Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Der Kugelschreiber (Gruß ans Salzamt)

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Der Brief muss unbedingt noch weg! Heute noch! Und zwar per Einschreiben, weil … damit Don Corleone ein für alle Male kapiert, dass ich sein Angebot abgelehnt habe, und zwar ein für alle Male, aber weil Don Corleone halt so ist wie er ist, hat er mir eine Frist gesetzt und die ist Morgen zu Ende und bis dahin muss der Brief bei ihm angekommen sein.
So, und jetzt wird’s Zeit: schnell das Ding ausgedruckt, aus dem Sekretariat einen Briefumschlag stibitzt und dann nix wie los zum Postamt, das ist nämlich nur bis achtzehn Uhr geöffnet und inzwischen ist es schon fast zwanzig vor.
Ich hechte also die Straße entlang, am Bahnhof vorbei zu dem wuchtigen Behördenklotz, der dort immer schon stand, seit Kaiser Wilhelms Zeiten schon. Ich sprinte die Freitreppe hoch, durch das Portal in den Vorraum und … Dong!
Die Glastür, die mich jetzt noch von der ehemals kaiserlichen Briefmarkenverkaufsanstalt trennt, ist geschlossen. Blick auf die Uhr: Fünf Minuten vor sechs. Blick auf die Glastür: Geschlossen. Blick auf das Schild daneben: Geöffnet werktags bis achtzehn Uhr. Blick auf die Glastür: Immer noch geschlossen. Blick auf das kleine Schildchen über dem Reklameplakat: Heute geschlossen wegen Istnicht. Istnicht? Betriebsversammlung ist. Höre ich von drinnen leises Kichern, Gläserklirren und Schlager-Polonäse-Musik? Kann auch Einbildung sein. Aber die Tür ist zu.
Und mein Brief muss morgen früh bei Don Corleone sein.
Okay, dann halt nicht per Einschreiben.
Immerhin, einen Briefmarkenautomaten gibt es ja hier im Vorraum und ein Briefkasten ist auch vorhanden. Also hole ich meinen stibizten Briefumschlag aus der Tasche, dazu den inzwischen etwas zerknitterten Ausdruck und ein paar Münzen im Wert von fünfundachtzig Cent, schnell ist die Briefmarke beleckt und auf den stibitzten Umschlag gepappt und den Brief in den selbigen gesteckt, muss ich nur noch schnell Don Corleones Adresse draufkritzeln, Momentmal, schnell einen Kugelschreiber finden…..
Äh…. einen Kugelschreiber?
Handy, Laptop, Ipad samt Ladegeräten ist alles vorhanden, aber einen Kugelschreiber….? Wozu braucht man sowas? Wer schreibt heutzutage denn noch auf Papier? Nur weil Don Corleone keine Kündigungen per Email akzeptiert muss ich doch noch lange nicht Papierschreibgeräte mit mir herumführen! Aber jetzt muss ich irgendwie seine Adresse aus dem Handy-Adressverzeichnis aufs Papier gebrannt kriegen, und das geht in diesem Umfeld hier nur mit der Hilfe eines schnöden Kugelschreibers. Und da hab ich keinen. Hilft alles nix. In meiner Dienstkleidung steckt jetzt mit Sicherheit ein halbes Dutzend davon und in der obersten Schublade meines Schreibtisches liegen die Dinger kiloweise herum, aber hier vor Ort… Fehlanzeige.
