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Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for the ‘Alltagswahnsinn’ Category

Dingeldings im Einzelhandel

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Ich brauche ein neues Dingsda. Also, so ein Dingelding. Genaugenommen ein Ding-Dong-Dingelding.
Das gibt‘s im Elektromarkt, der befindet sich am Rande der Stadt, im Gewerbegebiet an der Autobahn. Mit dem Auto wäre ich in zehn Minuten da, aber heut grad scheint die Sonne, am Samstag vor Ostern und ich mag nicht mit dem Auto ins Gewerbegebiet, denn da gibt‘s natürlich nicht nur den Elektromarkt, sondern auch den Baumarkt, eine Reihe von Autohäusern, Matratzen- Sport- und Klamottenläden und vor allem das Riesen-riesengroße Einkaufszentrum, wo man Pommes für Einssechzig kriegt. Heute ist da mit Sicherheit die Hölle los und in die Hölle mag ich nicht, noch nicht.
Also lieber ganz gemütlich in die Stadt. Mein Dong-Dong Dingelding müsste ich ja auch bei Elektro-Krämer kriegen, der haust in einer engen Gasse ganz versteckt in einem uralt-verwinkeltem Häuschen, was vermutlich denkmalgeschützt wäre, hätte man es nicht in den Sechzigerjahren mit hässlichen Eternitplatten zugepflastert, aber so ist es ja viel praktischer, vor allem weil das Denkmalschutzamt nichts davon weiß.
Durch die schmale Tür betrete ich das winzige Ladenlokal. Links und rechts stehen Lampenschirme, Stehlampen, Waschmaschinen, Kühlschränke und Fernseher. Über mir bimmelt eine altmodische Glocke und hinter dem Tresen steht Krämer Senior und würdigt mich keines Blickes. Stattdessen weist er eine rüstige Rentnerin in die Geheimnisse ihres neuen Staubsaugers ein, der aber noch nicht ihr gehört, denn sie weiß noch nicht, ob sich der Aufpreis von achtundzwanzig Euro für den Wuschel-Wumm wirklich lohnt.
„Einen Staubsauger ohne Wuschel-Wumm können Sie vergessen,“ sagt Elektro-Krämer Senior und schüttelt den Kopf, „wenn Sie sparen wollen, gehen Sie doch in den Elektromarkt bei der Autobahn, ich verkaufe nur beste Qualität und die hat ihren Preis!“
Die Rentnerin ist dennoch nicht überzeugt.
In einem Regal an der Wand befinden sich ein Dutzend Dingdong-Dingeldings, schön nach Farbe und Größe sortiert, allerdings ohne Preisschilder und zwischen dem Regal und mir befinden sich der Tresen und Herr Krämer Senior, der mit der Rentnerin noch lange nicht fertig ist.
Ein weiterer Kunde kommt herein, stellt sich brav hinter mich an, wartet, schaut auf die Uhr und geht wieder. Elektro-Krämer hat ihn keines Blickes gewürdigt. Mich übrigens auch nicht.
Nun will ich ja nicht unhöflich sein, aber…
„Entschuldigung…,“ frage ich vorsichtig, und die rüstige Rentnerin lächelt mir zu.
„Ach, lassen Sie den jungen Mann doch vor!“, sagt sie zu Elektro-Krämer.
Krämer Senior blickt finster schweigend in meine Richtung.
Ich betrachte das mal als Aufforderung und trage mein Begehren vor.
„Nur ganz schnell ein Dingdong-Dingelding,“ sage ich und deute auf das Regal an der Wand, „in zwei Minuten bin ich wieder draußen!“
„Wir haben Kleine, Mittlere und Große, in blau, rot oder grün, hochwertig oder Spitzenqualität.“, erklärt Krämer.
„Ach, geben Sie mir doch einfach das Günstigste, was Sie haben“, sage ich und lege einen Zehneuroschein auf den Tresen.
Krämer schüttelt den Kopf.
„Neunundzwanzig Euro neunzig!“
Was?
Okay, ich will hier keine Szene machen, immerhin hat er mich tadellos beraten und gut bedient und natürlich ist es hier ein bisschen teurer als im großen Elektromarkt an der Autobahn, aber irgendwie kommt mir das Ganze doch spanisch vor.
Ich zahle, verdrücke mich und eine halbe Stunde später bin ich im Gewerbegebiet an der Autobahn. Der Elektromarkt ist gar nicht so voll wie befürchtet. Und ich finde eine ganze Wand voller Ding-Dong Dingeldingern in allen Größen und Farben, auch violett, rosa und türkis, und keines davon kostet mehr als fünfzehn Euro, auch in Spitzen- und Megaqualität.
Und wo ich gerade hier bin, schaue ich mich auch nach Staubsaugern um, natürlich nicht ohne Wuschel-Wumm, da haben sie nämlich gleich ein Angebot, greif ich doch zu, wo ich schonmal hier bin. Schlechtes Gewissen?
Nö. Den Einzelhandel in der Innenstadt habe ich heute ja schon genug unterstützt.

