Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Bewerbungsgespräch in Bad Dingenskirchen

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Das Krankenhaus ist ein hässlicher Betonklotz und liegt gleich ein paar hundert Meter weiter.
Ich nehme meinen Mut zusammen und atme einmal tief durch.
Eine gläserne Schiebetür öffnet sich automatisch vor mir.
Ich trete ein.
Billiger Kunststeinfußboden, darauf ein paar Kunstledersitzbänke und Grünpflanzencontainer. Rechts das Treppenhaus, links die Pförtnerkabine.
„Chirurgie? Immer der roten Linie nach!“
Da ist tatsächlich eine rote Linie auf den Boden gemalt, wie eine Blutspur.
Die Blutspur führt durch düstere Korridore, um mehrere Ecken herum und endet in der Notaufnahme.
„Zum Chef wollen Sie? Nehmen sie einen Moment im Wartezimmer Platz!“
Die Schwester drückt mir eine pinkfarbene Wartenummer in die Hand.
„Moment mal, ich glaube, könnte es vielleicht sein, dass Sie mich missverstehen? Ich bin nämlich gar kein Patient…“
„Aber Sie wollen doch zum Chef, oder?“
Ich nicke.
„Also nehmen Sie schon Platz!“
Im Wartezimmer stehen mehrere Reihen verwüstungsresistenter Plastiksessel, dazwischen niedrige Tischchen mit zerfledderten Zeitschriften darauf. In dem Sessel rechts von mir schläft ein unrasierter und offensichtlich schwerstalkoholisierter Obdachloser seinen Rausch aus, ihm zur Seite sitzt eine alte Frau mit Gipsverband. Ein paar andere Gestalten sind angestrengt damit beschäftigt, schweigend aneinander vorbei zu schauen.
Ich setze mich neben den Alkoholiker und schließe die Augen. Ganz ruhig bleiben, nur nicht nervös werden. Wie viele Gründe gibt es, die nächsten Jahre meines Lebens ausgerechnet hier zu fristen? Es tut mir schrecklich leid, aber mir fallen keine ein.
Alle paar Minuten bellt eine krächzende Lautsprecherstimme und dann steht eine von den Gestalten neben mir auf.
„Nummer siebenundzwanzig in Zimmer eins bitte!“
Das bin ja ich!
Zaghaft klopfe ich an.
Zimmer eins enthält eine Untersuchungsliege, einen Schreibtisch und einen Ledersessel. Darauf sitzt der Chef. Der Chef sieht aus, wie man sich einen Chef vorstellt: Ende fünfzig, Übergewicht, schütteres graues Haar und Nickelbrille.
„Setzen Sie sich!“
Zwischen Schreibtisch und Untersuchungsliege steht ein wackeliger Schemel.
„Habe mir Ihre Unterlagen angeschaut. Ja, ich brauche einen neuen Mann. Die Stelle ist schon seit zwei Monaten frei…“
Er kramt in dem Papierstapel auf seinem Schreibtisch, schüttelt den Kopf, schaut mich an.
„Schießen Sie los: was können Sie?“
Ich druckse herum.
Er ist nicht überzeugt.
„Können Sie hart arbeiten?“
Er bemerkt mein Zögern.
„Hören Sie: Ich brauche wen, der zupackt! Wir sind ein kleines Haus und jeder neue Mann wird von Anfang an voll eingespannt. Zu tun gibt es genug. Wenn Sie keine Angst davor haben, hart zu arbeiten, dann können Sie bei mir anfangen!“
Er schaut mich scharf an.
„Und noch etwas: Bei uns schaut keiner auf die Uhr. Überstunden werden grundsätzlich nicht bezahlt. Verstanden?“
Ich weiche seinem Blick aus.
„Wenn Ihnen das nicht gefällt, dann sind Sie für diesen Job nicht geeignet!“

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Written by medizynicus

1. August 2007 um 16:45

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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