Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Archive for November 2013

Die Sache mit dem Klingelknopf

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Eine Leserin fragte letztens per Mail:

In den Krankenhäusern, in denen ich mich so rumgetrieben habe, gab es für Patienten immer exakt einen einzigen Klingelknopf am Bett. Ich drücke dieses Ding und irgendwann kommt so eine nette Dame dann angeschlappt. Nu weiß die aber doch gar nicht, WARUM ich geklingelt habe? Etwa, weil es wirklich ein lebensbedrohlicher Notfall ist, oder weil ich nur ein Kännchen Tee oder mein Kissen aufgeschüttelt haben möchte? Warum gibt es nicht zwei Klingelknöpfe? Also zum Beispiel einen in Rot für „Alarm“ oder „Notfall“ und einen in Grün für „Sonstiges“? Wäre das nicht für die Schwestern entspannter?

Bei uns in Bad Dingenskirchen gibt es in der Tat nur einen einzigen Klingelknopf an jedem Bett. Und ich kenne auch kein Krankenhaus, in dem dies anders wäre.
Die Antwort ist einfach:
Zunächst einmal müssten die Pflegekräfte jedem neuen Patienten die Bedeutung der unterschiedlichen Knöpfe erklären. Das kostet Zeit. Und schätzungsweise neunundneunzig Prozent aller Patienten wären schlicht und einfach überfordert.
Und dann ist es natürlich so, dass für Omma Meier das Kännchen Tee unheimlich wichtig ist. Sie hat sogar einmal den grünen Knopf ausprobiert. Aber da hat sie geschlagene dreißig Sekunden gewartet und niemand kam. Also hat sie den roten Knopf gedrückt, und da sind die Mädels dann gerannt! Seitdem drückt sie immer den roten Knopf, auch wenn sie nur ihr Kissen aufgeschüttelt haben möchte.
Frau Müller hingegen ist eine von denen, die niemals unnötig andere Leute belästigen würde. Selbst mit schwersten Schmerzen traut sie sich kaum, den grünen Knopf zu drücken. Den roten würde sie niemals anrühren.
Aus diesem Grund gibt es in allen mir bekannten Krankenhäusern nur einen Klingelknopf. Was es allerdings darüber hinaus noch gibt, ist der Alarm: Wenn eine Pflegekraft oder ein Arzt im Zimmer ist und die Anwesenheitstaste gedrückt hat, und dann in diesem Zimmer noch einmal jemand den Rufknopf drückt, dann piepst es schneller und das rote Licht blinkt – und dann muss jeder Mitarbeiter, der in der Nähe ist, schnell laufen, weil K**** am dampfen sein könnte. Meistens dampft sie natürlich nicht.
Meistens hat bloß Frau Müllermeier im Nebenbett den Knopf gedrückt, obwohl Schwester Traudel im Zimmer war und die Zimmernachbarin auf den Nachttopf gehoben hat…. aber Frau Müllermeier wollte die Schwester Troddel halt nicht stören oder hat sich nicht getraut….
Natürlich haben sich schon viele Leute darüber Gedanken gemacht.
Eine Lösung ist Schwester Anna.
Schwester Anna hat jeden Tag Dienst, vierundzwanzig Stunden lang, sieben Tage die Woche, Dreihundertsechsundsechzig Tage im Schaltjahr. Allerdings ändert sich etwa alle 8 Stunden ihre Stimme.
Wenn ein Patient im Zimmer auf den roten Knopf drückt, meldet sich Schwester Anna via Gegensprechanlage und fragt, was los ist.
Dann sucht Schwester Anna – die, wie man sich denken kann, irgendwo in der Telefonzentrale sitzt – via Gegensprechanlage eine der leibhaftigen Pflegekräfte auf Station (das setzt natürlich voraus, dass die alle brav ihre Anwesenheitstaste gedrückt haben, so dass Schwester Anna weiß, wo die gerade sind) und meldet, was los ist. Also: Frau Meier auf Zimmer Siebzehn will ein Kännchen Tee. oder Frau Müller auf Zimmer achtzehn hat stärkste Schmerzen. Oder auf Zimmer neunzehn ist nur unverständlcihes Gebrummel.
Schwester Anna arbeitet überwiegend in größeren Krankenhäusern und Uni-Kliniken. Bei uns in Bad Dingenskirchen habe ich sie noch nicht gesichtet.

Written by medizynicus

19. November 2013 at 07:54

Nachtigall, ick hör Dir….

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Keine Post ist gute Post.
Alles was nett und lieb ist, kommt ja heutzutage überwiegend als Email oder SMS oder auf anderen elektronischen Wegen… Die Weihnachtskartensaison hat noch nicht angefangen und abgesehen davon kann man auch darauf gut verzichten ohne ernsthaft Schaden zu nehmen. Kurz: das meiste von dem, was ab und zu im Briefkasten raschelt und rappelt, ist Behördenspam, und dann natürlich Rechnungen, Mahnungen, Vollstreckungsankündigungen, Inkassodrohungen… das Übliche halt.
Also:
Hochoffiziell aussehender Brief. Rot. Mit Zahlschein. Wenn ich den nicht umgehend ausfülle und auf die Bank bringe, kommt morgen der Exekutor?
Erstmal durchatmen.
Ach ja, halb so wild. Sind ja bloß fünf Euro sechzig!
Und dann: Blick auf das Kleingedruckte: „Schön, dass Sie sich für unsere genialsupertolle Versicherung entschieden haben. Wir bieten Ihnen blablablubb und alles, was Sie sonst noch nicht brauchen. Und das für geniale Fünf Euro sechzig pro Woche. Das einzige, was Sie tun müssen, ist den beiliegenden Zahlschein auszufüllen und mit der Zahlung der ersten Fünf Euro sechzig erkennen Sie unsere Vertragsbedingungen an und kriegen dann eine Regung über den Restbetrag!“
Jetzt aber schnell ab damit in den Rundordner!

Written by medizynicus

16. November 2013 at 16:27

Veröffentlicht in Das Leben an sich

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