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Written by medizynicus

20. April 2019 at 14:47

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Mein Einsatz… für mich… für euch… für alle?

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Die Kolleginnen und Kollegen vom Twankenhaus berichten gerade reihum unter dem Hashtag #MeinEinsatzFürDich über das, was sie tun und warum sie es tun. Hier also mein Beitrag:

Ich bin Arzt. Ich arbeite in einem Krankenhaus in einer kleinen Stadt. Mein Beruf ist ein Job wie jeder andere auch, genauso wichtig wie der Job der Pflegenden, der Physiotherapeuten, der Service-Kräfte, der Sekretärinnen und Verwaltungsangestellten in unserem Haus. Ich bin kein Held. Ich tu, was ich gelernt habe und ich tu es, weil ich damit meinen Lebensunterhalt verdiene und es eine schöne und sinnvolle Tätigkeit ist die dem Ziel dient, dass es unseren Patienten nachher besser geht als vorher. Das erreichen wir manchmal, aber nicht immer. Einen großen Teil meiner Zeit verbringe ich am Schreibtisch mit Verwaltungs- und Dokumentationsaufgaben. Immer wieder verbringe ich auch Zeit damit, meinen Patienten und deren Angehörigen die Grenzen dessen zu erklären, was wir erreichen können. Unser Gesundheitssystem ist eines der Teuersten weltweit und im weltweiten Vergleich sind die Leistungen wirklich nicht schlecht. Aber wir sind Ärzte, Pflegekräfte und Therapeuten – keine Magier. Wer gesund werden oder bleiben will, kann die Verantwortung dafür nicht an der Krankenhauspforte oder am Empfang der Arztpraxis abgeben. Unser Gesundheitssystem setzt hier nicht immer die richtigen Anreize.

Written by medizynicus

31. März 2019 at 20:43

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Warum ich kein Chirurg bin – und verstehen kann, warum niemand Chirurg werden will

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Okay, ich übertreibe wieder mal. „Niemand“ ist übertrieben. Es gibt ja nette Chirurgen. Im realen Leben kenne ich da Einige, und auch im Netz gibt es den einen oder Anderen… darunter sogar Kolleginnen, die es schaffen, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren. Offenbar geht das. Zumindest manchmal. Aber eben leider nicht immer.
Die Chirurgenwelpin twittert in diesen Tagen heftig von einem Kongress in München, der heute oder Morgen zu Ende geht.
Dort hat sich ein Oberchirurg zu Wort gemeldet und verkündet, dass die Branche Probleme hat, Nachwuchs zu finden.
Wen wundert’s?
Sterben die Chirurgen also aus? Das wäre schade! Chirurgen kommen sich wichtig vor und – ja, sie sind wirklich genauso wichtig wie Internisten, Hausärzte und Kollegen anderer Disziplinen. Und eigentlich ist Chirurgie ein schönes Fach. Chirurgie kann richtig Spaß machen… wenn nur die Chirurgen nicht wären… damit meine ich jene Arr von älteren Kollegen, die sich seinerzeit einen Dreck um ihren Nachwuchs gekümmert haben. Aber sterben die nicht aus?
Ich komme vom Thema ab. Ich wollte erzählen, warum ich kein Chirurg geworden bin.
Das Problem ist etwas komplizierter, man kann es nicht nur Oberarzt Biestig in die Schuhe schieben…
…to be continued…

Written by medizynicus

28. März 2019 at 05:14

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Keine fiesen Krankheiten mehr für fiese Ärzte

