Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Dingeldings im Einzelhandel

with 3 comments

Ich brauche ein neues Dingsda. Also, so ein Dingelding. Genaugenommen ein Ding-Dong-Dingelding.
Das gibt‘s im Elektromarkt, der befindet sich am Rande der Stadt, im Gewerbegebiet an der Autobahn. Mit dem Auto wäre ich in zehn Minuten da, aber heut grad scheint die Sonne, am Samstag vor Ostern und ich mag nicht mit dem Auto ins Gewerbegebiet, denn da gibt‘s natürlich nicht nur den Elektromarkt, sondern auch den Baumarkt, eine Reihe von Autohäusern, Matratzen- Sport- und Klamottenläden und vor allem das Riesen-riesengroße Einkaufszentrum, wo man Pommes für Einssechzig kriegt. Heute ist da mit Sicherheit die Hölle los und in die Hölle mag ich nicht, noch nicht.
Also lieber ganz gemütlich in die Stadt. Mein Dong-Dong Dingelding müsste ich ja auch bei Elektro-Krämer kriegen, der haust in einer engen Gasse ganz versteckt in einem uralt-verwinkeltem Häuschen, was vermutlich denkmalgeschützt wäre, hätte man es nicht in den Sechzigerjahren mit hässlichen Eternitplatten zugepflastert, aber so ist es ja viel praktischer, vor allem weil das Denkmalschutzamt nichts davon weiß.
Durch die schmale Tür betrete ich das winzige Ladenlokal. Links und rechts stehen Lampenschirme, Stehlampen, Waschmaschinen, Kühlschränke und Fernseher. Über mir bimmelt eine altmodische Glocke und hinter dem Tresen steht Krämer Senior und würdigt mich keines Blickes. Stattdessen weist er eine rüstige Rentnerin in die Geheimnisse ihres neuen Staubsaugers ein, der aber noch nicht ihr gehört, denn sie weiß noch nicht, ob sich der Aufpreis von achtundzwanzig Euro für den Wuschel-Wumm wirklich lohnt.
„Einen Staubsauger ohne Wuschel-Wumm können Sie vergessen,“ sagt Elektro-Krämer Senior und schüttelt den Kopf, „wenn Sie sparen wollen, gehen Sie doch in den Elektromarkt bei der Autobahn, ich verkaufe nur beste Qualität und die hat ihren Preis!“
Die Rentnerin ist dennoch nicht überzeugt.
In einem Regal an der Wand befinden sich ein Dutzend Dingdong-Dingeldings, schön nach Farbe und Größe sortiert, allerdings ohne Preisschilder und zwischen dem Regal und mir befinden sich der Tresen und Herr Krämer Senior, der mit der Rentnerin noch lange nicht fertig ist.
Ein weiterer Kunde kommt herein, stellt sich brav hinter mich an, wartet, schaut auf die Uhr und geht wieder. Elektro-Krämer hat ihn keines Blickes gewürdigt. Mich übrigens auch nicht.
Nun will ich ja nicht unhöflich sein, aber…
„Entschuldigung…,“ frage ich vorsichtig, und die rüstige Rentnerin lächelt mir zu.
„Ach, lassen Sie den jungen Mann doch vor!“, sagt sie zu Elektro-Krämer.
Krämer Senior blickt finster schweigend in meine Richtung.
Ich betrachte das mal als Aufforderung und trage mein Begehren vor.
„Nur ganz schnell ein Dingdong-Dingelding,“ sage ich und deute auf das Regal an der Wand, „in zwei Minuten bin ich wieder draußen!“
„Wir haben Kleine, Mittlere und Große, in blau, rot oder grün, hochwertig oder Spitzenqualität.“, erklärt Krämer.
„Ach, geben Sie mir doch einfach das Günstigste, was Sie haben“, sage ich und lege einen Zehneuroschein auf den Tresen.
Krämer schüttelt den Kopf.
„Neunundzwanzig Euro neunzig!“
Was?
Okay, ich will hier keine Szene machen, immerhin hat er mich tadellos beraten und gut bedient und natürlich ist es hier ein bisschen teurer als im großen Elektromarkt an der Autobahn, aber irgendwie kommt mir das Ganze doch spanisch vor.
Ich zahle, verdrücke mich und eine halbe Stunde später bin ich im Gewerbegebiet an der Autobahn. Der Elektromarkt ist gar nicht so voll wie befürchtet. Und ich finde eine ganze Wand voller Ding-Dong Dingeldingern in allen Größen und Farben, auch violett, rosa und türkis, und keines davon kostet mehr als fünfzehn Euro, auch in Spitzen- und Megaqualität.
Und wo ich gerade hier bin, schaue ich mich auch nach Staubsaugern um, natürlich nicht ohne Wuschel-Wumm, da haben sie nämlich gleich ein Angebot, greif ich doch zu, wo ich schonmal hier bin. Schlechtes Gewissen?
Nö. Den Einzelhandel in der Innenstadt habe ich heute ja schon genug unterstützt.

Written by medizynicus

20. April 2019 um 14:47

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

3 Antworten

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  1. Der beschriebene Einzelhändler tut mir echt nicht leid, der ist echt von vorgestern.

    anneinsideoffice

    21. April 2019 at 18:10

  2. Und hätte er das Dingeldong einfach beim groooooßen A. gekauft, er hätte es nicht nur für 10 Ocken bekommen, sondern sich selber auch noch jede Menge Zeit und Fahrtkosten und der Umwelt ne Menge co2… Sorry, ich finde weder Einkaufszentren in der Industriebrache noch die Elektronikkrämer mit Mondpreisen erhaltenswert. Und wenn man das Eternit abmacht und das Haus schick, funktioniert im Gässchen auch ein Teeladen oä.

    Benedikt

    22. April 2019 at 13:11

  3. Ob die Emissionen einer Einkaufsfahrt die Emissionen eines Versandkaufs übertreffen oder nicht, wird vom Einzelfall abhängen. Die Emissionen der Paketlieferdienste (und deren soziale Folgen – siehe Presse in der mittleren Vergangenheit) sind durchaus auch nicht zu verachten – und so bedeutend, dass sie mitbetrachtet werden müssen.
    Glücklicherweise gibt es noch Einzelhändler, die sich durch konkurrenzfähige Preise, in ihrem Fachbereich überlegene Warenauswahl und dadurch, dass sie ihre Ware wirklich kennen auszeichnen. Funktioniert offenbar nur, wenn der Einzelhändler alles drei gewährleisten kann.

    schiffmo

    9. Mai 2019 at 14:21


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