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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Die Sache mit der Leichenschau

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Undertaker Tom hat heute ein Thema angesprochen, welches nicht nur in Bestatter- sondern auch in Ärztekreisen immer wieder für heftige Diskussionen führt. Es handelt sich um einen der wenigen Berührungspunkten zwischen den beiden Berufen: nämlich den Moment, in dem ein Mensch aus der Obhut des Letzteren in die des Ersteren übergeht.
Nein, das Sterben an sich reicht dazu bekanntlich nicht aus. Erst dann, wenn ein Mensch offiziell tot ist, darf der Bestatter aktiv werden.
Wir Ärzte müssen den Tod feststellen. Und das ist so ziemlich das Letzte, was wir mit unseren Patienten anstellen. Mit den weitaus meisten jedenfalls.
Wie läuft so etwas ab?
Begeben wir uns also nach Bad Dingenskirchen. Montag Abend, kurz vor Geisterstunde. Stickig-schwüler Spätsommerabend, klebrig-müde schlurfe ich über die Krankenhausflure.
Dann ein Anruf von Station vier. Da muss ich auch noch hin, hat aber keine Eile. Frau Olschewski ist soeben verstorben, war aber nicht unerwartet, fügt die diensthabende Schwester schnell hinzu.
Wenige Minuten später treffe ich auf der Station ein. Greife mir mit zielsicherem Griff eine Tasse Kaffee und die Krankenakte – in genau dieser Reihenfolge – und beginne meine Arbeit.
Was hatte die gute Dame denn? Aha, fortgeschrittene Krebserkrankung, außerdem eine Lungenentzündung wegen der sie seit einer Woche antibiotisch behandelt wurde. Das ist gut. Nicht unbedingt für die Patientin, sondern für mich, aber dazu kommen wir später. Jetzt muss ich erstmal auf das Zimmer der Verblichenen. Die Schwestern haben bereits vorsorglich ein Schild an die Tür gehängt, damit nicht aus Versehen irgendwelche unvorbereiteten Angehörigen hereinplatzen. Das ist um diese Zeit zwar eher unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie. Außerdem hat die Patientin ein Einzelzimmer, dafür hatte man in weiser Voraussicht gesorgt.
Jetzt schalte ich im Zimmer das Licht ein – volle Festbeleuchtung – und ziehe die Bettdecke zurück. Meine Aufgabe, ist es zunächst einmal festzustellen, dass Frau Olschewski wirklich tot ist.
Aus Gewohnheit und aus Pietät spreche ich sie an: auch wenn man sich dabei vielleicht ziemlich bescheuert vorkommt. Dann einmal auf Herz und Lunge hören, in die Augen leuchten, und vor allem den ganzen Körper einmal anschauen, von oben bis unten, auch die Rückseite und dabei auf Verletzungen achten.
Ich habe Glück, Frau Olschewski wiegt aufgrund extremster Tumorkachexie gerademal noch knapp vierzig Kilo.
Ich muss auf die sicheren Todeszeichen achten: das sind Leichenstarre und Leichenflecken (das dritte sichere Todeszeichen, die Fäulnis, lassen wir hier mal weg). Die treten aber allerfrühestens eine halbe Stunde nach dem Ableben auf – auch darauf komme ich später nochmal zurück.
Jetzt habe ich zunächst genug gesehen, lösche das Licht und ziehe mich wieder ins Schwesternzimmer zurück.
Fortsetzung folgt

Written by medizynicus

5. September 2011 at 22:09