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Wer berühmt wird, bekommt ein Denkmal. Vielleicht bekommt man auch seine eigene Straße, einen Park, eine Schule oder – wenn man so richtig viel berühmt wird – sogar einen Flughafen geschenkt, wohl gemerkt, erst wenn man tot ist. Für einen Flughafen sollte man dann schon so richtig in der ersten Liga gespielt haben, also die Geschicke eines Staates gelenkt oder richtig tolle kulturelle Leistungen vollbracht haben.
Als Arzt kriegt man höchstens Krankheiten.
Also so richtig private Krankheiten, denen man seinen eigenen privaten Namen leihen darf. Das können ziemlich fiese Krankheiten sein und deshalb würde ich mich im Grabe umdrehen, wenn irgendwer auf die Idee kommen sollte, eine Krankheit nach mir zu benennen.
Nun ist Krankheiten-nach-toten-Ärzten-Benennen ein bisschen aus der Mode gekommen. Zum Glück, muss man sagen. Denn es sind ein paar ziemlich fiese Fieslinge dabei. Nicht nur bei den Krankheiten, die sind fast immer fies, sondern auch bei den Namensgebern: Die granulomatöse Polyangiitis zum Beispiel war einmal nach Friedrich Wegener benannt.
Das war ein deutscher Pathologe und überzeugter Nationalsozialist der ersten Stunde: schon seit 1932 bei der SA und seit 1933 Mitglied der NSDAP. Ob er wirklich mit Menschenversuchen an KZ-Häftlingen zu tun hatte, ist unklar und lässt sich nicht mehr beweisen (und damit gilt für ihn die Unschuldsvermutung). Gut dokumentiert ist hingegen, dass er unter den Nazis eine steile Karriere hinlegte und mit dem System ganz gut zurecht gekommen ist. Aus diesem Grund hat man ihm seine Krankheit wieder weggenommen, die Wegener-Granulomatose gibt’s jetzt nicht mehr, zumindest nicht mehr unter dem Namen.
Das Asperger-Syndrom hingegen heißt immer noch so. Hans Asperger war ein Kinderarzt, der sich seit 1932 als Leiter der heilpädagogische Abteilung der Kinderklinik der Universität Wien rührend um seine kleinen Patienten kümmerte und ihnen hin und wieder Geschichten vorlas. Möglicherweise schickte er manche von ihnen in den Tod: Nach dem „Anschluss‟ Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland soll er mittelbar am Kinder-Euthanasieprogramm beteiligt gewesen sein und verhaltensauffällige junge Patienten in die „Euthanasie“-Anstalt „Am Spiegelgrund“ überwiesen haben, auch wenn er wahrscheinlich selbst niemals todbringenden Medikamente verabreicht hat.
Als gläubiger Katholik war er zwar vermutlich kein überzeugter Nazi, aber hat wohl getan, was man von ihm erwartet hat. Jetzt ist er weiterhin Namensgeber eines Krankheitsbildes, zu dem unter anderem mangelndes Einfühlungsvermögen und Unverständnis für zwischenmenschliche Gefühle gehören.
Nun ja.

Written by medizynicus

18. März 2019 at 05:14

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Wir wollten doch mal die Welt verändern…

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…wollten wir mal. Uns dafür einsetzen, dass alles besser wird: die Menschheit, die Welt, das große Drumherum, eigentlich alles und so. Darum bin ich Arzt geworden. Leben retten, Menschen helfen, S-Bahn-fahren, sich ganz toll dabei vorkommen, also beim Leben retten, meine ich jetzt. Das war mal. Ganz toll komme ich mir schon lange nicht mehr vor. Leben retten tut man zwar hin und wieder und man kann sich auch einbilden, dass man den Menschen, die man da tagtäglich behandelt alles in allem vielleicht wirklich ein bisschen hilft, also ein ganz kleines bisschen, vielleicht, aber die Welt habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht großartig verändert.
Dazu habe ich schlicht und einfach keine Zeit.
Andere Leute schaffen das: sie ziehen nebenbei noch drei Kinder groß, bauen ein Haus, zahlen die Hypothek ab, gehen mit dem Hund gassi, schreiben einen Bestseller, lassen sich in den Stadtrat, Gemeinderat, Ärztekammervorstand wählen, kümmern sich nebenbei um Flüchtlinge und Obdachlose und, ganz vergessen, haben einen Vollzeitjob in der Klinik mit Diensten ohne Ende.
Geht das?
Manchmal schon.
Manchmal auch nicht. Wenn man Kinder hat und Dienste schrubbt, muss man sehen, wo man bleibt: Kollegin X. Ist schon wieder kind-krank! Und wer übernimmt den Dienst heute Nacht? Ich hatte ja eigentlich was vor heute Abend, aber irgendwer muss ja…
Also muss das Welt-Verändern noch ein bisschen warten. Geht heute leider nicht. Und morgen auch nicht. Übermorgen auch nicht. Und danach hab ich schon wieder Dienst…
Ist dieser Job eigentlich noch mit dem Leben vereinbar? Mit dem eigenen, meine ich jetzt?
Okay, das war böse… ist ja früher auch gegangen, da hat man noch viel mehr geschuftet, behaupten diejenigen, die damals schon dabei waren, vor 20, 30 oder 50 Jahren oder so.
Jammern wir nicht auf hohem Niveau?

