Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Der Dichterfürst

leave a comment »

Jenny reißt die Türe auf und einen Sekundenbruchteil später steht sie im Zimmer.
„Guten Morgen, wir kommen zur Visite!“
Ich folge ihr.
„Guten Morgen, wie geht’s, alles in Ordnung, hatten Sie Stuhlgang?“
Herr Haferkorn hebt seinen Kopf.
„Oh, schon besser! Ich kann wieder schreiben.“
Jenny tritt näher und starrt auf das aufgeschlagene Notizbuch auf dem Tisch.
„Was schreiben Sie denn da?“
Herr Haferkorn lächelt.
„Immer, wenn ich unterwegs bin, schreibe ich Tagebuch. Früher bin ich viel gereist. In den letzten Jahren sind es ja überwiegend Krankenhausaufenthalte…“
„Na, die Reisen waren ja wohl bestimmt spannender!“
„Oh, was denken Sie, was man hier im Krankenhaus alles erlebt! Manchmal schreibe ich auch Gedichte. Meine Frau kriegt jedes Jahr eins zum Geburtstag und zu Weihnachten. Und hier und da mal ein Liebesgedicht. Ein Freund wollte mal eins haben, das hat er dann seiner Frau auf den Nachttisch gelegt.“
Jenny reißt die Augen auf.
„Haben Sie denn auch schonmal was veröffentlicht?“
Herr Haferkorn fühlt sich offenbar geschmeichelt.
„Oh ja,“ sagt er, „Hier und dort. Letztens stand ich sogar in der Zeitung. Da war ich namentlich erwähnt, als einer der siebzehn größten Poeten im Landkreis Bad Dingenskirchen. Direkt hinter Karl Dieselfisch, dem berühmten Heimatdichter!“
„Worüber schreiben Sie denn sonst noch?“, fragt Jenny.
Herr Haferkorn lächelt.
„Ich habe auch schon ein Krankenhausgedicht geschrieben!“
„Verraten Sie uns, wie es heißt?“
Herr Haferkorn räuspert sich.
„‚Der Engel mit der Spritze'“, sagt er feierlich.
Jenny täuscht einen Hustenanfall vor und dreht sich um. Aber Herr Haferkorn hat sie durchschaut.
„Da gibt’s nichts zu lachen!“, sagt er beleidigt und klappt sein Buch zu.
„Kommen wir denn da auch drin vor?“, fragt Jenny.
Herr Haferkorn schüttelt den Kopf.
„Jetzt nicht mehr!“ sagt er.

Written by medizynicus

26. Mai 2016 at 15:20

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Tagged with , ,

Best of Medizynicus: Was sind Eure Lieblingsartikel?

with one comment

Gut.
Dieses Blog dümpelt so vor sich hin. Ab und zu kommt mal mal ein Beitrag, aber die guten alten Zeiten, so um 2009 bis 2010, als es hier jeden Tag etwas neues zu lesen gab, die werden wohl so bald nicht wiederkommen.
Also ist es an der Zeit, mal ein bisschen in der Vergangenheit zu schwelgen… laut Blog-Statistik sind diese Artikel die absoluten Renner der letzten Jahre:

  • Krank feiern leicht gemacht: der Weg zum gelben Urlaubssachein – eigentlich satirisch gemeint, aber es scheint genügend Leser zu geben, die es gerne für bare Münze nehmen würden. Sei’s drum. Das Thema wurde hier im Blog mehrfach behandelt (auf der genannten Seite sind ein paar Artikel verlinkt) und ist nach wie vor aktuell.
  • Darf man sich in eine Patientin verlieben? – diese Frage wurde seinerzeit hier im Blog heiß diskutiert. Okay, um es kurz zu machen: die Antwort lautet „nein!“ – oder wenn man es doch tut, dann sollte man tunlichst dafür sorgen, dass man die betreffende Dame ab sofort nicht mehr als Patientin behandelt.
  • Die Pille danach war hier auch schon des Öfteren Thema
  • Am häufigsten kommentiert wurde übrigens dieser Artikel, da geht es um den ewigen Glaubenskrieg zwischen Evidenzbasierten Medizin und Naturheilkunde
  • Auch die provokative Frage, ob man einen Selbstmordattentäter nach vollbrachter Tat reanimieren sollte, regte viele Leser zu Kommentaren an.

Was sagt Ihr dazu? Was sind Eure Lieblingsartikel?
Kleiner Tipp: schraubt Euch am Besten mal ins Jahr 2011 oder 2010 zurück!

