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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Tuskegee: als Ärzte nicht heilten sondern sterben liessen

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Es war einmal, irgendwo in Amerika…
…vor langer, oder eigentlich doch gar nicht so länger Zeit, da wollten ein paar kluge Ärzte wissen, was mit kranken Menschen passiert, wenn… Wenn man sie einfach weiter krank sein lässt.
Die Ärzte waren von heller und die Anderen Menschen von dunkler Hautfarbe. Jene Anderen litten an „schlechtem Blut“ und wussten nicht, dass die Ärzte diese Krankheit Syphillis nannten.
Die Ärzte versprachen, zu helfen. Kostenlos.
Aber sie halfen nicht, sie schauten nur beim kranksein zu, und später dann auch beim Sterben. Die Pillen und Spritzen, die sie verteilten, waren wirkungslos. Das wussten die Opfer – Pardon, die Patienten aber nicht.
Fast fünfzig Jahre lang lief diese wissenschaftliche Studie, und bestimmt haben einige der beteiligten Ärzte ganz toll Karriere gemacht dabei…
…und wenn ich jetzt in meinem Lehrbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten blättere, dann finde ich dort ein langes Kapitel über die Syphillis. Und ich erfahre dort auch einiges über die Spätstadien der Krankheit, die man heutzutage in unseren Breiten eigentlich gar nicht mehr sieht, und schon gar nicht in unbehandeltem Zustand. Es gibt ausführliche Beschreibungen über diese Krankheitssymptome und auch Abbildungen… Und ich möchte gar nicht wissen, ob das eine oder andere historische Photo nicht in Tuskegee geschossen worden ist.

Written by medizynicus

9. Juni 2012 at 16:27

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Dreck am Stecken – US-Menschenversuche in Guatemala

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Guatamala, im Jahre 1946: Vor dem zentralen Gefängnis der Hauptstadt ist ein Trupp Gringos eingetroffen. Die gut gekleideten Herren verlangen, den Direktor zu sprechen. Sie sind Ärzte und Wissenschaftler, behaupten sie und sie planen ein Forschungsprojekt. Es geht um Syphillis. Sie möchten herausfinden, ob das schon vor über zehn Jahren entdeckte aber erst jetzt in ausreichenden Mengen verfügbare Penicillin nicht nur zur Behandlung, sondern auch zur Prophylaxe der Krankheit geeignet ist.
Zu diesem Zweck haben sie eine Anzahl von Prostituierten aufgespürt, die sich mit der Krankheit infiziert haben. Diese Damen werden nun ihre Dienste einer Reihe von Gefangenen anbieten – selbstverständlich ohne Kondom. Die Wissenschaftler warten diskret nebenan und stoppen die Zeit. Anschließend werden die Gefangenen beobachtet und getestet und gegebenenfalls mit Penicillin behandelt. Allerdings haben sich zu wenige Probanden angesteckt. Man wiederholt das Experiment, indem man jetzt gesunde Prostituierte künstlich mit Syphillis infiziert, bevor diese dann im Gefangenen zusammengebracht werden.
Es folgen weitere Versuchsreihen. Die Patienten einer Psychiatrischen Anstalt werden direkt mit den Erregern infiziert (irgendwie hat man Bedenken, für diese Klientel Prostituierte einzusetzen).
Mehrere hundert Menschen werden absichtlich infiziert. Eigentlich sollen alle Infizierten beobachtet und auch behandelt werden, aber mit der Behandlung klappt es nicht immer, einige der Probanden verliert man aus den Augen, möglicherweise scheint es Probleme mit der Compliance und auch mit der Medikamentenversorgung gegeben zu haben. Wie viele Menschen Spätfolgen davon getragen haben oder gar gestorben sind, ist nicht bekannt.
Die Ergebnisse der Studie wurden nie publiziert. Bis dann vor wenigen Jahren eine Medizinhistorikerin die Unterlagen zufällig fand. Eigentlich hatte sie an einem Buch über einen anderen, kaum weniger ungeheurlichen Menschenversuch gearbeitet.
Jetzt haben sich prominente Vertreter der US-Regierung, darunter auch Präsident Obama bei den Opfern und beim Guatemaltekischen Volk entschuldigt.

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Written by medizynicus

5. Oktober 2010 at 05:17