Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Wichtig mit drei Ausrufezeichen

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„Naaa?“
Kalle schaut mich mit breitgrinsender Verschwörermine an.
„Was Naa?“
Worauf will er denn jetzt schon wieder hinaus?
„Hast Du Post gekriegt?“
„Post? Von wem?“
„Von wem schon? Von der Verwaltung natürlich!“
Ach so! Meine Stimmung fällt auf annähernde Gefrierpunkttemperatur.
„Du meinst den Blauen Brief!“
Kalle nickt und grinst noch breiter. Seit einiger Zeit hat der Herr Verwaltungsdirektor jedem von uns ein hochoffizielles Schreiben zukommen lassen. Darin steht geschrieben, dass man sich im Rahmen des Qualitätsmanagements dazu entschlossen habe, dafür zu sorgen dass alle Arztbriefe zeitnahestens fergiggestellt werden müssen. Von daher wolle man alle Ärzte doch noch einmal darauf hinweisen, dass diese Angelegenheit von höchster Wichtigkeit sei. Der Verwaltungsdirektor habe gemeinsam mit allen wichtigen Bürokraten eine entsprechende Zielvereinbarung getroffen undsoweiter blablabla. Jedenfalls kriegen wir Ärzte seither in regelmässigen Abständen eine Liste, in welcher die noch ausstehenden Briefe angemahnt werden.
„Welcher ist länger? Deiner oder meiner?“ grinst Kalle.
Ich zucke mit den Schultern. Das einzige was ich weiß ist, dass Sarahs Liste mit Abstand die Kürzeste ist, die macht nämlich seither täglich unbezahlte Überstunden. Kalle hingegen greift zielsicher ins Postfach, zieht meine Mahnliste heraus und steckt sie gemeinsam mit seinem eigenen Zettel ungesehen in den Schredder.
„War doch okay so, oder?“ fragt er hinterher.
Ich nicke. Gemeinsam gehen wir nach oben auf die Station. Auf meinem Schreibtisch im Arztzimmer liegt eine Patientenakte. Darauf klebt ein gelber Post-It-Zettel:
„Wichtig!!!“ steht da in der Handschrift unserer Sekretärin, „Sofort diktieren!“
Kalle seufzt. Er knibbelt den Zettel herunter, zerknüllt ihn und schmeißt ihn in den Papierkorb. Dann nimmt er die Akte und wirft sie auf den beindruckend hohen Stapel in der Ecke.

Written by medizynicus

18. März 2011 at 20:05

Die Verwaltung an der Strippe

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Die Verwaltung ist am Telefon.
Irgendwie habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn die dran sind. Also, was wollen sie von mir? Fehlt die Steuerkarte?
Müssen sie mir bedauernswerterweise mitteilen, dass ich eine Gehaltskürzung in Kauf nehmen muss oder gleich die Kündigung?
„Es geht um Ihre Überstunden!“ sagt Frau Schuster.
„Ja?“
„Sie hatten einen Antrag auf Auszahlung gestellt…“
Nee, den Antrag hat der Chef gestellt. Jedenfalls hat der sich drum kümmern wollen, dass wir unser Geld kriegen.
Aber ist ja auch egal. Hauptsache, die Sache geht durch!
„Ja?“
„Leider können wir Ihrem Antrag nicht stattgeben!“
„Warum nicht?“
„Die angespannte finanzielle Lage unseres Hauses läßt es momentan nicht zu. Außerdem steht in Ihrem Arbeitsvertrag…“
„Das weiß ich, Frau Schuster. Aber unser Chef hat Ihnen doch mitgeteilt, dass der Freizeitausgleich bei unserer dünnen Personaldecke organisatorisch nicht durchzuführen ist?“
Am anderen Ende der Leitung bleibt es still.
Dann ein Räuspern.
„Sie bestehen also darauf, den Freizeitausgleich in Anspruch zu nehmen?“
„Aber ja… ich meine… es steht mir doch wohl zu, oder?“
„Nun, einige Ihrer Kollegen haben mit Rücksicht auf das Wohlergehen der Patienten verzichtet…“
„Entschuldigen Sie, aber die Patienten brauchen wache, ausgeschlafene Ärzte!“
Erneutes Räuspern.
„Wann möchten Sie denn Ihren Freizeitausgleich nehmen?“
Ist die Frage ernst gemeint?
Jetzt bin ich eine Sekunde lang baff.
„Ähem… wann… wann würde es denn gehen?“
„Am besten, Sie bauen Ihre Überstunden so schnell wie möglich ab. Nächste Woche?“
„Nächste Woche… da ist aber schon eine Kollegin in Urlaub!“
„Das macht nichts. Dann sage ich Ihrem Chef, dass die Abteilung die Woche lang ohne Sie beide auskommen muss. Also nächste Woche. Ich trage das dann ein!“
„Ähem… aber das geht wirklich nicht…“
„Machen Sie sich keine Sorgen! Wenn wir das so bestimmen, dann geht das klar. Also, einen schönen Urlaub wünsche ich Ihnen!“
Tja.
Und jetzt habe ich also nächste Woche frei und keine Ahnung, was man mit der freien Zeit anfangen könnte….

Written by medizynicus

3. Februar 2010 at 07:49