Written by medizynicus

1. Mai 2016 at 22:53

Veröffentlicht in Ein Herz für Blogs

Buchmesse: das Finale

with 3 comments

Ein wichtiger Tag heute: Gespräche geführt, Kontakte geknüpft, genetzwerkt, gelacht und geschmunzelt, die eine oder andere Kuriosität bestaunt und zwischendurch die vielen bunten Schnee- und Eisköniginnen, Supermarios, Elfen und Faune, Zauberer und Reifrock-Girlies, Merjungfrauen, Kriegerinnen und Krieger und was auch immer das für Gestalten sein wollen in bunten Kostümen bewundert. Wie Karneval, nur bunter. Und kreativer. Und ernster.
Ja, und jetzt trinke ich noch einen Kaffee, wandere noch einmal durch die Hallen eins bis fünf, trinke vielleicht noch einen Kaffee, wandere dann noch ein letztes Mal durch die Hallen, trinke einen weiteren Kaffee… und frage mich, was ich alles versäumt und nicht gesehen habe.
Der Heimweg wird lang.
Vielleicht werde ich die Bahnfahrt im Tiefschlaf verbringen. Vielleicht werde ich auch schon an neuen Projekten arbeiten und damit beginnen, Kontakte zu kontaktieren, Emails zu schreiben, neue Ideen skizzieren….
Ja, spannend war’s. Und nächstes Jahr bin ich wieder da!

Written by medizynicus

20. März 2016 at 16:06

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Tagged with , , , ,

…und das Beste zum Schluss

leave a comment »

„…wissen Sie,“ sagt der erfahrene Verlagslektor und nippt an seinem Glas Rotwein, „Wissen Sie, früher war alles Anders….“
Er schaut mit verträumtem Blick ins Leere, nippt erneut am Glas, knabbert an der Brezel.
„…wissen Sie, früher, da hat man ein Buch geschrieben, hat es zum Verlag geschickt, und nach einer Ablehnung dann zum Nächsten und so weiter. Irgendwann dann dann ein Verlag das Manuskript genommen!“
Mein Gegenüber schaut mich mitleidig an und schüttelt den Kopf.
„…aber so ist es heute nicht mehr. Kein Buch entsteht aus einer unverlangten Manuskripteinsendung. Zumindest kein erfolgreiches Buch!“
ich reiße die Augen auf.
„Sondern?“
Er lächelt.
„Agenturen?“, frage ich.
Er lächelt immer noch. Wiegt langsam den Kopf hin und her.
„Persönliche Kontakte!“, sagt er, „Persönliche Kontakte. Empfehlungen. Referenzen. Das ist alles!“
Sagt’s, nickt mir freundlich zu und verschwindet im Gewimmel.

Written by medizynicus

19. März 2016 at 17:03

Leipzig zu Mittag

with one comment

W-Lan funktioniert jetzt. Vorhin war es hakelig, vor allem da oben in der lichtdurchfluteten Haupt-Halle, wo sich all die Fernsehsender mit ihren Messe-Studios eingerichtet haben.
Die Cosplayer playen Cos. Guck ich mir später noch an.
Die Kaffeeversorgung stimmt.
Die Versorgung mit neuen Ideen auch:
Müssen Bücher heutzutage überhaupt noch gedruckt werden?
Wie kriegt man es hin, dass E-Books nicht nur gelesen, sondern auch gesehen werden?
Braucht man in Zukunft noch Verlage und Agenten oder machen Autoren das alles lieber selbst?
Und vor allem natürlich: Wie landet man den nächsten Bestseller?
Jetzt aber schnell nachschauen, ob noch Brötchen da sind. Hey, Mozzarella-Tomate, Gouda-Radieschen und Ökopampe-Salat sind schon weg. Schinken, Salami und Fleischwurst noch reichlich vorhanden!

