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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Zwanzig Valium und eine halbe Flasche Wein

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Vorsichtig klopfe ich an der Zimmertür, dann trete ich ein.
„Guten Morgen, Frau….“, verdammt, ich kann den Namen noch immer nicht richtig aussprechen!
„…Leszekowski!“, sagt die Angesprochene ohne mich anzuschauen.
„Wie geht es Ihnen?“
Frau Leszekowski sitzt an dem kleinen Tisch und schaut aus dem Fenster.
„Ich würde mir jetzt gerne eine Zigarette anzünden!“
„Wenn Sie auf den Balkon möchten….“
„Schon gut!“
„Alles in Ordnung?“
Frau Leszekowski seufzt.
„Würden Sie es nochmal tun?“
Sie schüttelt den Kopf.
„Das war dumm!“
An einem regnerischen Nachmittag ist Frau Leszekowski in ihren betagten Opel gestiegen, ist in den Einödshofener Wald gefahren und auf dem Wanderparkplatz hat sie dann zuerst eine halbe Flasche Wein getrunken und dann zwanzig Tabletten Valium eingeworfen.
Sie ist dann zwar eingeschlafen, aber irgendwann aufgewacht, dann ausgestiegen und in strömendem Regen die Straße entlang gelaufen bis sie zur Waldschenke kam, wo die Wirtsleute sie zunächst in warme Decken gepackt, ihr dann einen heißen Tee mit ordentlich Rum eingeflößt und schließlich den Notarzt gerufen haben.
„Warum haben Sie das getan?“
Frau Leszekowski schweigt.
Ich weiß, was los war. Also, natürlich weiß ich es nicht. Also, eigentlich geht es mich ja nichts an, und andersherum natürlich doch. Denn Frau Leszekowski arbeitet bei uns im Haus. Sie ist Sekretärin drüben in der Verwaltung und gerüchteweise weiß ich, dass sie übel gemobbt wurde. Natürlich weiß ich es nicht, und es wird auch nichts davon in den Akten stehen, aber es ist schon merkwürdig, dass keine ihrer Kolleginnen sie hier besucht hat.

Written by medizynicus

9. Juni 2016 at 05:20

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Sterbenhelfen, aber richtig!

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Die Sache mit der Sterbehilfe gehört offenbar zu den wenigen Dingen, die man in der Schweiz ein wenig lockerer sieht als anderswo. Ansonsten sind die Schweizer ja nicht unbedingt für ihre Lockerheit bekannt, und so vollzieht sich auch das Sterbenhelfen nach klaren Regeln.
Deshalb schließt der Kanton Zürich jetzt einen Vertrag. Das berichtet das Deutsche Ärzteblatt.
In dem Vertrag steht drin, wie künftig richtig ordnungsgemäß gestorben wird:
Welches Medikament als einzig zugelassenes „Sterbemittel“ verwendet werden darf.
Und daß zwei Personen anwesend sein müssen, darunter ein „Freitodbegleiter“, welcher für seine Dienste fünfhundert Fränkli berechnen darf.

Written by medizynicus

30. Juni 2009 at 12:00

Patientenverfügungen werden jetzt verbindlich – aber im Klinikalltag bleibt die Unsicherheit

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Im Bundestag ist es diskutiert und Beschlossen worden, das Deutsche Ärzteblatt hat drüber berichtet und der Spiegel auch.
Eine Patientenverfügung ist verbindlich. Punkt. Wenn der Patient einen schriftlichen Willen dokumentiert hat, müssen wir uns als Ärzte daran halten.
Ist jetzt alles klar?
Nicht unbedingt.
Ist jetzt alles klar?
Nicht unbedingt.
Man stelle sich Folgendes vor:
Ein junger Mann kommt in die Notaufnahme. Bewußtlos nach Medikamentenintoxikation. Irgendein Tablettencocktail, von dem wir noch nicht wissen, was es genau ist.
Und dann haben die Sanis da bei ihm so einen Zettel gefunden:
„Hiermit verfüge ich, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen mehr durchgeführt werden!“
Mit Datum und Unterschrift.
Ist das jetzt eine gültige Patientenverfügung?
Und was wäre, wenn es sich um ein ordentliches, notariell bestätigtes Schreiben gehandelt hätte? Oder um einen dahingeschmierten Zettel in ungelenker Handschrift mit den Worten:
„Ich will sterben, lasst mich in Ruhe?“
Was sollen wir tun?
Den guten Mann in irgendeine Ecke schieben, Kaffee trinken und ab und zu mal nachschaun ob wir schon den Bestatter holen können?

Written by medizynicus

20. Juni 2009 at 08:00