Und der öffentliche Kugelschreiber – also so ein abgegriffenes Ding mit Kette fest an der Wand verdübelt gibt’s hier nicht, wurde wegvandalisiert, hängt nur noch die Kette von herum.
Zaghaft klopfe ich an die Glastür. Ob sich einer der Betriebsversammelten vielleicht erbarmen mag…?
Aber nein, die hören mich gar nicht.
Verzweifelt suchend schaue ich mich um.
Und dann … hey, presto, wir sind doch modern, kundenorientiert, haben ein Qualitätsmanagement und ein offenes Ohr für die Anliegen unserer Kunden … und dieses Offene Ohr hängt in Form eines Telefonhörers in einer Nische herum. Man muss auf einen Knopf drücken, dann meldet sich nach dreimaligem Tuten eine menschliche Stimme.
“Hier ist die Serviceinformationszentrale, stets zu Diensten, was können wir für Sie tun?”
“Ich brauche einen Kugelschreiber!”
“Äh… wo sind Sie denn?”
“Hier in der Post.”
“Äh… ich meine, in welcher Stadt? Sie sprechen mit der Serviceinformationszentrale in Ganzweitweg, da müssen Sie uns schon sagen, wo Sie sich gerade befinden!”
“Äh… in Bad Dingenskirchen…”
“Bad Dingenskirchen am Pieselbach? In welcher Straße?”
“Im Postamt, sagte ich doch, also gegenüber vom Bahnhof!”
“Gegenüber vom Bahnhof, das sagt mir nichts… ich brächte schon den genauen Straßennamen!”
Wie das hier wohl heißen mag? Vermutlich Bahnhofsplatz?
“Gut, am Bahnhofsplatz sind Sie, jetzt hab ich’s gefunden! Was genau ist Ihr Anliegen?”
“Ich bräuchte mal eben einen Kugelschreiber!”
“Einen Kugelschreiber?”
“Ja, um die Adresse auf einen Brief zu schreiben!”
“Warum fragen Sie nicht die Kollegen am Schalter?”
“Weil da geschlossen ist obwohl eigentlich offen sein müsste!”
“Ah, verstehe, vermutlich Betriebsversammlung. Das machen wir öfters, wissen Sie…”
“Können Sie nicht einfach da drinnen mal fragen, ob einer vielleicht mal eben an die Tür kommt und…”
“Bedaure, Sie sprechen mit der Serviceinformationszentrale in Ganzweitweg, wir haben keinerlei Kontakt zu den Filialen vor Ort, wir können nur per Internet….”
“Entschuldigung, aber Internet habe ich selbst. Ich brauche einen Kugelschreiber!”
“….ich sehe gerade, im Gewerbegebiet an der Autobahn gibt es eine Postfiliale…”
“Mit Kugelschreiber?”
“…die welche bis Achtzehn Uhr dreißig geöffnet ist. Und die haben erst morgen Betriebsversammlung. Wenn Sie sich also beeilen….”
Und wie soll ich da hinkommen? Das sind immerhin sieben Kilometer und ohne Auto…. aber bevor ich weiter fragen kann, hat die Serviceinformationszentrale auch schon aufgelegt.
Vor der verschlossenen Glastür steht eine junge Frau mit einem großen Paket und tippt hektisch auf ihrem Handy herum.
“Wenn ich Ihnen einen Tipp geben kann: die Filiale im Gewerbegebiet an der Autobahn….”
“Da komme ich gerade her. Die nehmen keine Pakete. Sie haben mich hierher geschickt!”
Immerhin hat sie einen Kugelschreiber.
Und so schafft es mein Brief vielleicht doch noch bis morgen früh auf Don Corleones Schreibtisch.