Written by medizynicus

19. März 2016 at 12:37

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Tagged with , ,

Messe Morgen mit Cosplayern und andern Gestalten

leave a comment »

Aufstehen. Fertigmachen. Und los. An der Straßenbahnhaltestelle stehen ein paar bunte Gestalten: Knallweiße Perücke, Reifröckchen, knallig geschminkt. Als die Bahn dann kommt, werden es noch mehr. Umsteigen in die S-Bahn. Da ist ein Bäcker. Frühstücken? Ist was für Weicheier! Kaffee? Warum nicht, habe ja noch sieben Minuten! Okay, dann einen Kaffee zum Mitnehmen und ein belegtes Brötchen Bitte. Ich schlappe zum S-Bahnsteig und…. gemütlich Frühstücken geht anders, aber ist ja eh was für Weicheier, sagte ich ja schon. Um es kurz zu machen: Die Bahn ist voll von pinkfarbenen Reifröckchen, knallweiß-blond-grün-blauen Perücken, Weihnachtsmann-Zauberer-Gestalten mit Bart, Umhang und Zauberstab-Stock und ein paar Außerirdischen, Orks, Elfen und was weiß ich noch was für Gestalten. Und zwar in einer geschätzten Dichte von vier Stück pro Quadratmeter.
Die Bahn fährt los und ich schaffe es tatsächlich, meinen Togo-Kaffee im Stehen schlabber- und verschüttungsfrei auszutrinken. Beim nächsten Halt dränge ich zur Tür.
„Wollen Sie aussteigen?“
Nee, nur frische Luft!
An der Messe steigt dann alles aus. Massen wälzen sich die Treppe hinunter, die Allee entlang zum Haupteingang und verschwinden dann in Halle Eins zur Comic-Manga-Convention.
Ich drehe mich um und gehe in die andere Richtung. Da ist es leerer. Und jetzt erstmal ein Kaffee oder so.

Written by medizynicus

19. März 2016 at 10:05

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Medizynicus auf Buchmesse

leave a comment »

Stolz den Presseausweis um den Hals baumeln lassend schlendere ich durch die Heiligen Hallen.
Eine wichtige und richtig große Literaturagentur bietet eine Sprechstunde für Autoren an. Geh ich doch hin. Ich hätte da nämlich ein Exposé in der Tasche, weil ich hab da ja auch mal was geschrieben… der große Agent winkt ab. Wir suchen Qualität! Gute Qualität! Top Qualität! Ich erinnere mich an den berühmten Elevator Pitch und rassele den Plot meines neuesten Werkes schnell herunter. Nicht überzeugend genug offenbar. Ein bisschen Smalltalk noch, dann trolle ich mich ganz bedröppelt meines Weges.
Nebenan geht es um Self-Publishing. Die Dame, die den Stand betreut, sprüht vor Elan. Und dann tippt mir jemand auf die Schulter und das ist ein Bekannter aus Bad Dingenkirchen, der schon das eine oder andere Buch in einem guten Verlag untergebracht hat und da drüben, am Stand gegenüber, da steht der Inhaber eines kleinen, aber feinen Verlages, denn kennt er ganz gut, und wir schütteln Hände und machen Smalltalk und dann schüttele ich noch ganz viele Hände, mache noch mehr Smalltalk und tausche Visitenkarten aus.
Und natürlich wandere ich durch die Messehallenlandschaften, an kleinen und großen Ständen vorbei, von spannend bis langweilig. Da ist ein rechtsradikaler Verlag mit imposantem Auftritt und grimmig dreinschauenden Türstehertypen in dunklem Outfit. Schnell laufe ich davon. Bei einem linekn Verlag wird kubanischer Rum mit fair gehandelter Cola ausgeschenkt wird, während eine Autorin über die neuesten politischen Entwicklungen in Lateinamerika referiert. An einem islamischen Stand bekomme ich die jüngste Verlautbarung eines iranischen Religionsgelehrten in die Hand gedrückt und in christlichen Lese-Inseln wird über die Bibel diskutiert. Und es gibt sogar jemanden, der eine „Neue Bibel‟ verfasst hat, einen dicken Wälzer im A4-Format, herausgegeben im Selbsverlag und so kompliziert geschrieben, dass ihn wohl nur der Autor selbst versteht.
Bald ist es sechs Uhr und damit ist die Messe für heute beendet und alles wälzt sich dem Ausgang entgegen, wo ein vielstimmiger Chor fröhliche Gospel-Songs zum Besten gibt.
Die Straßenbahnen sind natürlich brechend voll und ich brauche eine halbe Ewigkeit, bis ich endlich mein Quartier erreiche, welches sich natürlich aus Sparsamkeitsgründen weit, weit außerhalb befindet und dort angekommen, brauche ich erstmal ein Bier, was ich auch kriege, aber das ist wieder eine andere Geschichte, die ein anderes Mal erzählt werden soll…..

Written by medizynicus

18. März 2016 at 22:52

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

Tagged with , ,

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 886 Followern an

%d Bloggern gefällt das: