Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

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Wie man einen Illegalen verarztet (Teil 4 und Happy End)

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Am nächsten Tag ging es Quasim schon deutlich besser. Und weitere vierundzwanzig Stunden später gab Thomas uns das Okay: Das Fieber war runter, Infusionen waren nicht mehr unbedingt notwendig und die Antibiotika konnten nun auch in Tablettenform eingenommen werden.
Kurz darauf verschwand der Patient namens Mustafa still und heimlich von der Station, noch bevor die Verwaltung von der Sache Wind bekommen hatte.
Quasim kurierte sich von nun an in unserer WG weiter aus. Thomas kam zweimal täglich zur Visite vorbei. Auch Annette ließ sich hin und wieder blicken. Sie hatte Kontakt zu einem Juristen aufgenommen, der ihr irgendwann mal seine Telefonnummer gegeben hatte. Der Typ war Mitglied einer schlagenden Studentenverbindung, aber weil Annette ihm gründlich den Kopf verdreht hatte, ließ er sich bereitwillig für unsere Sache einspannen. Die Kreativität, mit welcher er die abgefahrensten juristischen Winkelzüge entdeckte um Quasims Aufenthaltsstatus zu legalisieren, war faszinierend. Dabei scheute er sich auch nicht, seine schlagenden Juristen-Kumpels einzuspannen.
Trotzdem mochte ich ihn nicht.
Nach drei Tagen war Quasim wieder fit genug, dass er auf dem Balkon eine Zigarette rauchen konnte. Etwas später haben wir in der Küche ein Bier zusammen getrunken und weil wir in der Wohnung gerade ein Zimmer frei hatten konnte er auch noch eine Weile bei uns bleiben.
Quasim war ein netter Kerl.
Er war übrigens kein Widerstandskämpfer oder so. In einer Vorstadt von Teheran hatte er einen kleinen Laden, wo man unter dem Ladentisch auch mal eine Flasche Whiskey kaufen konnte, oder verbotene Videos. Nichts Schlimmes: hauptsächlich Holywood-Schinken aus den achtziger Jahren, „Ramboo“ und „Dirty Dancing“ gehörten zu den Favoriten.
Quasims Bruder hatte die heiße Ware besorgt. Als dieser einmal die notwendige Schmiergeldzahlung vergaß, wurde er verhaftet. Dummerweise zu einem Zeitpunkt, als irgendein Regierungsmensch gerade meinte, mal wieder den starken Mann spielen und hart durchgreifen zu müssen.
Was das im Iran heißen kann, ist allgemein bekannt.
Quasim hatte Angst bekommen und – mit Hilfe von Kontakten zu Freunden von Freunden seines Bruders – das Land verlassen.
Jahre später hat er übrigens eine deutsche Frau geheiratet.
Nein, nicht Annette: die war irgendwann mit dem Schläger-Juristen zusammen. Was aus den beiden geworden ist, weiß ich nicht, ich habe sie längst aus den Augen verloren und hoffe, sie sind geschieden.
Quasim wohnt immer noch in der Uni-Stadt und hat dort inzwischen einen kleinen Handy-Laden. Ab und zu schaue ich bei ihm vorbei, wenn ich in der Gegend bin.

Written by medizynicus

28. November 2009 at 00:42

Wie man einen Illegalen verarztet (Teil 3)

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Schweigend fuhren wir durch die nächtliche Stadt.
Es war uns ein wenig peinlich, dass wir Attila und Ayse aus dem Bett klingeln mussten, aber nachdem wir den beiden den Ernst der Lage erklärt hatten, spielten sie mit Feuereifer mit.
Thomas war schonmal vorausgefahren in die Uni-Klinik.Um dem diensthabenden Arzt seine nächtliche Anwesenheit zu erklären, tischte er ihm irgendeine Geschichte auf: Ich glaube, es hatte mit der Doktorarbeit zu tun. Sehr überzeugend war das zwar nicht, aber es erfüllte seinen Zweck.
Gegen ein Uhr trudelten wir ein.
Mr. Pferdeschwanz und ich warteten im Auto, während Attila und Ayse ihren neuen Cousin in die Mitte nahmen und in Richtung internistische Notaufnahme stapften. Die beiden hatten sich hübsch verkleidet:
Ayse mit Kopftuch und Kittelschürze und Attila in schlechtsitzenden Anzug, abgeschabtem Wollpullover und Mütze.
Dass Mustafa alias Quassim kein Wort türkisch sprach fiel niemandem auf. Wäre er in Begleitung von drei deutschen Studenten ohne Migrationshintergrund im Krankenhaus aufgelaufen, dann hätten wir uns wahrscheinlich auf misstrauische Blicke und unbequeme Fragen gefasst machen müssen, so aber lief alles nach Plan:
Die Show von Attila und Ayse war bühnenreif: mit „viel krank, viel Fieber, Doktor, bitte helfen!“ und zugehöriger Gestik taten sie ihr bestes, um jedes Klischee nach Kräften zu erfüllen.
Thomas sorgte dafür, daß Quassim schnellstmöglich geröntgt wurde. Es war tatsächlich eine Lungenentzündung. Thomas nahm Blut ab und hängte Infusionen an.
Später sorgte er dafür, dass der Zettel mit den Patientendaten auf dem Weg zur Abrechnungsstelle der Verwaltung verloren ging.