Warum einen Gruß ans Salzamt?
Spätestens seitdem die Tage von Kaiser Franz Joseph und Sissi Vergangenheit sind, gibt es auch auf dem Territorium der ehemaligen Donaumonarchie keine Salzämter mehr.
Wenn sich heute zwischen Bregenz und Wien jemand über irgendwas aufregt und erzählt, wie furchtbar dies oder jenes sei, dann sagt man zu ihm: “Jo mei, geh, do konnst Di beim Salzamt beschwern!” Das kann man auch sein lassen. Oder man belästigt halt seine Blogleser mit der Geschichte…

Written by medizynicus

24. Februar 2015 at 22:17

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Hausarzt vernachlässigt seine Pflicht

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Also, der alte Dr. Pömpel, der liegt jetzt im Krankenhaus.
Er hatte nämlich einen Herzinfarkt. Immerhin, er hat’s überlebt. Wie sagt man bei uns im Dorf? Unkraut vergeht nicht, jawoll, nä? Hahaha!
Also, das mit dem Herzinfarkt vom Dr. Pömpel, die Leute sagen ja, das wäre alles nur psychisch. Also weil er ja letztens zum Gericht musste, weil der Schwiegersohn von der alten Strunzbichler, der hat ihn ja angezeigt. Also, die alte Strunzbichler, die ist doch damals gestorben, weil der Dr. Pömpel nicht rechtzeitig gekommen ist. Wisst ihr das nicht?
Ja, also das war doch so: Dr. Pömpel hatte Mittagspause. Also die Sprechstunde war zu Ende und da ist da in der Praxis nur noch der Anrufbeantworter gelaufen. Mit so einer ellenlangen Ansage: “Sie rufen außerhalb unserer Sprechstundenzeiten an. Unsere Sprechstunden sind… blablabla…” Und am Ende, also ganz am Ende, da kam dann die Handy-Nummer vom Dr. Pömpel. Und die alte Strunzbichler, die ist doch hingefallen zu Hause. Einfach so hingefallen, hat sich nicht mehr gerührt und gar nichts mehr gemacht. Die Tochter ist natürlich gleich los und hat den Doktor gerufen. Aber der Doktor ist ja nicht ans Telefon gegangen. Weil er nämlich im Funkloch war. Hat er zumindest behauptet, aber behaupten kann man ja viel.
Also, der Dr. Pömpel, der hat gesagt, er sei gerade auf dem Weg zu einem Hausbesuch gewesen, irgendwo in der Pampa, wo es keinen Handy-Emfpfang gibt, aber in Wirklichkeit war er wohl schon fertig mit dem Hausbesuch und war auf dem Weg zurück in die Praxis. Möglicherweise war er aber auch beim Metzger, und hat sich ein Leberkäsbrötchen gekauft, also mit Senf und Gürkchen, es gibt jedenfalls Leute, die ihn da gesehen haben wollen, und das kann auch stimmen, denn da beim Metzger in der Ecke, da ist der Handy-Empfang wirklich nicht sonderlich gut. Also, das hätte der Dr. Pömpel ja wissen müssen, wenn er Dienst hat, nicht wahr? Die Tochter von der alten Strunzbichler jedenfalls, die hat es drei Mal versucht und dann, nach fünf Minuten hat sie entnervt aufgegeben und den Rettungsdienst angerufen. Also die Eins-Eins-Zwo.
Hat aber alles nichts genützt. Die alte Strunzbichler ist zwar noch lebend ins Krankenhaus gekommen, dann aber nach zwei Tagen verstorben. Ja. Und der Schwiegersohn von ihr, der ist ja Rechtsanwalt, und der hat dann den Doktor Pömpel verklagt, weil der nicht ans Handy gegangen ist, weil das hätte er ja wissen müssen, das mit dem Funkloch, und wenn er gleich hergekommen wäre, dann wäre die alte Frau Strunzbichler vielleicht heute noch am Leben.
Also ehrlich gesagt, da ist ja schon was dran, an der Sache. Also, der Dr. Pömpel, der hatte in der letzten Zeit verdächtig oft den Anrufbeantworter laufen.
Obwohl der doch Dienst hatte! Also, so ein Hausarzt, der muss doch erreichbar sein, zumindest tagsüber, da kann man doch nicht einfach ins Funkloch gehen, oder?
Naja, das hat er sich wohl auch gedacht, der alte Dr. Pömpel und hat sich schwere Vorwürfe gemacht, aber die nutzen der alten Strunzbichler jetzt auch nicht mehr, möge sie in Frieden ruhen, nach ihren fünfundneunzig Jahren…..

Written by medizynicus

19. Februar 2015 at 08:24

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Warum es bei uns im Dorf keinen Arzt mehr gibt

