Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Kasperles Großmutter und die Synkopen-Abklärung

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Ich trinke noch einen Schluck Kaffee.
„Also, jetzt stellen wir uns mal vor, Kasperles Großmutter säße jetzt vor uns. Was würde passieren?“
Paul zuckt mit den Schultern.
„Fangen wir von vorn an: Wir haben eine Dame, Alter schätzungsweise irgendwas zwischen fünfundsechzig und achtzig, noch rüstig, lebt alleine, besorgt den Haushalt ohne Hilfe und sorgt sogar noch für ihren minderjährigen Enkel. Sie wird vom Enkel in unsere Notaufnahme gebracht, weil sie nach seinen Angaben wiederholt ohnmächtig geworden ist. Und jetzt bist Du am Start, Paul. Was machst Du?“
„Das Übliche natürlich…“
„Als da wäre?“
„Anamnese… Untersuchung… EKG… Labor… und dann halt Diagnostik…“
„Was für Diagnostik?“
„Naja… Langzeit-EKG vielleicht…“
„Und was finden wir?“
Paul zuckt abermals mit den Schultern.
„Okay. Vielleicht Vorhofflimmern. Vielleicht Pausen. Höchstwahrscheinlich aber nichts. Also weiter im Text.“
„Carotisdoppler vielleicht?“
„Gute Idee. Und da wir gerade einen fitten PJ’ler an Bord haben würde ich selbstverständlich auch einen Schellong-Test anordnen!“
Paul grinst.
„Und dann können wir noch ein neurologisches Konsil veranlassen, ein Schädel-CT, vielleicht auch ein EEG…“
„…und finden dennoch keine Diagnose!“ vervollständigt Paul den Satz.
Ich schüttele den Kopf.
„Irrtum! Spätestens nach dem neurologischen Konsil haben wir eine Diagnose. Eine ganz tolle sogar. Wahrscheinlich so toll, dass ich sie nicht aussprechen kann, geschweige denn verstehe. Aber es nutzt uns nichts!“
„Warum?“
„Weil es keine adäquate Therapie gibt. Es bleibt dabei: Ältere Leutchen leiden ab und zu an Schwindel. Und manchmal werden sie auch ohnmächtig. Die Ursachen sind vielfältig: ein bißchen Arterienverkalkung hier, ein bißchen Hirnsubstanz-Abbau dort undsoweiter. Es gibt ein paar gefährliche Dinge, die sollten wir ausschließen. Herzrhythmusstörungen zum Beispiel. Und es gibt ein paar wenige Krankheiten, die lassen sich gut behandeln. Das ist aber eher die Ausnahme.“
„Und was heißt das jetzt?“
„Es bleibt dabei: Großmutter wird ab und zu ohnmächtig. Und wenn man ihr eine rohe Zwiebel unter die Nase hält, dann muss sie niessen und wacht wieder auf.“