Written by medizynicus

27. November 2009 at 00:26

Wie man einen Illegalen verarztet (Teil 2)

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Wir verfrachteten Quasim in den altersschwachen Opel und brachten ihn in unsere WG.
Meine Mitbewohnerin versorgte ihn mit Kamillentee während ich hektisch in der Gegend hektisch telefonierte.
Meine Rettung war Thomas.
Thomas war ein paar Semester über mir und schon im PJ. Auf Station sprachen die Patienten ihn manchmal mit „Herr Doktor“ an. Kurz nach Mitternacht war er bei uns.
Er schaute in Quasims Hals, horchte die Brust ab und machte ein ernstes Gesicht.
Anschließend hielten wir in unserer Küche Kriegsrat.
„Könnte eine Lungenentzündung sein!“
„Und was machen wir jetzt?“
„Wir sollten ein Röntgenbild machen und Blut abnehmen…“
Mr. Pferdeschwanz schüttelte den Kopf.
„Geht leider nicht!“
Mit knappen Worten erklärte er die Situation.
Thomas seufzte.
„Dann müssen wir ihn halt so behandeln. Er braucht ein Antibiotikum!“
„Woher bekommen wir das?“
„Aus der Apotheke. Aber wir brauchen ein Rezept.“
„Würden sie Dir das nicht auch notfalls ohne Rezept herausrücken?“
„Wenn ich einen Arztausweis hätte, dann schon. Aber ich bin ja noch Student.“
„Kannst du nicht aus dem Krankenhaus etwas mitbringen?“
Thomas wurde rot.
„Die Medikamente sind in einem verschlossenen Schrank!“
„Und Du könntest nicht…?“
Mr. Pferdeschwanz machte die Bewegung des Klauens.
„Zumindest nicht vor morgen früh!“
„Könnte ich nicht mit meiner Krankenkassenkarte zum Arzt gehen?“ fragte Annette.
Thomas schüttelte den Kopf.
„Du bist doch nicht krank!“
„Wenn ich sage, ich brauche ein Rezept für meine Oma?“
„Dann will der Arzt Deine Oma sehen! Alles Andere wäre Betrug. Dann wäre es besser, den Arzt einzuweihen und mit offenen Karten zu spielen.“
Mr. Pferdeschwanz und Annette schüttelten beide den Kopf.
„Irgendwas müssen wir tun,“ sagte ich, „Ich habe eine Idee…“
Und wenig später saßen wir wieder alle gemeinsam in dem altersschwachen Opel.

  • Anfang der Geschichte
  • Fortsetzung
  • Written by medizynicus

    26. November 2009 at 00:22

    Schon wieder Abmahnterror

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    1890 Euro löhnen, nur weil man höflich um Erlaubnis gefragt hat?
    Nun kommt die Sache in diesem Falle nicht von irgendeinem windigen Hinterhofanwalt, welcher auf eigene Rechnung abzockt, äh, arbeitet, nein, der Herr Rechtsverdreher wurde von der Stadtverwaltung, also der Exekutive unserer gewählten Vertreter ins Rennen geschickt.
    Ein Blogger will eine Domain verwenden, welche dem Namen einer Stadt ähnelt und fragt vorher bei der Stadt an, ob er das darf. Die Stadt antwortet erstmal nicht. Und dann schwingt sie gleich ohne Vorwarnung die juristische Holzhammerkeule.
    Ich bin kein Jurist. Juristisch mag dieses Vorgehen vielleicht sogar rechtens sein, aber ethisch und moralisch gesehen ist es falsch.
    Da kann einem schon die Hutschnur hochgehen.
    Kein Wunder, dass da manch einer jeden Respekt vor diesem Staat und seinen Institutionen verliert. Was ich nicht gut finde. Aber Zivilcourage finde ich gut.
    Also, wie wäre es mit einer kleinen Unterstützer-Aktion?
    Hat wer eine Idee?