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Also, der alte Doktor Pömpel, der war toll. Der war so’n richtiger Arzt, wie es sich gehört. War immer da, wenn man ihn brauchte, hatte immer Zeit und das Wartezimmer war brechend voll. Ja, und jetzt hat’s ihn erwischt. Mitten aus der Sprechstunde heraus hat’s ihn erwischt. Dem Herrn Franselhuber hat er noch schnell die Krankschreibung unterschrieben, für’s Amt, weil sonst hätte der kein Geld mehr bekommen, weil er kann ja nicht arbeiten, schon wegen seiner Psyche nicht.
Doktor Pömpel ist jedenfalls mitten in der Sprechstunde einfach so zusammengeklappt und dann war er tot. Der Herr Franselhuber hat seinen Krankenschein eingesteckt und ist rausgegangen.
„Kuck mal einer nach dem Doktor!‟ hat er gesagt, „Vielleicht braucht der selbst nen Doktor, hahaha!‟
Stimmte aber gar nicht. Doktor Pömpel brauchte keinen Doktor mehr.
Und all die vielen Leute, die da noch im Wartezimmer saßen, die haben jetzt keinen mehr.
Ja, ist schon schlimm, bei uns im Dorf. Jetzt wissen wir gar nicht mehr, wo wir hingehen sollen. Weil, zu dem Neuen, der wo der Witwe vom Pömpel die Praxis abgezockt hat, zu dem kann man nicht gehen. Weil der ist nicht von hier. Der spricht nämlich nur Hochdeutsch. Und der integriert sich einfach nicht. Der ist in keinem Verein drinnen, nicht bei der freiwilligen Feuerwehr und schon gar nicht beim Stammtisch. Und seine Frau auch nicht. Weil der hat nämlich gar keine Frau. Das muss man sich mal vorstellen: ein Doktor ohne Frau! Der ist doch bestimmt vom anderen Ufer, obwohl, man erzählt sich, dass er jedes Wochenende in die Stadt fährt, da hat er nämlich so’n unehrliches Kind. Also ein Kind, obwohl er gar nicht verheiratet ist! Also, so einer ist das, anstatt sich um seine Patienten zu kümmern, fährt der zu seinem Liebchen in die Stadt, fast jedes Wochenende, egal ob bei uns Schützenfest ist oder Feuerwehrball. Und neulich, da ist er noch nichtmal ans Telefon gegangen, obwohl er daheim war, jawoll, das haben wir genau gesehen, da brannte nämlich noch Licht, abends um zehn, und er ist nicht ans Telefon gegangen obwohl der Franselhuber wieder dringend einen Krankenschein brauchte, weil sonst hätte er nämlich am nächsten Morgen aufs Amt gemusst, aber das konnte er ja nicht, wegen der Psyche, und darum brauchte er dringend wieder einen neuen Schein und der neue Doktor wollte ihm keinen geben, ja, der ist noch nichtmal ans Telefon gegangen, obwohl er zu Hause war, was alle ganz genau gesehen haben! Ach, und überhaupt, wenn man mal was von ihm will, dann macht der da immer eine Riesensache draus. Der alte Pömpel, der war da einfach und geradeaus. Hatte man Rückenschmerzen, dann ist man hin zu ihm, zum alten Pömpel und der hat einem die Spritze gegeben, zack, und gut war! Der hatte immer Zeit gehabt, der alte Pömpel. In dreißig Sekunden war man wieder draußen: Spritze rein, und fertig, was will man mehr? Gut, man hat halt ein bisschen warten müssen im Wartezimmer, so zwei, drei Stunden, das war normal, aber so ist das halt, darum heißt es ja auch Wartezimmer, außerdem hatte er gute Zeitschriften da und es war immer was los. Jetzt bei dem Neuen, da ist das Wartezimmer leer. Kein Wunder. Der vergibt ja auch Termine. Das muss man sich mal reintun: Termine! Muss man anrufen, und wenn man dann einen Termin hat, dann kommt man sofort dran. Ist klar, der hat ja nix zu tun, der Neue! Und wenn man dann drin ist bei ihm, dann fängt der an zu diskutieren, will genau wissen, wie das ist mit den Rückenschmerzen und ob man Stress hat und so und dann diskutiert man eine halbe Stunde mit dem und die Spritze kriegt man trotzdem nicht…. So isser halt, tut nix, macht nix, hat keine Zeit und darum gehen wir da nicht hin und darum brauchen wir unbedingt einen neuen Arzt bei uns im Dorf!

