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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Wie kommt Frau Schröder ins Krankenhaus? (Teil 2)

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Frau Schröders Tochter wirft ihrem Ehegesponst einen bösen Blick zu.
„Also, die Pflegerin meinte, Mutter sieht heute so komisch aus!“ sagt sie.
„Mutter wird nämlich dreimal am Tag vom Pflegedienst versorgt!“ fügt das Ehegesponst hinzu.
„…und am Freitag Nachmittag, ist da eine neue Schwester gekommen. So eine ganz Junge. Die hat gesagt, sie macht sich Sorgen. Und da haben wir natürlich Angst gekriegt!“
Ich nicke den Beiden aufmunternd zu.
„Ja, und dann haben wir natürlich den Doktor angerufen. Aber da lief nur das Band. Wir haben es dann später nochmal versucht, aber da war die ganze Zeit über besetzt. Und am Abend war dann nur noch der Notdienst zuständig. Da haben wir dann angerufen und eine halbe Stunde später ist ein Doktor gekommen.“
„Aha, und der Notdienstdoktor hat sie dann zu uns eingewiesen?“ frage ich. Kenne wir doch. Klasische Geschichte.
„Also, der war wirklich nett. Der hat sie genau untersucht und sich lange mit uns unterhalten. Ich habe ihm gesagt, dass wir uns Sorgen machen. Da hat er dann endlich den Krankenwagen gerufen.“
„Das heißt, er wollte sie erst gar nicht einweisen?“
Die ergraute Tochter beantwortet meine Frage nicht.
„Also ich meine, Mutter hätte doch sterben können, oder was meinen Sie, Herr Doktor?“
Der Herr Doktor meint erstmal gar nichts.

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Written by medizynicus

1. Dezember 2011 at 08:25

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Drei Eier

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„Und was haben wir hier?“
Voller Schwung reiße ich nach kurzem Anklopfen die Tür zu Zimmer fünfzehn auf.
„Guten Morgen, die Damen!“
Keine Antwort.
„Da kannst Du lange warten!“ sagt Jenny leise und schiebt grinsend den Wagen mit den Patientenakten herein.
„Wen haben wir denn hier?“ frage ich und schlage die erste Akte auf.
„Frau Schröder,“ sagt Jenny und verdreht theatralisch die Augen, „ein faules Ei. Ganz klassisch, so wie es im Buche steht!“
Ich lege mahnend den Zeigefinger auf den Mund.
„Ist doch egal,“ seufzt Jenny kopfschüttelnd, „hört doch eh keiner!“
Ich schaue auf die Diagnosenliste: Demenz, Zustand nach mehreren Schlaganfällen, Vollpflegefall, bettlägerig, seit Jahren keine verbale Kommunikation mehr möglich. Dann trete ich ans Krankenbett.
„Guten Morgen, Frau Schröder!“ sage ich betont laut und deutlich und greife nach der Hand der Patientin. Die Hand ist schlaff, die Haut dünn wie Papier. Stehende Hautfalten, trockene Zunge. Flüssigkeitsmangel.
„Gib Dir keine Mühe!“ zischt Jenny hinter mir.
„Guten Morgen, Frau Schröder, hören Sie mich?“
Keine Reaktion.
„Was können wir für sie tun?“ frage ich leise, eher an mich selbst gewandt. Jenny zuckt mit den Schultern. Okay, sie könnte ein paar Infusionen gebrauchen. Kriegt sie schon. Ich schaue aufs Laborblatt. Kreatinin hoch. Wundert mich nicht. Kalium niedrig. Müssen wir substituieren. Aber wie?
„Kann sie trinken?“
Jenny sagt nichts. Ich trage Kalium-Brausetabletten in den Medikamentenplan ein und klappe die Krankenakte zu.
„Weiter im Text. Was ist mit den anderen beiden Damen?“
„Genau dasselbe!“ sagt Jenny und bemüht sich gar nicht mal, sonderlich leise zu sprechen, „Drei faule Eier auf einmal. Bingo. Volltreffer. Hauptgewinn!“

Written by medizynicus

23. November 2011 at 10:46

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