Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Kaffee verkehrt

with 14 comments

„Frau Kübler läßt fragen, ob Sie ihren Kaffee bekommen kann!“ fragt Schwester Anna morgens um halb acht, als wir gerade mit der Frühbesprechung angefangen haben.
„Selbstverständlich kann sie das. Aber Du brauchst mich deshalb nicht unbedingt um diese Zeit anzurufen!“
„Es ist halt… etwas verzwickt!“
Ich kann mir schon vorstellen, was da oben los ist. Frau Kübler ist eine biologisch abbaubare Mitfünfzigerin: spindeldürr mit bis auf die Pobacken herabwallendem eisgrauem Haar. Dazu trägt sie meistens tiefdecolletierte Gewänder aus organisch-brauner Jute, Gesundheitsschlapfen und verschiedene Klunker aus astrologisch geheimnisvollen Kristallen. Sie ist ziemlich häufig bei uns, obwohl sie eigentlich von der doofen Schulmedizin so gut wie gar nichts hält, was sie uns auch bei jeder Gelegenheit lang und breit erklärt.
„Was soll daran verzwickt sein? Du stellst Ihr einfach einen Kaffee aufs Frühstückstablett und fertig ist!“
„Sie trinkt aber keinen Kaffee!“
„Was trinkt sie denn?“
„Nur Wasser. Aber auch nur dann, wenn sie es vorher selbst energetisiert hat!“
„Wie funktioniert das?“
„Das Wasser kommt zunächst in eine Karaffe mit ein paar Steinen drin…“
„Dann gib ihr halt energetisiertes Wasser, ist mir doch egal!“
Ich kann mir ziemlich lebhaft vorstellen, dass die Dame oben den Schwestern gerade das Leben schwer macht. Aber damit müssen die jetzt erstmal selber fertig werden.
„Und was ist jetzt mit ihrem Kaffee?“
„Wenn sie Kaffee will, gib ihr Kaffee und wenn sie energetisiertes Wasser haben will, dann gib ihr energetisiertes Wasser. Und den Rest klären wir bei der Visite!“
„Wirst schon sehen, dass das nicht so einfach ist!“
Das glaube ich gerne und vor der Visite bei ihr graut mir jetzt schon.
Eine halbe Stunde später sitze ich im kaffeeduftenden Schwesternzimmer beim Frühstück.
„Was habt ihr denn jetzt mit der Frau Kübler gemacht?“
„Das mit dem Kaffee musst Du auf Visite klären!“
„Wo ist das Problem?“
Anna kichert.
„Es ist…. es ist sozusagen Kaffee verkehrt…“
„Wie bitte?“
„Halt… hinten rum!“
„Ich verstehe nicht.“
„Sie macht sich jede Woche einen Einlauf mit Kaffee!“
Mir fällt fast die Tasse aus der Hand.
„Wie bitte?“
„Das ist gut gegen Krebs. Sagt sie. Würde sogar Prince Charles so machen!“
Wie soll das wohl gehen? Mit Milich und Zucker?
Später mache ich mich erstmal schlau. Die Antwort eines renomierten Wissenschaftlers an seine Hoheit ist wirklich lesenswert.

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Written by medizynicus

12. Oktober 2010 um 05:19

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

14 Antworten

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  1. hihi
    in den niederlanden trinken viele menschen „koffie verkeerd“ – was allerdings für milchkaffee steht.
    aber mir ist jetzt der appetit vergangen *schüttel*

    alba

    12. Oktober 2010 at 06:50

  2. So viele Worte, aber kein einziges Argument warum das nun richtig oder falsch sein soll. So bleibt es im Ende eine Glaubensfrage. Da aber die Wirkung von Placebos bekannt ist, soll doch jeder machen was er will, solange es ihm nicht schadet. Und diese Frau begibt sich ja offensichtlich auch in die Hände der Humanmedizin. So what?

    hakene

    12. Oktober 2010 at 08:03

  3. […] Anna morgens um halb acht, als wir gerade mit der Frühbesprechung angefangen haben. … Weiter lesen Ähnliche Kaffee Nachrichten:Wie lagert man Kaffee am besten? Gute Tipps, wie man seinen Kaffee […]

  4. Aber wie jeder gebildete Hokuspokusmediziner weiß, kann man dafür nur den guten Blue Mountain Kaffee nehmen, den Ihre Majestät täglich auch oral absorbiert. 😉

    Der Maskierte

    12. Oktober 2010 at 09:02

  5. Hab jetzt den Artikel vom Wissenschaftler nicht gelesen.
    Aber nach meinem Laien-Verständnis muss man danach doch drei Tage durchmachen und einen nie erlebten Koffein-Flash bekommen, weil die Darmschleimhaut das recht schnell aufnimmt?
    Hab mal einen abstrusen Artikel über Einläufe mit Wein gelesen, wo schon ein paar Teelöffel für einen Vollrausch gesorgt haben…

    Abmahner

    12. Oktober 2010 at 10:14

  6. Kopf => Tisch….

    Tante Jay

    12. Oktober 2010 at 10:22

  7. Das ist Kaffeeschändung!! 😯 😥

    Hermione

    12. Oktober 2010 at 10:59

  8. Ahhhh, Kopfkino! … daran denke ich jetzt immer, wenn ich nen Koffie verkeerd in Holland bestelle 😉

    Swastha

    12. Oktober 2010 at 13:11

  9. […] macht denn sowas? Und warum? Hoffentlich wollen die unsere Kaffeemaschine nicht für schreckliche Dinge […]

  10. Hrhr. Ich stell mir vor wie frisch aufgebrühter Kaffee eingeflöst wird. Aua aua.

    Avarion

    12. Oktober 2010 at 18:44

  11. Soll das heissen Prinz Charles hat nicht Recht? Aber der ist doch fast König also beinahe fast Gott, oder? Ich empfehle für diese Aktion übrigens nicht Blue Mountain, sondern Kopi-Luwak. Das ist der einzig angemessene Kaffee, nicht nur wegen des Preises.

    Die Antwort von Michael Baum auf den Prinzen ist nett zu lesen, weil irgendwie sehr englisch höflich. Im Internet kürzt man so einen Brief normalerweise einfach mit STFU ab.

    Mr. Gaunt

    12. Oktober 2010 at 20:24

  12. Ich möchte nicht drüber nachdenken wie das tut wenn man sich bei sowas verbrennt.
    Aber: Das Koffein darf also über die Pfortader in die Leber, da ist es esoterisch erwünscht. Auf jedem anderen Weg den sich der normale Mensch morgens so ausdenkt ist es nicht erwünscht. Wie soll das Koffein mit so komplizierten Verhältnissen klarkommen? Kriegt es davon nicht ganz schlechtes Karma?

    Skymninge

    12. Oktober 2010 at 20:37

  13. Ich finde ja den Satz „Your power and authority rest on an accident of birth.“ sehr witzig, weil ich bei „accident“ zuerst an „Unfall“ und dann an „Zufall“ denke. 😉

    Hesting

    14. Oktober 2010 at 07:41

  14. Nachtrag: danke fürs Verlinken des Wikipedia-Artikels. Der letzte Absatz („Nebenwirkungen und Todesfälle“) bringt mich gerade zu der Frage, ob man nicht als Arzt oder Pfleger mit einem Bein im Gefängnis steht, wenn man so eine Selbstbehandlung zuläßt (Beihilfe zu irgendwas ;)). Wenn ich da an die eindringlichen und einschüchternden Warnungen einer Nuklearmedizinerin vor meiner Schilddrüsen-OP denke …

    Hesting

    14. Oktober 2010 at 07:45


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