Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Gib ihr doch ein Placebo!

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„Frau Müller hat wieder Schmerzen!“
Ich unterdrücke einen Fluch.
„Wo denn?“
„Am Rücken natürlich!“
Aha. Natürlich am Rücken. Frau Müller hat immer Rückenschmerzen. Seit Jahren schon, seit Jahrzehnten. Hundertschaften von Ärzten haben seit jeher versucht ihr zu helfen und wie zu erwarten ist es niemandem gelungen. Frau Müller ist mächtig stolz darauf. Sie hält sich nämlich für ein medizinisches Rätsel. Meine ganz private Meinung möchte ich lieber für mich behalten, alles andere wäre höchst unprofessionell und würde den strafrechtlichen Tatbestand der Beleidigung erfüllen.
„Was habt Ihr denn schon gegeben?“
„Alles!“
„Wirklich alles?“
„NSAR, Opiate, Antidepressiva…“
„Nur Tabletten?“
„Tabletten, Spritzen, Infusionen, Pflaster…“
„Hmmm.“
„Gebt ihr zwanzig Tropfen Haldol!“
„Hatte sie auch schon.“
„Wirklich?“
„Zuletzt vor zwei Stunden.“
Psychiatrisches Konsil vielleicht? Ist auch schon gelaufen. Mehrfach. Und wenn sie gerade nicht gerade stationär bei uns liegt oder auf Reha oder in der Psychosomatik dann besteht ihre Hauptbeschäftigung darin, sämtliche Therapeuten und Seelenklempner im Umkreis von zwanzig Kilometern zu verschleißen.
Ich kratze mich am Kopf. Bohre in der Nase. Puhle im Ohr. Tippe mit dem Finger gegen die Stirn. Nützt alles nichts. Keine bahnbrechende Idee. Oder vielleicht doch?
„Wie wäre es mit einem Placebo?“
„Wird gemacht, Doc, wenn Du unterschreibst!“
Nutzen wird’s wahrscheinlich nicht. Aber zumindest keinen Schaden anrichten, und somit ist es einen Versuch wert.

Written by medizynicus

4. Oktober 2010 at 05:02

Psyche und Magen

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„Und? Gibt’s schon ein Ergebnis?“
Der Patient schaut mich etwartungsvoll an.
Kurzer Blick in die Krankenakte und ich setze mein strahlendstes Feiertagslächeln auf.
„Alles in Ordnung!“ sage ich.
Der Patient zuckt zusammen und sinkt in sein Kissen zurück.
„Scheiße!“ murmelt er.
„Warum?“
„Andersherum wär’s mir lieber gewesen!“
„Aha?“
„Dann wüßte ich wenigstens, was ich hätte.“
„Sie sind gesund. Magenspiegelung und Darmspiegelung waren völlig unauffällig. Freuen Sie sich!“
Der Patient schüttelt den Kopf.
„Und meine Bauchschmerzen? Die ständige Übelkeit? Die Blähungen? Wo kommt das jetzt alles her?“
Ich schaue mich verschwörerisch um um mich zu vergewissern dass niemand lauscht. Außer dem dementen Opa im Nachbarbett ist niemand da. Ich klappe die Krankenakte zu und setze mich auf die Bettkante.
„Woher kommt das alles?“ wiederholt der Patient.
„Genau das möchte ich Sie fragen!“
„Wie bitte?“
„Sagen Sie mir: Woher kommen Ihre Magenschmerzen?“
Der Patient runzelt die Stirn.
„Sie sind der Doktor!“
„Aber Sie haben die Beschwerden. Um Ihr Leben geht es, nicht um Meins!“
„Ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor!“
„Jetzt erzählen Sie mir bitte mal, was Ihnen alles auf den Magen drückt! Stress? Ärger? Angst?“
Der Patient beginnt zu weinen.

Written by medizynicus

17. Juni 2010 at 10:30