Written by medizynicus

12. März 2019 at 06:51

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Krankenschein To Go

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Das Leben ist einfacher geworden! Was früher kompliziert war und mehrere Stunden Lebenszeit in Anspruch genommen hat, lässt sich heutzutage in wenigen Klicks erledigen.
Zum Beispiel die Krankschreibung.
Also: Da liegt man mit knapp vierzig Grad Fieber im Bett, hustet und röchelt sich einen ab und arbeiten… das geht heute nun wirklich nicht. Einfach mal liegen bleiben, auskurieren und morgen oder übermorgen sieht die Sache vielleicht schon ganz anders aus. Brav stellt man sich den Wecker, greift morgens drei Minuten nach acht zum Telefon, ruft in der Firma an, Personalabteilung bitte… ach… tatsächlich? So ein Scheiß denkt man sich, während man das Handy wütend in die Ecke knallt (vor dreißig Jahren hätte man „den Hörer wütend auf die Gabel geknallt‟, aber heutzutage weiß ja kaum noch jemand, dass es mal Telefone mit Gabeln gab).
Seufzend quält man sich aus dem Bett, hustet noch ein bisschen, sammelt das Telefon wieder ein, googelt die Nummer seines Hausarztes – sofern man überhaupt einen hat, andernfalls muss man erstmal googeln, wo sich in der Nähe des Wohnsitzes überhaupt eine Hausarztpraxis befindet. Wenn man mit dem googeln fertig ist, wählt man dann mit zittrigen Fingern eine Nummer, drückt fluchend auf Wiederwahl – denn mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist die Nummer besetzt – also wählt man nochmal und nochmal und nochmal und wenn man dann irgendwann durchkommt, landet man natürlich zunächst in der Warteschleife bis dann endlich eine genervt klingende weibliche Stimme antwortet:
„Praxis Doktor…‟
„Morgen, Ich brauch‘ n Termin!‟
„Sind Sie Patient bei uns?‟
„Bisher nicht, aber…‟
„Tut mir leid, wir nehmen leider keine neuen Patienten an…‟
„Wirklich nicht?‟
„Mal sehen….. übernächsten Freitag, vierzehnuhrdreißig?‟
„Äh…. vielleicht lieber heute?‟
„Isses ein Notfall?‟
Noch ein überzeugender Huster, dann erhält man die huldvolle Erlaubnis, jetzt aber bitte sofort in die Praxis zu kommen und viel Zeit mitzubringen, weil Montagmorgen, Sie wissen schon!
Weiter hustend und fröstelnd wuchtet man seinen Körper mühsam in die Horizontale, an Klo und Dusche vorbei zur Wohnungstür – Kaffee muss heute ausfallen, Kamillentee auch, keine Zeit – und schleppt sich in die Praxis.
Nach eineinhalb Stunden Wartezeit dann endlich der erlösende Weißkittelkontakt: kurz auf die Lunge gehört, Zunge rausstrecken und „Aaaaaaa!‟-sagen, dreißig Sekunden bis zum Urteil: „Is’n Virus! Gehensemal zurück ins Bett und kurieren sich aus!‟
Danke, Herr Doktor, wär ich echt nicht selbst drauf gekommen, aber hier ist nicht der Ort für Sarkasmus, also schnell her mit dem Krankenschein…
„Hättense doch erst am dritten Tag…‟
Nein, mein Arbeitgeber verlangt ihn schon am ersten Tag. Ist so, darf er, darf er wirklich, brauchense gar nicht so den Kopf zu schütteln, Herr Doktor, ach, können Sie mir nicht gleich eine ganze Woche geben, damit ich mich wirklich auskurieren kann?
Jetzt noch zur Post, Briefmarke und Briefumschlag kaufen um das wertvolle Dokument dann gleich auf den Weg zu schicken, damit man keine Abmahnung riskiert…

Das war gestern!

Heute braucht man das Bett erst gar nicht zu verlassen: Man googelt ein bisschen herum und kriegt den begehrten gelben Schein dann per WhatsApp. Ganz ohne Arztbesuch, aber legal: ein schlauer Jurist hat eine Gesetzeslücke gefunden und flugs ausgenutzt zu einer Geschäftsidee. Schön ist das nicht. Warum ist der Hausarzt hier im Ort eigentlich noch nicht auf die Idee gekommen?

