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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Tot und offiziell tot – oder: ein gesegnetes Alter (Teil 2)

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Der Schwiegersohn von Frau Mayer schaut mich mit eisgrauen Augen an.
„Also, Doktor, wann ist der Totenschein fertig?“ fragt er.
„Den können Sie im Laufe des Tages im Sekretariat abholen.“ sage ich.
Der Schwiegersohn bleibt unerbittlich.
„Wann ist denn im Laufe des Tages?“ hakt er nach.
Ich muss mich räuspern.
„Äh… also, es dauert noch ein Weilchen…“ stammele ich dann.
„Warum?“
„Weil… weil es da noch ein paar Kleinigkeiten gibt, die ich mit unserem Oberarzt klären müsste…“
„Was für Kleinigkeiten?“
„Also… zum Beispiel die Todesursache…“
„Wie bitte?“
„Wir… wir wissen ja noch nicht, woran Ihre Schwiegermutter gestorben ist!“
Der Schwiegersohn schüttelt den Kopf und schnaubt verächtlich.
„Wie bitte, Herr Doktor?“
„Die Todesursache ist streng genommen unklar. Und bei unklarer Todesursache müssen wir eigentlich…“
Der Schwiegersohn unterbricht mich.
„Herr Doktor! Meine Schwiegermutter wäre nächste Woche neunzig Jahre alt geworden. Wenn eine fast neunzigjährige Dame von uns geht, dann ist das… immer noch ein Verlust für die Familie, aber nun wirklich nicht ganz unerwartet. Mit neunzig Jahren darf man gehen. Das sollten doch gerade Sie wissen, Herr Doktor, oder?“
Recht hat er. Trotzdem muss ich auf dem Formular eine Todesursache angeben. Und zwar eine glasklare Diagnose: Einfach so etwas wie „Herzversagen“ oder gar „Altersschwäche“ hinzuschreiben, das war vielleicht irgendwann in der Vergangenheit mal möglich gewesen, aber wer das heute tut, der riskiert einen Anruf vom Staatsanwalt. Oder sogar Schlimmeres.
Anders ausgedrückt: Houston, wir haben ein Problem!

Written by medizynicus

30. Oktober 2011 at 21:20

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Ein gesegnetes Alter

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Schwester Gaby begrüßt mich mit feierlich-ernst-schicksalsschwerem Blick.
„Was ist los?“ frage ich, nachdem ich mir einen Kaffee eingeschenkt, einen Schluck gekostet, den Rest der Tasse in den Ausguss gekippt und mich angewidert geschüttelt habe.
„Frau Mayer hat’s endlich geschafft!“
„Wie bitte?“ Morgens vor acht ist mein Gehirn noch nicht ganz auf Betriebstemperatur. Ein Schluck anständiger Kaffee wäre jetzt nicht schlecht.
„Frau Mayer!“
„Die aus Zimmer siebzehn?“
„…hat’s geschafft!“
„WAs hat die geschafft?“
Gaby schlägt sich mit der flachen Hand vor die Stirn.
„Sie ist von uns gegangen!“
Ach so! Nun ist das nicht gerade eine Nachricht, die mich jetzt vom Hocker hauen würde, Frau Mayer war dement und hat ihre letzten Tage auf unserer Station zugebracht wie… na, wie eine demente alte Durchschnittspatientin halt.
„Es sind übrigens gerade die Angehörigen da!“ sagt Schwester GAby und schiebt mich in das betreffende Zimmer.
Dort steht eine Versammlung von schweigenden Gestalten.
Ich setze meine professionell-feierlich-ernst-schicksalsschwere Miene auf und drücke jedem von ihnen schweigend die Hand.
„Nächste Woche wäre sie neunzig geworden!“ schluchst eine dralle Mitfünzigerin.
„Nun ja… sie hat immerhin ein gesegnetes Alter erreicht!“ sagt ein Grauhaariger Mann.
„Eine gute Mutter war sie!“ sagt die Frau.
Der Grauhaarige nickt.
„Aber jetzt kommen wir mal zum Geschäftlichen,“ sagt er und schaut mich scharf an, „Bis wann sind die Papiere fertig?“

Written by medizynicus

28. Oktober 2011 at 21:10

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Wie ein Mensch zur Leiche wird – Teil 2: Der Totenschein

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So, jetzt sitze ich also zu nächtlicher Stunde im Schwesternzimmer und kaue auf dem Kugelschreiber herum. Der Kaffee ist kalt geworden. Ich hole mir einen neuen. Vor mir liegt ein Stück Papier. Genau genommen, ein Formularsatz, der aus mehreren Teilen besteht: der Totenschein von Frau Olschewski. Und der grinst mich öd und leer an und will von mir ausgefüllt werden.
Da Deutschland ein föderalistischer Staat ist, hat jedes Bundesland sein eigenes Totenscheinformular kreiert. Die Dinger unterscheiden sich in Farbe und Grad der Unhandlichkeit, aber eines haben sie alle gemeinsam: einen sogenannten Nicht-Vertraulichen Teil, der ans Standesamt geht und nur die Personalien inklusive Sterbedatum, Zeitpunkt und Ort enthält und einen sogenannten Vertraulichen Teil, und da muss ich jetzt die Ursache des Todes eingeben, und zwar zunächst die „unmittelbare Todesursache“, dann die zu Grunde liegende Erkrankung und schließlich weitere Diagnosen, die eventuell zum Ableben beigetragen haben.
Aber weiß ich das?
Früher einmal, in der guten alten Zeit, da hat man es sich einfach machen können und in die erste Zeile das gute, alte „Herzversagen“ eingetragen. Ist ja nicht unbedingt falsch. Trifft aber auch auf das eine oder andere Mafiaopfer zu und ist daher wenig aussagekräftig und somit von heutigen Staatsanwälten nicht erwünscht.
Also, woran ist denn Frau Olschewski nun verstorben? Immerhin habe ich die Krankenakte zur Hand und weiß somit von ihrer schweren Tumorerkrankung, somit habe ich schon etwas für die zweite Zeile (wir erinnern uns: das „als Folge von“, also die zum Tode führende Krankheit). Und als unmittelbare Todesursache trage ich „Multiorganversagen“ ein, das ist zwar genausowenig aussagekräftig wird aber merkwürdigerweise akzeptiert. Und dann noch ein paar Sachen aus der langen Liste der internistischen Dauerdiagnosen in die dritte Zeile, und fertig… halt! Noch nicht. Gibt es Hinweise für einen „Nicht-Natürlichen Tod“? Nein, ich kann nicht ausschließen, dass nicht doch jemand… ähem… diskret nachgeholfen hat. Aber ich halte es für unwahrscheinlich. Also kein Kreuzchen gemacht. Und dann ist da noch die Rechnung… die muss ich noch unterschreiben: „Wir bedauern das Ableben Ihres Angehörigen,“ steht auf dem Vordruck, „und erlauben uns, Ihnen das folgende Honorar zu berechnen.“
Früher einmal ging dieses Honorar in die eigene Tasche desjenigen, der die Leichenschau gemacht hat. Heute streicht das Krankenhaus sich die Kohle ein.
So, das wäre geschafft.
Jetzt muss ich noch die Angehörigen anrufen.

Written by medizynicus

7. September 2011 at 19:05

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