Written by medizynicus

4. Februar 2015 at 08:41

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Schnorrerbescheinigung

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Der Feierabend naht, die Uhr im Blick will ich mich mit bereits abgelegtem Kittel der Arztzimmertür nähern, als….
“Herr Doktor?!”
Das Herz rutscht in Richtung Hose, als ich mich langsam umdrehe und Schwester Paula erblicke.
“Herr Doktor, da wartet wer auf Sie!”
“Wer denn?”
“Die Nichte von Herrn Schrumpelköter!”
“Herr Schrumpelköter?”
“Zimmer siebzehn!”
“Aha?”
“Wurde letzten Montag entlassen!”
“Und?”
“Wie schön, dass Sie noch da sind, Herr Doktor!” flötet Nichte Schrumpelköter, die plötzlich aus dem Nichts vor mir aufgetaucht ist, “Ich wusste, dass Sie uns helfen würden!”
“So?”
Ich ziehe den Kittel wieder an.
“Wir brauchen noch die Bescheinigung von Ihnen!”
“Was?”
“Na, Sie müssen uns noch was bescheinigen!”
“Äh?”
“Also…” Nichte Schrumpelköter holt tief Luft, “Als mein Onkel entlassen wurde, habe ich ihn abgeholt!”
“So?”
“Jawoll. im Auto.”
“Hmm.”
“Im eigenen Auto.”
“Das ist nett von Ihnen.”
“Genau. Jetzt habe ich aber erfahren, dass ihm ein Taxi zugestanden hätte!”
“Öh?”
“Jawoll. Wenn ich ihn nicht abgeholt hätte, im eigenen Auto, dann hätte man ihn im Taxi heimgeschickt…”
“Richtig…”
“…und weil er ja nicht mehr der Jüngste ist und auch nicht mehr ganz so gut zu Fuß, vielleicht sogar mit dem Krankenwagen, und der kostet pro Kilometer eine Menge Geld und weil wir in Einödshoven wohnen, kommen da eine Menge Kilometer zusammen, und das Geld für die Kilometer, also weil ich ja im eigenen Auto…”
“Äh…”
“…jawoll, im eigenen Auto, und wenn Sie, Herr Doktor, mir da jetzt eine Bescheinigung ausstellen könnten, und mir schriftlich bestätigen würden, dass ich im eigenen Auto und mein Onkel aus medizinischen Gründen eigentlich im Krankenwagen….”
Mein Gehirn beginnt zu arbeiten.
“Sie wollen also eine Bescheinigung von mir?”
“Jawoll, Herr Doktor!”
“Damit Sie damit Geld locker machen können!”
“Genau, Herr Doktor!”
“Sie wissen, dass für das Erstellen einer solchen Bescheinigung eine Bearbeitungsgebühr fällig ist?”
“Äh….”
“Keine Angst, es sind nur fünf Euro, aber…”
“…zahlt das nicht die Krankenkasse?”
“Vielleicht. Sie können versuchen, das Geld zurück zu fordern. Aber Sie müssten erstmal in Vorleistung treten. Jetzt. Hier. In bar…. hallo….. Frau Schrumpelköter…?”
Wohin sie wohl so schnell verschwunden sein mag?

Written by medizynicus

27. Januar 2015 at 05:48

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

700 Euro pro Pille oder: ein Menschenleben kann ganz schön teuer sein…

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Hepatitis B und C sind fiese Krankheiten.
Das Virus fängt man sich über Kontakt mit Blut oder Körperflüssigkeit eines infizierten Menschen.
Wer Glück hat, der steckt die Sache locker weg und kann bald wieder ein normales Leben führen.
Den weniger Glücklichen zerfrisst das Virus die Leber und wer ganz viel Pech hat, der stirbt an Leberversagen oder Leberkrebs.
Viele Patienten überleben zwar die Infektion, werden das Virus jedoch nie mehr wieder los.
Manchen dieser Menschen kann man helfen.
Seit vielen Jahren schon sind Medikamente bekannt, die manchmal mehr und manchmal weniger gut wirken – allen gemeinsam jedoch ist, dass sie sehr teuer sind. Und die Behandlung ist lang und langwierig.
Ein neues Medikament verspricht Wunderdinge. Es wirkt besser, hat wenige Nebenwirkungen – und kostet 700 Euro pro Tablette. Eine komplette Behandlung kostet dabei locker so viel wie ein Einfamilienhaus in einer guten Wohnlage.
Nun ist eine Versicherung genau dazu da, notwendige Dinge zu bezahlen, die man sich normalerweise nicht so ohne Weiteres leisten kann. Aber auch eine Versicherung muss sich das erst einmal leisten können – und mit den Ressourcen der Beitragszahler sinnvoll umgehen.
In Deutschland sind Hepatits B und C zum Glück relativ selten.
Deutsche Krankenkassenbeitragszahler sind – im internationalen Vergleich – relativ reich.
In Ägypten sind Hepatitis B und C extrem häufig. Krankenkassen gibt es nicht.
Auch in Deutschland gibt es nur eine begrenzte Anzahl von Einfamilienhäusern, die man an Krankenkassenbeitragszahler verfüttern kann.
Wer entscheidet also, welches Leben gerettet wird und welches nicht?