    Written by medizynicus

    25. November 2009 at 16:00

    Hilfe für einen Illegalen

    with 7 comments

    Es ist schon eine Weile her. Medizynicus war damals noch Student, im achten oder neunten Semester und unsterblich in Annette verliebt.
    Annette war eine Klassefrau, sie sah ein wenig aus wie Mia, die durchgeknallte Gansterbraut aus Pulp Fiction und ebenso wie diese stand sie ständig unter Strom. Sie war auf jeder Demo zu finden und außerdem Mitglied im Studentenparlament, im Frauen-und-Lesben-Referat (als heterosexuelle Quotenfrau) und im Ausländerreferat AusländerINNENreferat.
    Und dann war da noch der Arbeitskreis für Asyl- und Flüchtlingspolitik. Da war sie auch drin.
    Eines schönen Abends klingelte in Medizynicus‘ WG das Telefon (O doch, Handys gab’s damals schon, aber ein normalsterblicher Student konnte sich sowas nicht leisten!).
    Annette war dran.
    „Sag mal, Du bist doch Mediziner…“
    Medizynicus wurde ein wenig rot. Wie gut, dass Annette das nicht sehen konnte. Sie selbst studierte Germanistik und noch irgendwas, aber ich glaube kaum, dass sie viel Gelegenheit zum Studieren hatte in diesen Tagen.
    „…Du kannst uns helfen, wenn Du magst!“ flötete Annette weiter.
    „Selbstverständlich. Worum geht’s denn?“
    Annette druckste ein wenig herum.
    „Ich weiß nicht, ob das Telefon abgehört wird. Treffen wir uns in zehn Minuten am Parkplatz vor der Mensa!“
    Medizynicus schwang sich aufs Fahrrad. Es war vielleicht zehn Uhr abends und der Uni-Campus war menschenleer.
    Nach einer Weile erschien ein klappriger Opel älteren Baujahres.
    Annette riss die Tür auf.
    „Steig ein!“
    „Wo fahren wir denn hin?“
    „Sag ich Dir gleich!“
    Drinnen roch es würzig-aromatisch nach einer Kräutermischung, die überwiegend aus Canabis Inidica bestand. Ein langhaariger Typ saß am Steuer, ein zweiter Typ mit Pferdeschwanz am Beifahrersitz und Annette neben mir auf der Rückbank. Aus den Boxen wummerten Raeggae-Rhythmen.
    „Willst Du mir jetzt sagen, worum es geht?“
    „Ein paar Minuten noch!“
    Die Gegend, in der wir dann ausstiegen erinnerte ein wenig an die Bronx: Schlaglöcher im Asphalt, Gründerzeit-Wohnhäuser mit zerbröckelnden Fassaden und an einer davon hing ein großes Transparent: „Dieses Haus ist besetzt!“.
    Wir betraten eine Küche und Annette tuschelte kurz mit einem der Bewohner. Dann ging es wieder ins Treppenhaus und bewaffnet mit Taschenlampen hinunter in den Keller. Durch ein unbeleuchtetes Labyrinth aus Kisten, Chaos und Sperrmüll gelangten wir schließlich in Kabuff, aus welchem uns eine Zigarettenqualmwolke entgegenschlug.
    In einer Ecke stand ein Fernseher. Wundersamerweise war er eingeschaltet und stellte die einzige Lichtquelle des Raumes dar. Es lief ein Programm in einer mir unverständlichen Sprache.
    Dem Fernseher gegenüber war ein Sofa.
    Darauf lag, in mehrere Decken gewickelt ein Mensch.
    Er hatte kurzes, dunkles Haar, war unrasiert und sein Alter war schwer zu schätzen. Auf dem Boden vor ihm standen ein ziemlich voller Aschenbecher, eine Wasserflasche und ein Glas.
    „Das ist Quasim!“ sagte Annette.
    Ich lächelte und streckte dem Fremden meine Hand hin.
    „Hallo Quasim!“
    Der Fremde lächelte verlegen zurück und drückte meine Hand.
    Und dann hustete er. Ein gigantischer Hustenanfall, wie ich ihn selten erlebt habe.
    „Quasim ist krank.“ sagte Annette.
    „Er braucht einen Arzt!“ meinte ich.
    Annette lächelte.
    „Bingo. Deswegen bist Du hier.“
    Ich erschrak.
    „Warum bringt Ihr ihn nicht zu einem richtigen Arzt? Ich meine… er sieht wirklich nicht gesund aus…“
    Mr. Pferdeschwanz schüttelte den Kopf.
    „Quasim ist nicht versichert,“ erklärte er, „und abgesehen davon wird er von der Polizei gesucht.“
    Ich zuckte abermals zusammen.
    „Das heißt, Ihr versteckt ihn vor der Polizei?“
    „Quasim kommt aus dem Iran. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Seine Abschiebung ist für nächste Woche geplant.“
    „Aber…“
    „Quasims Bruder wurde letztes Jahr hingerichtet. Quasim hat Angst, verstehst Du?“
    Ich wurde blass.
    „Und wenn die Sache rauskommt? Ich meine, wenn sie ihn erwischen und Euch?“
    Annette legte eine Hand auf meine Schulter.
    „Weißt Du, das nennt sich Zivilcourage!“

    Written by medizynicus

    25. November 2009 at 00:34

    Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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