihnen auch nachsehen…
Hmmm.
Lieb und nett sei er gewesen, und bei Kollegen und Patienten durchaus beliebt…. aber „total verrückt“.
Hä?
Was man ihm vorwirft, sind in erster Linie nicht die wirklich kriminellen Unregelmäßigkeiten (er soll Geld unterschlagen und Medikamente zum Eigengebrauch abgezweigt haben) sondern seine mangelnde Fachkompetenz… da habe er Patienten fälschlich schwerwiegende Diagnosen wie M. Alzheimer oder Multiple Sklerose angehängt…
Hmmmm.
Wie war das mit dem ersten Stein? Wer von uns kann sich rühmen noch nie eine Fehldiagnose gestellt zu haben? Und gerade bei neurologischen Krankheitsbildern sind die Diagnosekriterien nicht selten ziemlich schwammig….
Also nochmal Hmmm.
Es mag fähige und weniger fähige Kollegen geben. Und wenn Menschen geschädigt worden sind, dann muss das untersucht worden. Aber mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, wie es die Webseite einer großen Zeitung mit vier Buchstaben macht und ein großformatiges Porträt zu veröffentlichen…
…ich weiß nicht…

Written by medizynicus

9. Januar 2013 at 13:45

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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Zweiklassenmedizin? Nee! Vierklassenmedizin. Haben wir doch längst. Oder nicht?

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Der Herr Professor lehnt sich in seinem Chefsessel zurück, verschränkt die Hände vor seinem Bauch und lächelt.
Der Patient auf dem Stühlchen vor ihm lächelt nicht.
„Also, Herr Meiermüllerschulze,“ beginnt der Herr Professor, „Jetzt hören Sie mal ganz genau zu. Sie wollen sich operieren lassen. Und das ist richtig, denn wenn Sie das nicht tun, dann werden Sie dieses Krankenhaus nächste Woche mit den Füßen voran in einer Kiste verlassen. Ist halt so.“
Der Herr Professor macht eine bedeutungsschwere Pause und lächelt noch breiter.
„Und? werden Sie mich operieren?“ fragt der Patient.
Der Herr Professor hört auf zu lächeln. Sein Gesicht wird ernst.
„Das ist so eine Sache. Man kann schließlich nicht jeden operieren. Man muß da Prioritäten setzen. An erster Stelle kommen die Patienten, die Geld haben. An zweiter Stelle die Spitzenpolitiker. An dritter Stelle die Privatpatienten. Und dann die Anderen. Das verstehen Sie doch, oder?“
Der Patient schaut zu Boden.
„Das verstehen Sie doch, oder?“ wiederholt der Herr Professor etwas eindringlicher.
Der Patient nickt.
„Und?“
Der Patient schüttelt den Kopf.
„Ich bin… ganz normal gesetzlich versichert….“
Der Herr Professor sagt nichts.
Er seufzt.
„Sie haben gehört, was ich gesagt habe?“
Ein paar Tage später wechselt ein dezenter Briefumschlag den Besitzer.
Nein, die Szene stammt nicht aus einem billigen Krimi. Und auch nicht aus Spelunkistan. Sie soll sich wirklich so ähnlich zugetragen haben, mitten in Deutschland, vor noch gar nicht allzu langer Zeit.
Dummerweise ist der Herr Professor aufgeflogen. Und vielleicht sitzt er bald im Knast. Vielleicht hat er auch einen guten Anwalt, wer weiß.

Written by medizynicus

27. Februar 2010 at 06:57

sexuelle Belästigung… oder auch nicht? Die Geschichte von Wilfried

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Eigentlich ist Wilfried ein netter Kerl. Er ist halt so’n Chirurg. Ende Dreißig, graumeliertes Haar, lang und dürr, Schnauzbart und Goldkettchen. Den Porsche kann er sich von seinem Assistenzarztgehalt noch nicht leisten, würde er aber gern.
Vielleicht wenn er demnächst mal Oberarzt wird. Aber dazu müsste er zunächst noch die Facharztprüfung schaffen, und dazu kann er sich nicht aufraffen, obwohl er die Zeit längst zusammen hätte.
Wilfried steht auf markige Chirurgensprüche. Und ab und zu hat er auch der einen oder anderen Schwester wie zufällig die Hand über die Schulter gelegt. Der ist halt so. Und normalerweise ist er sehr direkt, in jeder Beziehung. Auch zu Patienten.
Legendär ist die Geschichte, die er sich einmal in der Aufnahme geleistet hat: da sollte er eine junge Patientin untersuchen, die für eine Leistenbruch-Operation angemeldet war. Er war aber im OP und die junge Frau musste ziemlich lange warten.
Schließlich kam er hereingestürmt, streckt der Patientin seine Hand hin und begrüßt sie mit den Worten:
„So! Ich bin der Chirurg. Und jetzt zieh mal die Hose runter…“
Ohne „guten Tag“ und ohne weitere Vorrede. Aber bei ihm kommen selbst solche Sprüche richtig nett rüber. Die Patientin war jedenfalls keinesfalls sauer auf ihn.
Trotzdem hat Wilfried jetzt Ärger.
So richtigen Ärger.
Eine Patientin behauptet, er habe sie beim sonographieren sexuell belästigt. Er habe sie gebeten, den BH auszuziehen, sie dann begrapscht. Wilfried behauptet, er habe sie dazu gar nicht aufgefordert, im Gegentei. Sie habe ihn gefragt, ob sie das tun solle und er habe ihr versichert, dass das bei einer Oberbauchsonographie nicht notwendig sei. Sie habe es trotzdem getan, worauf er ihr ein Handtuch gereicht hätte damit sie ihre Brüste damit bedecken könne, anschließend habe er die Untersuchung fortgesetzt.
Die Patientin hat sich nicht nur schriftlich beschwert, sondern ist gleichzeitig auch an die Presse gegangen.
Es hat eine Untersuchung gegeben und sogar ein Gerichtsverfahren: Wilfried ist freigesprochen worden.
Trotzdem man ihn entlassen. Nicht deswegen, man hat einen anderen Grund gefunden.
Aber hinter vorgehaltener Hand war es ein offenes Geheimnis, daß der Verwaltungschef es für rufschädigend gehalten hätte, Wilfried weiter zu beschäftigen, auch wenn man ihn freigesprochen hatte „aus Mangel an Beweisen“.

Nachtrag: Die Geschichte von Wilfried ist erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit echten Personen sind rein zufällig. Aber solche Geschichten passieren!

Written by medizynicus

15. Juni 2009 at 14:24