Written by medizynicus

4. Februar 2019 at 05:37

Recht auf Abzocke

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„Sie müssen was tun!‟, schallt es flehentlich aus dem Telefon.
Ja, mit wem spreche ich denn überhaupt?
„Binswanger hier, meine Mutter liegt gerade auf Ihrer Station und das geht so nicht weiter, Herr Doktor, da müssen Sie unbedingt was tun!‟
Und was genau soll ich tun?
„Ja, das muss aufhören, Herr Doktor, unbedingt! Machen Sie Ihren Einfluss geltend. Sagen Sie ihr, dass damit Schluss sein muss, unbedingt, sofort, oder es passiert noch eine Katastrophe, wenn es nicht schon zu spät ist, aber Herr Doktor, Sie sind doch Arzt, Sie haben doch bestimmt Möglichkeiten….‟
Okay, okay, okay, jetzt mal ganz langsam! Frau Binswanger senior ist gerade dabei, sich von einer schweren Lungenentzündung zu erholen, und im Grunde geht es ihr gar nicht mal so schlecht. In ein paar Tagen wollen wir sie entlassen. Unsere Sozialdienst-Dame ist noch dabei, herauszufinden, ob sie zu Hause noch irgendwelche Hilfen braucht, und wenn sie damit fertig ist, mit dem Herausfinden, dann wird Frau Binswanger wieder in ihr kleines Häuschen am Stadtrand zurückkehren.
Also, wo ist das Problem?
„Ja, da muss ich wohl ein bisschen ausholen, Herr Doktor, ich hoffe, Sie haben ein paar Minuten Zeit?‟
Nein, eigentlich nicht. In fünf Minuten fängt die Röntgenbesprechung an. Die ist zwar strunzlangweilig und mir fallen da regelmäßig die Augen zu, aber schwänzen ist trotzdem nicht, es sei, denn man hat einen sehr guten Grund, zum Beispiel den furchtbar wichtigen Anruf einer aufgebrachten Angehörigen. Also, schießen Sie los!
Räuspern am anderen Ende der Leitung.
„Vor zwei Jahren hat es angefangen, Herr Doktor. Da hat meine Mutter auf so eine Anzeige geantwortet. So eine Anzeige in einem von den Klatschblättern, wo sie einem das Blaue vom Himmel versprechen. Jedenfalls hat dann so eine Wahrsagerin geantwortet. Die hat gleich am nächsten Tag angerufen und sich dann immer wieder gemeldet. Meine Mutter hat sich gefreut, sie hat ja sonst niemanden, mit dem sie reden kann. Naja, und dann hat die Wahrsagerin natürlich Geld haben wollen, also natürlich nicht so direkt, sie hat das ganz geschickt angestellt, ihr ständig Briefe geschickt und wertlose Geschenke, angebliche Wunder-Kristalle und so…. wir haben das ja sofort durchschaut, aber unsere Mutter war da einfach viel zu gutmütig!‟
Haben Sie nicht mit ihr reden können?
„Natrürlich habe ich ihr das erklärt. Und mein Bruder auch. Wir haben uns den Mund fusselig geredet. Aber wissen Sie, Herr Doktor, wir sind ja beide über dreihundert Kilometer weit weg und sehen unsere Mutter nur wenige Male im Jahr, da geht das nicht so einfach!‟
Ja, und was soll ich jetzt tun?
„Machen Sie Ihren Einfluss geltend! Als Doktor haben Sie doch Autorität. Und können Sie nicht einen Psychiater dazu ziehen? Sowas ist doch nicht normal, oder was meinen Sie, Herr Doktor?‟
Frau Binswanger ist zwar über achtzig, aber geistig voll auf der Höhe. Die braucht ganz bestimt keinen Psychiater… kann es sein, dass sie einfach einsam ist?
„Natürlich, Herr Doktor, sie hat ja sonst niemanden mehr…. aber muss sie deshalb ihr ganzes Vermögen mit so einer Wahrsagerin durchbringen?‟
Es gibt zugegebenermaßen spannendere Wege, sein Geld auszugeben.
Aber erstens muss ich jetzt wirklich zur Röntgenbesprechung und zweitens…. im Rheinland würde man sagen: jeder Jeck ist anders!

Written by medizynicus

31. Januar 2019 at 05:15

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn