Medizynicus Arzt Blog

Krankenhausalltag in der Provinz: Medizin und Satire, Ethik und Gesundheitspolitik

Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten… oder so ähnlich

with 9 comments

„Und – Herr Doktor?“
Herr Meyer-Waldfink sitzt kerzengerade im Bett.
Ich bemühe mich um einen zuversichtlichen Gesichtsausdruck.
„Alles in Ordnung!“ sage ich, „Sie dürfen nach Hause. Heute schon, wenn’s Ihnen passt!“
Herr Müller-Waldfink wird kreidebleich und sinkt kraftlos in die Kissen zurück.
„Nein!“ sagt er.
„Warum nicht?“ frage ich. Dabei muss ich zugeben: ein ganz kleines bißchen scheinheilig fühle ich mich doch dabei.
„Weil… weil… das gibt’s doch nicht!“
„Natürlich gibt’s das! Ihre Lunge ist gesund. Keine Lungenentzündung, kein Tumor. Das kann ich Ihnen hoch und heilig versichern: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben Sie nichts Bösartiges!“
„Und warum… warum krieg ich dann immer so schlecht Luft?“
Tja, das haben sich ungefähr zwei bis drei Dutzend Kollegen auch schon gefragt. Beim Niedergelassenen Lungenfacharzt war er, in der Uni-Klinik Weißgottwohausen, in mehreren Spezialkliniken und jetzt klappert er im Wochenrhythmus die kleinen Feld- Wald- und Wiesenkrankenhäuser ab. Letzte Woche war er in St. Anderswo und heute sind wir dran. Die Geschichte ist immer gleich: er kommt nachts im Notdienst mit angeblich akuter Atemnot und natürlich wird er dann erstmal stationär aufgenommen. Alle seine Werte sind immer bestens und erst am nächsten Morgen rückt er damit raus, wo er vorher schon überall war.
„Und… und mein Herz?“
„Dem fehlt auch nichts!“
Dass ein neunundzwanzigjähriger schlanker Nichtraucher einen Herzinfarkt erleidet ist zwar nicht auszuschließen, aber sehr wahrscheinlich ist es nicht. Zumal dann, wenn mehrere Experten die entsprechenden Untersuchungen durchgeführt haben.
„Und wo soll ich jetzt hin?“
In die Psychosomatik vielleicht? Auch der Vorschlag ist ihm schon mehrfach unterbreitet worden. Will er nicht. Auch gut. Also dann erstmal nach Hause.
„Haben Sie einen Hausarzt?“
Der Patient winkt ab.
„Der taugt doch nichts. Der wollte mich erst gar nicht hierher schicken. Er behauptet, ich hätte nichts!“

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Written by medizynicus

24. Februar 2011 um 05:42

Veröffentlicht in Alltagswahnsinn

9 Antworten

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  1. Ist möglicherweise – nur mal so dahin gedacht – die Rundumversorgung in den Krankenhäusern besser als daheim bei Mutti?

    sweetkoffie

    24. Februar 2011 at 08:08

  2. Ärzte-Hopping … Juchu!

    Phil

    24. Februar 2011 at 10:06

  3. Kann er das machen bis er wirklich einen hat oder schiebt dem ganzen irgendwann die KV einen Riegel vor?

    Felix Nagel

    24. Februar 2011 at 10:27

  4. Hätte er lieber Lungenkrebs gehabt?
    Hypochondrie klingt aber auch ganz gut, vielleicht ist er damit ja zufrieden. Einfach mal anbieten.

    Pu

    24. Februar 2011 at 15:29

  5. Hypochonder und Doktorhopper, sie haben immer was, und sind immer am jammern. Dabei sind sie kerngesund. jedenfalls körperlich.
    Dem Rechtsmediziner hab ich mal ein paar Kommentare hinterlassen

    Maja

    24. Februar 2011 at 19:39

  6. Nein, schlechte Nachrichten sind keine guten Nachrichten – aber vielleicht mal überlegt, dass dieser Mann einfach nur wissen will, woran es liegt? Was er hat?

    Bei mir war es zum Schluss „nur“ eine Nahrungsmittelintoleranz – aber nach zwei Jahren Spießrutenlauf war ich froh, mal nicht gehört zu haben, alles i.O., ohne Befund.
    Gerade im Bereich von Lebensmittelintoleranzen kenne ich aus meinem Bekanntenkreis noch zwei weitere Fälle, die ähnlich wie ich, als Hypochonderin, Spinnerin oder ähnliches hingestellt wurden.