Written by medizynicus

10. März 2011 at 05:41

Kasperles Großmutter oder: Märchenstunde mit Medizynicus

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„Also,“ sage ich zu Paul, als wir in der Küche sitzen und beide einen Pott dampfenden Kaffee vor uns haben, „Was fällt Dir sonst noch zum Thema Synkopenabklärung ein?“
Paul zuckt die Schultern.
„Oder anders gefragt: Kennst Du den Räuber Hotzenplotz?“
„Äh… was hat das jetzt damit zu tun?“
„Eine ganze Menge. Also, Räuber Hotzenplotz. Du erinnerst Dich? Wer kommt da in der Geschichte vor?“
„Hmm. Der Räuber Hotzenplotz natürlich, der Wachtmeister Dimpfelmoser… und Kasperl und Seppel…“
„Donnerwetter. Du kennst Dich ja richtig aus. Hast Du etwa auch einen kleinen Neffen, der sich das Buch ständig vorlesen läßt?“
Paul wird ein wenig rot.
„Oder einfach nur ein gutes Gedächtnis? Gut. Ist ja bei Dir auch noch nicht ganz so lange her wie bei mir. Also. Hotzenplotz, der Kasperl und seine Großmutter. Du erinnerst Dich an Kaspers Großmutter?“
„Ja, da war was…“
„Kasperls Großmutter,“ doziere ich weiter, „die wird ja im Laufe der Geschichte mehrmals von Hotzenplotz überfallen. Und was passiert dann?“
Paul zuckt mit den Schultern. So gut hat er offenbar doch nicht aufgepasst.
„Kasperls Großmutter wird ohnmächtig. Immer wieder. Vor Schreck. Jedes Mal, wenn der Bösewicht wieder da war.“
Ich lehne mich zurück, grinse und trinke einen Schluck Kaffee.
„Womit wir beim Thema wären. Jetzt betrachten wir das Ganze mal von der medizinischen Seite. Was ist also mit Kasperls Großmutter los?“
„Eine Synkope?“ sagt Paul vorsichtig.
„Bingo! Eine Synkope. Oder mehrere. Anders ansgedrückt, Kasperls Großmutter hat mehrfach redidivierende Synkopen. Was würdest Du mit ihr machen?“
Paul schaut mich wortlos an.
„Also ich kann Dir sagen, was der Kasperl macht: Der hält ihr nämlich eine aufgeschnittene Zwiebel unter die Nase, davon muss sie dann niessen und wird wieder wach.“

Written by medizynicus

9. März 2011 at 05:23

Paul und der Schellong-Test

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„Schön hast Du das gemacht!“
Gerade hat Paul ein Blatt Papier vor mich hingelegt. Wirklich, der Junge ist Gold wert!
PJler sind schon eine feine Sache, da sollte es mehr von geben.
Paul nimmt sich einen Stuhl und setzt sich neben mich.
„Und was bedeutet das jetzt?“ fragt er.
Also gut.
„Schau mal. Du hast also einen Schellong-Test gemacht. Frau Bensheim ist zu Hause kollabiert, und wir wollen wissen warum. Unsere Arbeitdiagnose ist Orthostase. Du weißt, was das ist?“
Fragender Blick zu Paul. Der nickt. Klar, ist ja ein kluger Student!
„Orthostase heißt, vereinfacht ausgedrückt, dass das Blut aus dem Kopf verschwindet und im Körper versackt, wenn man aus dem Sitzen oder Liegen aufsteht. Dann wird einem schwindelig und man kann kollabieren. So ungefähr erkläre ich es jedenfalls den Patienten. Den pathophysiologischen Mechanismus dahinter habe ich irgendwann mal gelernt und vergessen, aber Du wirst das sicher noch wissen!“
Paul nickt.
„So, jetzt hast Du also mehrfach Blutdruck und Puls gemessen. Zuerst im Liegen, dann im Stehen, dann wieder im Liegen. Und alles schön aufgeschrieben…“
Eine echte Fleißaufgabe. Und ziemlich zeitraubend. Deswegen schenke ich mir die Prozedur normalerweise, weil nämlich in der Regel eh nichts dabei herauskommt. Aber das weiß Paul ja noch nicht. Und weil der Oberarzt es angeordnet hat, ist das eine schöne Beschäftigungstherapie.
„Und was ist jetzt herausgekommen?“
„Also, wenn es wirklich Orthostase ist, dann fällt der Blutdruck charakteristischerweise im Stehen ab und steigt dann später wieder an…“
Paul schaut stirnrunzelnd auf seine gemessenen Werte.
„Scheint aber hier nicht der Fall zu sein. Was hat die Patientin dann?“
„Sie ist zu Hause kollabiert.“
„Und wir wissen noch immer nicht, weshalb?“
„Nein.“
„Und wie kriegen wir das heraus?“
„Meistens gar nicht!“
„Dann war der Krankenhausaufenthalt also im Grunde völlig für die Katz…?“
„Nun, so einfach ist das auch wieder nicht… ich glaube, es ist Zeit für eine kleine Märchenstunde?“
„Märchenstunde?!“
„Genau. Lass uns in die Küche gehen auf einen Kaffee, dann erzähle ich Dir eine kleine Geschichte…“

Written by medizynicus

8. März 2011 at 05:48