Written by medizynicus

19. Januar 2015 at 04:32

Veröffentlicht in Gewissensbisse

Bin ich Charlie? Ein paar verspätete Betrachtungen

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Ich mache Satire.
Ich schreibe manchmal gerne böse und ich freue mich, wenn man mich scharfzüngig nennt.
Ich lebe in einem freien und demokratischen Staat. Hier ist nicht alles Gold, was glänzt aber zumindest ist es hier nicht üblich, dass man sich gegenseitig die Köpfe abhackt und ich bin ziemlich froh darüber.
Hier darf jeder sagen, was er will. Das ist für mich Lebensqualität.
Hier muss sich jeder von jedem sagen lassen, was der andere will.
Wirklich?
Nein, ich brauche nicht zu dulden, dass man mich beleidigt.
Ich brauche es auch nicht zu dulden, dass man meine Religion oder andere Dinge, die mir wichtig sind, beleidigt.
Ein Moslem ist beleidigt, wenn man eine Karikatur des Propheten Mohamed veröffentlicht.
Das weiß ich, und wenn ich nach Saudi-Arabien fahre werde ich sorgfältig darauf achten, keine Mohamed-Karikatur im Gepäck zu haben und werde meine Zunge im Zaum halten.
Nun gehört der Islam nicht nur zu Saudi-Arabien sondern auch zu Deutschland.
Das ist nun einmal so. Der Islam gehört mittlerweile genauso zu Deutschland wie die katholische oder die evangelische Kirche, das Judentum oder der Atheismus.
Das ist nun einmal so. Wir sind eine multikulturelle Gesellschaft und ich bin stolz darauf.
Ich bin stolz darauf, die katholische oder die evangelische Kirche oder den Atheismus oder den Materialismus nach Herzenslust zu kritisieren und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen zu müssen.
Ich darf auch den Islam kritisieren. Hier bei uns darf ich das.
Auch Dumpfbacken dürfen den Islam kritisieren.
Ich darf auch die Dumpfbacken kritisieren und ich tu das auch.
Auch die Dumpfbacken gehören zu Deutschland und ich freue mich über jeden, der sie kritisiert und trotzdem darf ich ihnen nicht verbieten, auf die Straße zu gehen, Deutschlandfahnen zu schwingen und dabei Weihnachtslieder zu singen.
Aber ich darf öffentlich sagen, was ich von ihnen halte.
Es mag Länder geben, in denen ich eine Gefängnisstrafe oder Schlimmeres riskiere, wenn ich etwas gegen den Papst sage. Wenn ich da hinfahre, dann weiß ich das und benehme mich entsprechend. Aber wohnen will ich da sicher nicht. Im Iran oder in Saudi-Arabien darf ich den Islam nicht kritisieren, das weiß ich, und da wohne ich auch nicht.
Hier bei uns in Europa darf ich jeden kritisieren, aber niemand braucht sich beleidigen zu lassen, und dafür gehe ich gerne auf die Straße.
Und deshalb bin ich Charlie.

Written by medizynicus

18. Januar 2015 at 02:16

Veröffentlicht in Das Leben an sich

Abgefrühstückt

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Nasskalter Wintermorgen. Schneeregen pladdert auf den Bahnsteig. Der Bummelzug kommt an, ich steige ein und schräg neben mir lassen sich zwei Jungs auf die schmierigen Sitze fallen: Stoppelhaar und Retro-Trainingsjacke mit Streifen der eine, knallgelbe Regenjacke und Wollmütze der andere.
„Na, ich muss dann mal!‟ sagt Stoppelhaar und Wollmütze wirft ihm einen mitleidigen Blick zu.
Stoppelhaar greift zum Handy.
„Du Baby, ich wollte Dir nur sagen, es tut mir leid, Baby, ich hab Scheiße gebaut, ja, war nicht in Ordnung, echt nicht, aber ich bin ehrlich zu Dir, weißt Du, und jetzt musst Du mir einfach noch eine Chance geben, Baby, wirklich Baby, es tut mir leid, ey, ich weiß, dass ich Scheiße gebaut habe, aber weißt Du, eigentlich wollte ich ja gar nicht, die anderen haben mich reingezogen, ja Baby, das war Scheiße, wirklich, also, Du gibtst mir doch noch eine Chance, jetzt wo ich schon so ehrlich zu Dir bin, ja, Baby?‟
Wollmütze schüttelt den Kopf.
Stoppelhaar sitzt da mit gesenktem Kopf.
„Ja… ja…. ja…‟
Er steckt sein Handy wieder weg.
Wollmütze zieht die Augenbrauen hoch.
„Und?‟
„Alles klar. Ham wa die Alte wieder abgefrühstückt!‟
Eine schnarrende Lautsprecherstimme kündigt den nächsten Halt an.
Die beiden stehen auf.
Am Bahnsteig steht eine junge Frau mit zerwuscheltem Haar und Augenringen.

Written by medizynicus

17. Januar 2015 at 10:02

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

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