    Der Vater einer Freundin ist nach diesem Spießrutenlauf über Monate bei Kardiologen bei dem „alles soweit in Ordnung“ war eines morgens an einem Herzinfarkt verstorben.

    Eine Freundin von mir wurde jahrelang von ihrem Arzt als psychisch krank, suchtmittelabhängig usw bezeichnet. Vor zwei Jahren wurde die Diagnose gestellt. Heilung? Mmh, wird es wohl kaum geben… Allerdings gibt es derzeit in diesem Bereich wohl verschiedene Forschungen und Studien, in einer ist sie jetzt mit drin. Vielleicht hat sie doch noch Glück.

    Mein Onkel wurde über Monate nicht ernst genommen – mit Krebs hat einfach niemand gerechnet.

    Hätte eine frühere Diagnosestellung etwas geändert? Ich weiß es nicht – zumindest bei den „letzten 3 Fällen“. Zumindest nicht körperlich. Aber psychisch hätte es wohl viel zum Wohlbefinden beigetragen. Und wenn man (ernst gemenit) gesagt hätte „Ich glaube ihnen, aber ich bin mit meinem Latein am Ende“ – wäre.

    Aber nein, unterschwellig oder direkt wird einem vermittelt: stellen sie sich mal nicht so an… ja, ja

    sehr wahrscheinlich ist in diesem Fall/ diesem Blogbeitrag eh alles anders… Hilft aber nicht unbedingt mein Ärztemisstrauen und den absoluten Vertrauensverlust in die „Halbgötter in weiß“ zu mindern.

    Ja, ich weiß, ich muss diesen Blog nicht lesen…

    Catinka

    24. Februar 2011 at 19:56

  7. manchmal muss man die Leute einfach zu ihrem Glück zwingen – Psychosomatik

    anna

    24. Februar 2011 at 23:14

  8. @Catinka: Ich muss dir aus eigener Erfahrugn recht geben, es wäre manchmal nicht verkehrt, wenn ein Arzt zugeben würde, wenn er sich auf einem Gebiet nicht so gut auskennt, dass er einem helfen kann. Das nimmt auch keiner übel bei der Komplexität der Materie und es verlangt auch niemand, den klassischen „Universalgelehrten“, den es früher mal gab, kann es heute aufgrund des explodierenden Wissens gar nicht mehr geben.

    Vollspasti

    25. Februar 2011 at 19:30

  9. „Seien Sie froh, Sie haben nichts“ ist einfach schrecklich invalidierend und kränkend. Kein Wunder auch, dass er das nicht ernst nimmt, schließlich *weiß* er ja, dass der Arzt sich irrt, er kriegt immerhin keine Luft, und das ist definitiv nicht „nichts“.

    Wenn man es schafft, zu vermitteln, dass man kapiert hat wie schrecklich es ist, keine Luft zu kriegen, könnte man als nächsten Schritt mal in Grundzügen ansprechen, wie Nervensystem und Körper zusammenhängen. Mit möglichst vielen Fremdwörtern und eindrucksvollen Beispielen. Keinerlei Zweifel daran lassen, dass die hier vorliegende Störung eine echte, ernstzunehmende Erkrankung ist. Und bloß kein Wort in den Mund nehmen was mit „Psych-“ anfängt.

    Bei mir (Psychiatrie) landen jeden Tag Patienten wie Herr Meyer-Waldfink. Ungefähr drei viertel erwischt man schon im Erstgespräch, nur mit ein bißchen Bauchpinseln, und hat sie dann in der Regel schnell überzeugt, dass Psychiatrie/Psychosomatik eigentlich sowas wie Wellness für besonders gestresste Menschen ist.

    Das restliche Viertel kann man zumindest teilweise gewinnen, z.B. dass sie sich im Notfall nächstes Mal direkt in der Psychiatrie vorstellen, weil man nicht so lange warten musste, und die Ärztin war irgendwie verständnisvoller als anderswo. 🙂
    Nur ein Bruchteil dieser Patienten sind wirklich hartnäckig chronifiziert und völlig unberatbar, an denen verzweifelt dann aber auch wirklich jede Psychosomatik.

    Für so ein Ambulanz-Gespräch muss ich mir allerdings ca. 30 Minuten Zeit nehmen, was wahrscheinlich in anderen Fachgebieten nicht wirklich drin ist, für jemanden der „nur“ was psychisches hat. Andererseits, denk mal wie viel Zeit das der gesamten Inneren Medizin erspart, wenn man nur einen dieser Kandidaten dauerhaft aus dem Krankenhaus-Teufelskreis befreien kann!

    Em

    27. Februar 2011 at 21:32


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