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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Ich lasse mich nicht gerne verarschen!

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Schade, dass ich nicht zwei Köpfe größer bin.
Ich stemme die Hände in die Hüften und versuche, furchteinflößend wie möglich auszusehen.
„Also gut,“ sage ich mit betont strenger Stimme, was mir aber nicht so recht gelingen will, „Was ist los?“
Der Patient liegt wie ein Häufchen Elend auf seinem Bett.
„Nichts ist los, Herr Doktor!“
„Was ist nichts?“
„Gar nichts, Herr Doktor!“
„Sie wissen, dass Sie zur Entgiftung da sind?“
„Natürlich, Herr Doktor!“
„Und Sie kennen unsere Regeln?“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
„Regel Nummero eins lautet: Sie kriegen von uns Medikamente – und verpflichten sich, keinen Alkohol zu trinken!“
Der Patient nickt schweigend.
„Regel zwei lautet: Wenn Sie doch Alkohol trinken, dann fliegen Sie raus!“
Der Patient schweigt immer noch und starrt mich reglos an.
„Dann frage ich Sie mal direkt: Haben Sie Alkohol getrunken?“
„Nein, Herr Doktor!“
„Und wenn ich Ihnen jetzt Blut abnehme?“
Der Patient zuckt zusammen.
Wenn ich ihm jetzt Blut abnehmen würde, dann hätte er mit ziemlicher Sicherheit eine Menge Promille. Eigentlich müßte ich ihn dann rausschmeißen, wenn ich konsequent sein will. Aber der Chef mag keine Rausschmisse. Abgesehen davon ist draußen Wochenende und unser Labor ist am Wochenende nur notfallmäßig besetzt. Und wenn ich diesen Patienten am Wochenende bei Schnee und Minusgraden in seine vermutlich eiskalte und aller Wahrscheinlichkeit nach fürchterlich vergammelte Wohnung entlassen würde…
„Also gut,“ sage ich, „Ich glaube Ihnen. Aber wenn ich noch einmal erfahren sollte, dass Sie hier Alkohol zu sich nehmen…“
„Selbstverständlich, Herr Doktor!“
Die Erleichterung ist ihm an der Nase anzusehen.
Schwester Paula allerdings wirft mir einen missbilligenden Blick zu, als ich am Dienstzimmer vorbei zurück in die Notaufnahme stapfe.

Written by medizynicus

30. Januar 2010 at 10:23

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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Von unseren Funktionären verarscht (wieder mal)

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Irgendwann stellt sich für jeden Arzt die Frage, wo er denn nun seine langfristige berufliche Zukunft sieht.
Manche Kollegen und Kolleginnen wissen das schon im Studium ganz genau: Avialle, die kleine Aufschneiderin will Chirurgin werden. Sternenmond will Kinderärztin werden.
Andere Leute lassen sich mit der Entscheidung etwas mehr Zeit.
Wenn man sich so die verschiedenen Karrierepläne seiner Kollegen anhört, fällt eines auf: Die meisten sehen ihre Zukunft – in der einen oder anderen Form – im Krankenhaus. Natürlich würde man gerne irgendwann einmal Chefarzt werden. Oder zumindest Oberarzt. Wenn nicht in Deutschland, dann im Ausland.
An eine Niederlassung in eigener Praxis, womöglich noch als Hausarzt, denken hingegen die Wenigsten.
Dabei wird allmählich immer deutlicher, dass zumindest langfristig in Deutschland Hausärzte gebraucht werden. Und zwar vor allem in ländlichen Regionen.
Unsere Funktionäre und Politiker wissen das.
Aus diesem Grunde gab es finanzielle Förderungen: Wer als Teil seiner Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in einer Hausarztpraxis arbeitet, bekommt von den Kassenärztlichen Vereinigungen einen Zuschuss zu seinem Gehalt. Oder anders ausgedrückt: Einen erheblichen Teil seines Gehaltes zahlt nicht der Arbeitgeber (die Praxis, in der er arbeitet), sondern die Institution, welche dafür verantwortlich ist, dass flächendeckend eine hausärztliche Versorgung gewährleistet ist.
Dieser Verein ist allerdings für so manche Überraschung gut – wie nicht nur die leidgeprüften niedergelassenen Kollegen wissen.
Die Neueste Schnapsidee (übrigens ein herrlicher Beitrag für den Kafka-Award):
Ärzte, welche nicht so spuren wie politisch gewollt sollen ihr Gehalt wieder zurückzahlen.
Das ist kein Aprilscherz, das ist ernst gemeint: Wer seine Facharztprüfung bestanden hat, soll sich anschliessend schleunigst in eigener Praxis niederlassen, nach Möglichkeit irgendwo in der Zone…. Äh, in den östlichen Bundesländern auf dem platten Land.
Wer sich nach einer bestimmten Zeit immer noch nicht niedergelassen hat, soll gefälligst das, was er im Laufe seiner Weiterbildung an Förderung von der KV erhalten hat, zurückzahlen.
Wie bitte?
Reden wir Klartext: Für viele jüngere Kollegen ist es schlicht und einfach nicht attraktiv, sich als Hausarzt niederzulassen. Die Arbeitszeiten sind lang und oft nicht mit einem geregelten Familienleben zu vereinbaren, die Vergütung wird jährlich schlechter und die Bürokratie immer schlimmer.
Es gibt inzwischen bessere Alternativen: Jobs als Angestellter Facharzt in Akut- und Rehakliniken, oder auch in MVZs oder in großen Praxen.
Wäre es nicht vielleicht angebracht, den Beruf des Hausarztes wieder attraktiver zu machen anstatt hier mit der Peitsche auch noch die Letzten zu vergraulen, die sich vielleicht dafür interessieren?
Ob das kleine Häuflein der Aufrechten es noch schaffen wird, diese Entwicklung zu verhindern bzw. rückgängig zu machen?
Man darf gespannt sein!

Written by medizynicus

12. August 2009 at 10:35