Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Cool… cooler.. Palliativ

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Fast hätte ich Gepettos Designermöbel mit unschönen Kaffeeflecken besudelt. Langsam stelle ich die Tasse, die mir beinahe aus der Hand gefallen wäre wieder zurück.
„Kannst den Mund wieder schließen!“ sagt Kalle und grinst.
„Wie meinst Du das jetzt?“ frage ich.
„Hmmm.“
„Also?“
„Cool bleiben. Du wirst der Arzt für besondere Fälle. Du behandelst diejenigen Menschen, die ganz tief unten sind. Menschen, die nichts mehr zu erwarten haben. Menschen, die das Leben fast hinter sich haben.“
„…also alte Leute?“
„Zum Beispiel. Oder Schwerkranke. Schwerstkranke. Todkranke.“
„Hmmm. Macht das nicht jeder Arzt?“
„Mehr oder weniger. Die einen mehr, die anderen Weniger. Der Trick ist ja, dass Du Dich auf die Schwerstkranken und die Todkranken spezialisieren könntest.“
„Um sie zu heilen?“
Kalle setzt seine Sonnenbrille wieder auf.
„Eher weniger!“ sagt er.
„Eher weniger?“
„Hmmm.“
Kalle grinst.
Nein!
Nein, das darf doch nicht wahr sein. Es gibt Vieles, was ich Kalle zutrauen würde, aber das…
„Sterbehilfe?“
Kalle grinst noch breiter. Dann schüttelt er vehement den Kopf.
„Da Gegenteil!“
„Das Gegenteil von Sterbehilfe und doch nicht heilen?“
„Wir reden von Patienten, deren Krankheiten nicht mehr zu heilen sind. Irgendwann blüht das jedem von uns, den einen früher, den anderen später… und das macht diese Art von Medizin ja so faszinierend!“
„Jetzt aber raus mit der Sprache: Wovon redest Du?“
Kalle senkt die Stimme.
„Palliativmedizin!“ sagt er leise.
Hmmmm, denke ich.

Written by medizynicus

13. September 2012 at 00:02

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Bitte keine Sterbenden in meinem Vorgarten!

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Der Tod ist Böse.
Natürlich wissen wir, dass wir ihm nicht entgehen können, irgendwann, irgendwann einmal , aber weil wir alle hoffen, dass es bis dahin noch ziemlich weit hin ist, denken wir besser nicht dran. Und allem, was uns daran erinnert, gehen wir am liebsten aus dem Weg.
Wenn beim Nachbarn der Leichenwagen vorfährt, dann bleibt uns vor Schreck das Frühstücksbrötchen im Hals stecken. Und wenn das mit dem Leichenwagen jeden Tag passiert?
Böse, böse! Besser nicht….
Nun gibt es Menschen, die schwer krank sind. So schwer krank, dass das unvermeidbare Ende keine Frage von Jahren oder Jahrzehnten, sondern eher von Wochen und Tagen ist. Und es ist möglich, dafür zu sorgen, dass auch diese Menschen in ihren letzten Tagen mitten im Leben stehen…. ein bißchen zumindest…. oder dass man ihnen die letzten Tage so angenehm wie möglich gestaltet.
Zwar ist Deutschland in Bezug auf Palliativmedizin fast noch ein Entwicklungsland, aber allmählich passiert hier etwas… zumindest hier und dort.
Im Hamburger Süden soll ein neues Hospiz entstehen. Zwei Anwohner klagen dagegen. Die Argumente erscheinen an den Haaren herbeigezogen: man mache sich Sorgen um den Wert der umliegenden Immobilien, redet von Belästigung durch erhöhten Leichenwagen-Verkehr und wenn schon, dann soll sich das Ding zumindest hinter einer hohen Mauer verstecken….
Die gute Nachricht: fünfundneunzig Prozent der Anwohner teilen die Bedenken offenbar nicht.

Written by medizynicus

26. Februar 2012 at 18:08

Veröffentlicht in Gehört und gelesen

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Infusionen bis zum Ende

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Als ich Zimmer Neunzehn verlasse, fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und bewege mich schnurstracks in die Küche.
„Hat’s geklappt?“ fragt Schwester Anna.
Ich nicke wortlos und schenke mir einen großen Pott Krankenhauskaffeeplörre ein.
Geschlagene zwanzig Minuten habe ich gebraucht, um ein filigranes blaues Plastikröhrchen in eine Armvene der Patientin von Zimmer neunzehn zu pfriemeln. Die Ärmste besteht aus kaum mehr als Haut und Knochen und ihre geschätzte Lebenserwartung beträgt eher Tage als Wochen. Keine fünf Cent würde ich darauf wetten, dass sie übermorgen noch unter uns ist.
„Kann ich was anhängen?“
Ich schrecke auf.
„Äh… was?“
„Anhängen! Eine Infusion!“
„Oh, ja natürlich… Tausender Nah-Zel!“
Einen Liter physiologische Kochsalzlösung für die Dame. Ob sie das noch retten wird?
Es war vor allem der Wunsch der Angehörigen gewesen: „Tun Sie doch was, Herr Doktor!“ und weiter: „Sie können unsere Oma doch nicht verdursten lassen!“
Nee, das muss nicht sein.
Oberarzt Heimbach hat zustimmend genickt. Aber hinterher, als die Angehörigen wieder weg waren, da hat er den Kopf geschüttelt.
„Besser wäre, wenn wir ihr nichts mehr geben!“
Ich werfe einen irritierten Blick in die Krankenakte.
„Äh… warum das? Die Patientin ist exsikkiert… stehende Hautfalten, trockener Mund, Kreatinin von fast fünf…“
Heimbach tippt mit dem Zeigefinger auf das Laborblatt.
„Eben. Die Niere steigt aus. Das ist ein gnädiger Tod!“
Oberarzt

Written by medizynicus

6. Juli 2011 at 07:29

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