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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Sternsingerkarnevalterror

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Klopf an der Tür.
„Tach, Herr Doktor, hier sind wir!“
Vor mir steht eine illustre Kostümtruppe.
„Äh… Sie wünschen?“
„Wir singen doch. Jetzt gleich, um fünfzehn Uhr dreißig. So war’s vereinbart!“
„Vereinbart? Ähh….“
„Ja, von vierzehn Uhr bis sechzehn Uhr sind wir im Krankenhaus. Ihre Station kommt um fünfzehn Uhr dreißig dran. Haben Sie nicht unser Mitteilungsblatt gelesen?“
Karneval? Nee, das kommt doch erst im Februar! Aber ich bin ja nicht ganz auf den Kopf gefallen! Also gut, sollen die doch singen!
„Kein Problem. Tun Sie sich keinen Zwang an. Sie finden den Aufenthaltsraum? Geradeaus am Ende des Flures…“
„Herr Doktor, Sie haben den Patienten aber schon Bescheid gesagt, ja?“
„Jaja, die Patienten… ähem… die wissen schon Bescheid!“
„Weil… da ist doch noch niemand da, da drüben im Aufenthaltsraum!“
„Ist ja auch erst drei Minuten vor halb vier.“
„Wir wollen schließlich nicht vor leeren Stühlen singen, das verstehen Sie doch, Herr Doktor, ja?“
„Dann gehen Sie doch einfach durch die Zimmer durch, klopfen Sie überall und…“
„Neee, dazu haben wir keine Zeit! Wir haben schließlich noch drei andere Stationen zu besingen. Und danach noch das Altenheim, und dann….“
„Tut mir leid, dann kann ich Ihnen auch nicht helfen…“
„Wie wär’s, wenn Sie den Patienten Bescheid sagen. Und dann mit Ihrer ärztlichen Autorität…“
…die Leute aus den Betten hieven und im Rollstuhl in den Aufenthaltsraum schieben? Sonst noch einen Wunsch? Allmählich wird’s nicht mehr lustig!
„Wissen Sie, wir haben da so einen Wettbewerb. Nämlich welches Sternsingerteam die meisten Spenden einwirbt. Wissen Sie, ist ja alles für einen guten Zweck!“
Ach, daher weht also der Wind!
„…und da dachten wir vielleicht… es gibt doch bestimmt hier auf Station so eine Kaffeekasse…“
„Tut mir leid. Da habe ich keinen Zugriff drauf. Die wird von Schwester Paula verwaltet!“
Und Schwester Paula hält den Daumen drauf. Soviel ist sicher!
„Ja, und Sie Herr Doktor? Haben Sie schon was gespendet? Ist doch für einen guten Zweck, wissen Sie? Und wenn Sie mit gutem Beispeil voran gehen….“
Jetzt reicht’s aber! Raus hier! Aber schnell!
„Tut mir leid…. hab leider gerade kein Portmonnee dabei…. und außerdem muss ich jetzt drinend in die Notaufnahme…“
„Da singen wir nachher, um vier! Dann sehen wir uns ja noch, Herr Doktor!“

Written by medizynicus

6. Januar 2013 at 15:34